Paris

„Unglaubliche Gewalt“ beim Mord an Pater Hamel

Am zweiten Tag des Prozesses des Attentates gegen Pater Jacques Hamel schildert ein Polizist das ganze Grauen des Massakers.
Porträt von Pater Jacques Hamel
Foto: Michael Bunel / Le Pictorium via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Im Prozess sprachen Polizisten von den Blutlachen auf dem Boden der Kirche und von der "unglaublichen Gewalt" der beiden Mörder, die aus ihrer Entschlossenheit zu töten sichtlich kein Geheimnis gemacht hätten.

Vom zweiten Prozesstag des Verfahrens gegen die Hintermänner des Mordes an Pater Jacques Hamel, der am Altar in einer Pfarrkirche während der heiligen Messe am 26. Juli 2016 mit mehreren Messerstichen brutal getötet worden war, berichtet die französische Tageszeitung „Le Figaro“. Das Pariser Schwurgericht konnte einen der Hauptverdächtigen, Rachid Kassim, nicht mehr befragen, da er vermutlich vor einigen Jahren bei einem Bombenangriff im Irak ums Leben gekommen war. Am Vorabend habe man, laut Figaro, erfahren, dass seine Mutter, die sich von ihrem Sohn losgesagt hat, ein ärztliches Attest präsentiert und einen langen Brief an das Gericht gerichtet habe, um nicht als Zeugin geladen zu werden.

Das Bindeglied der Terroristen

Dennoch sei der „Schatten“ Rachid Kassims während der Verhandlung präsent gewesen, nachdem ein Polizist der antiterroristischen Abteilung (SDAT) der Polizei ausgesagt hatte, dass Kassim der Mann sei, der „in der Nacht des 24. Juli 2016“ ein Loyalitätsvideo von zwei weiteren Angeklagten des Prozesses - Adel Kermiche und Abdel-Malik Petitjean – erhielt. Kassim sei es gewesen, der, wie der Polizist weiter ausführte, unter den IS-Propagandisten aktiv war: Er gab „Ratschläge über den zu verwendenden Modus Operandi“ bei den Aktionen und legte Nachdruck auf „die symbolische Dimension dessen, wie man sich mit den vorhandenen Möglichkeiten ein Gotteshaus vornimmt“.

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Kassim sei zudem eines der Bindeglieder, der die drei anwesenden Männer auf der Anklagebank und die beiden nach dem Anschlag getöteten Terroristen miteinander verband. Denn „Farid Khelil, Yassine Sebaihia und Jean-Philippe Steven Jean-Louis folgten, nach Angaben der Staatsanwaltschaft, alle seinen Aufrufen zum Hass auf dem verschlüsselten Mitteilungsdienst Telegram“, so der Figaro. Bei den Vernehmungen zu den einzelnen Personen habe sich herausgestellt, dass die so unterschiedlichen Persönlichkeitsprofile dennoch etwas gemeinsam hatten: „Auf dem Papier ähnelten Khelil, Sebaihia und Jean-Louis unheimlich einer idealen Beute für einen Anwerber und Verführer wie Rachid Kassim“.

Fügsam und beeinflussbar

„Die Angeklagten werden als intelligente Wesen beschrieben“, fährt der Figaro fort, die aber „verärgert oder frustriert“, etwa auf eine Kündigung oder einen geringschätzigen Blick von Angehörigen, reagierten - mangels eines Vaters oder zuweilen auf der Suche nach einem abwesenden Vater. Sie seien „fügsam“ und „beeinflussbar“ gewesen. Darüber hinaus seien sie auch „körperlich oder seelisch zerbrechlich, beeinträchtigt durch eine von Gewalt geprägte Vita“. Eine der durch den Prozess in den kommenden Wochen zu beantwortenden Schlüsselfragen sei daher, wie der Figaro meint, ob der radikale Islam und seine Anwerber wie Kassim den jungen Männern Antworten auf die Gewalt gegeben und sie zum Umschwenken auf die Unterstützung des Terrorismus verleitet hätten. 

Die andere Frage wird natürlich sein, „ob diese drei Männer, die nicht für das Attentat selbst gerichtet werden, die beiden Terroristen – wie die Staatsanwaltschaft vorbringt – ermutigt haben, deren Gefährlichkeit sie kannten und deren tödliche Ideologie sie teilten“. Während der Aussage des Polizisten seien die drei Angeklagten wie auch der ganze Saal und die Zivilkläger „aufmerksam“ gewesen, als sie „die mit Blut besudelten Kleidungsstücke von Pater Hamel sahen. Ebenso hörten sie das Zeugnis von Guy Coponet [der bei dem Attentat in der Kirche schwer verletzt worden war], der aussagte, dass ‚der aggressivste der beiden (Terroristen) den Priester niedergemetzelt hat‘“. Sie hörten auch dem Polizisten zu, „der von den Blutlachen auf dem Boden der Kirche und von der ‚unglaublichen Gewalt‘ der beiden Mörder sprach, die aus ihrer Entschlossenheit zu töten sichtlich kein Geheimnis machten“.  DT/ks

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