Bildung

„Katholische Bildung aus biblischer Perspektive“

Bei der Internationalen Tagung „Katholische Bildung aus biblischer Perspektive“ an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstatt diskutierten die Teilnehmer darüber, wie katholische Bildung überkonfessionell drängende Fragen in Kirche und Gesellschaft beantworten kann.
Kardinal Woelki
Foto: Johanna Knacker | Kardinal Rainer Maria Woelki hielt den Festvortrag der Internationalen Tagung. Er wurde von den Teilnehmern mit anhaltendem Applaus begrüßt.

Unglücklich sind, die Weisheit und Bildung verachten.“ Mit diesem Zitat aus dem Buch der Weisheit überschrieb Kardinal Rainer Maria Woelki seinen Festvortrag zur Tagung „Katholische Bildung aus biblischer Perspektive“. Die Tagung richtete die KU Eichstätt vom 6. bis 8. Mai in Kooperation mit der katholischen Privatuniversität Linz  und der katholischen Universität Ávila aus. Um die 100 Teilnehmer aus ganz Deutschland, den Vereinigten Staaten, Spanien und Österreich hatten sich angemeldet, um über katholische Bildung und ihre Aufgaben heute zu diskutieren.

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Eine Theologie mit Strahlkraft

Der Kölner Kardinal sprach in seinem Festvortrag am Freitagabend von einer „Bildungskatastrophe“, die sich in den letzten Jahren abgezeichnet habe. Heute sei Wissen und Bildung fragmentiert, das Bildungsdenken utilitaristisch, während gleichzeitig Populismus immer mehr Einzug in die Gesellschaft halte.

„Es braucht Theologie, die Strahlkraft entwickelt, die in den Feuilletons und den Gesprächen der Menschen wieder Raum einnimmt“, erklärte der Kardinal, der mit anhaltendem Beifall und Willkommensschildern begrüßt wurde. Dieses Anliegen sei es gewesen, das ihn dazu bewegt habe, die Philosophisch-Theologische Hochschule St. Augustin zu übernehmen, die jetzt den Titel Kölner Hochschule für katholische Theologie trägt.

Das ideale Bild vom Menschen

Woelki forderte von Katholiken heute eine kritische Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist, ohne weltfremd zu sein. Der Kardinal schlug eine Neuausrichtung vor: Katholiken sollten sich am Evangelium und insbesondere seiner sozialen Dimension orientieren. Woelki wünschte sich mit Verweis auf die Linie von Papst Franziskus eine Kultur der Begegnung, Bereitschaft zum Dialog, und dazu, sich mit anderen Fächern auszutauschen. Aufgabe der kirchlichen Universitäten, erklärte Woelki, sei es, eine Kultur der Liebe zu schaffen. Sie seien kein Selbstzweck, sondern dienten der Evangelisierung und Solidarisierung.

„Der deutsche Begriff der Bildung gibt den Konzepten von eruditio und formatio einen Fluchtpunkt: Christus, der neue Mensch“, erklärte wiederum Bischof Rudolf Voderholzer. Der Bischof nahm auch aktuelle soziale Entwicklungen  wie Transhumanismus oder Gendertheorie in den Diskurs über katholische Bildung auf. Der Bischof warnte, dass dieses Gedankengut gnostische Elemente habe und, anders als das biblische und katholische Menschenbild, dem Leib feindlich gegenüber stehe. Die steigenden Zahlen von Menschen, die unter Geschlechterdysphorie leiden und ihr leibliches Geschlecht als falsch empfinden, stelle auch pastorale Mitarbeiter der Kirche vor neue Herausforderungen.

„Aus christlicher Perspektive ist unser Vorbild keine anthropologische Theorie oder ein moralisches Ideal. Das ideale Bild wird vielmehr von einem wahren Menschen verkörpert, der zugleich wahrer Gott ist: Jesus Christus“, betonte der aus Madrid angereiste Weihbischof Juan Antonio Martínez Camino. In seinem Vortrag verwies er auf die Heiligen als Vorbilder, die, je auf ihre Weise, die Verähnlichung und Vereinigung mit Gott vorgemacht haben. Der Jesuit erzählte dazu die Geschichte vom Heiligen Ignatius von Loyola, der sich durch die Lektüre von Heiligenviten bekehrte.

Bildung ermöglicht Menschen, sich zu entfalten

Doch wie kann katholische Bildung konkret aussehen? Ines Weber von der Privatuniversität Linz gab in einem Workshop einen Einblick, wie sie ihren Unterricht mit katholischem Hintergrund gestaltet.

Für die Kirchenhistorikerin, die sich im Bereich Persönlichkeitsentwicklung spezialisiert hat, bedeute katholische Bildung Verantwortung nicht nur für die eigene Entwicklung, sondern auch die der anderen. „Wir haben in der katholischen Kirche in Abgrenzung zu den frühen Protestanten ein sehr positives Menschenbild. Das heißt, einander zuzutrauen, Gutes zu tun, und auch an diesen guten Kern zu glauben, wenn ein Mensch einmal fällt“, erklärte sie.

Weber beschrieb, wie Schüler durch unterschiedliche Lehrmethoden wie Rollenspiele oder den Vortrag selbstgeschriebener Reden ihre Stärken und Schwächen erkennen könnten. „Auch das gehört zur katholischen Bildung dazu, dass ich meine Stärken und Schwächen kenne und dann daran arbeiten kann“, so Weber. Diesen Gedanken fasste Kardinal Woelki nach der Messe am Samstagmorgen in die Worte: „Wir sind nicht immer die Besten, aber wir folgen dem Besten nach.“

Ahnungslose Demonstranten

Am Freitagabend sprachen sich Demonstranten vor der Aula der Universität, wo die Tagung stattfand, gegen die Anwesenheit Woelkis auf dem Campus aus. Einige Teilnehmer der Tagung traten mit den Demonstranten ins Gespräch. Einer von ihnen erklärte, es gebe inhaltliche Gemeinsamkeiten der Demonstranten mit den Anliegen Woelkis, die er in seinem Vortrag formuliert hatte, während eine andere berichtete, dass die Demonstranten nicht gewusst hätten, worum es bei der Tagung gehe.

Bei der abschließenden Podiumsdiskussion berichteten Marco Bernini, Maria L. Pro Velasco und Friedrich Bechina von ihren Erfahrungen an ausländischen Universitäten. Velasco erzählte von einer muslimischen Lehramtstudentin: „Sie war begeistert von der Humanität unseres katholischen Menschenbildes. Soweit ich weiß, hat sie sich nicht bekehrt – es ist eben ein Prozess, und das ist der Anfang.“

An amerikanischen Universitäten gebe es ein stärkeres Bewusstsein für eine katholische Identität, so Bernini, der an der Catholic University of Washington unterrichtet hatte. Doch das zähle genauso viel wie Offenheit für andere: „Glaubensinhalte stehen bei uns immer im Dialog mit der Gesellschaft.“

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Bildung verändert

Durch die hohen Studiengebühren würden die Studierenden außerdem zu Kunden. „Ich habe dadurch eine neue Sichtweise gelernt, die sich auch mit katholischer Bildung vereinbaren lässt,“ so Bernini. „Es geht nicht nur um das Fachliche – das muss ohnehin gut sein. Aber es geht viel mehr noch um die Person, und darum, dass sie sich entfalten kann.“

Martin Kirschner, Fundamentaltheologe an der KU Eichstätt, sprach in der Diskussion noch einmal von der Dialogbereitschaft, besonders mit Menschen, die der Kirche Vorbehalte entgegenbrächten: „Wenn ich das Evangelium meines Gegenübers lerne, auch dessen, der mir widerspricht, dann passiert etwas. Dann kommen beide am Ende verändert heraus, und das ist für mich Bildung.“

Die Neugier

Der Kirchenrechtler Christoph Ohly, Dozent an der Kölner Hochschule für katholische Theologie betonte die Rolle der Neugier für einen gelungenen Dialog: „Ich erlebe es so, dass die Kommunikation mit Wissenschaftlern, die aus vermeintlich nicht-kirchlichen Institutionen stammen, oft besser gelingt als der innerkirchliche.“ Er erlebe die Einschätzungen, die ihm innerhalb der Kirche entgegengebracht würden, als Beschwernis bei dem Versuch, sich über katholische Bildung zu verständigen. „Bei Menschen, die von der Lebenswirklichkeit der Kirche nicht viel wissen, erlebe ich oft eine große Neugier, die ich leider beim innerkirchlichen Dialog manchmal vermisse.“

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