Russland

Josef Stalin: Vom ungläubigen Seminaristen zum gläubigen Leninisten

Vor 100 Jahren kämpfte sich Josef Stalin an die Spitze – Lenins Kampf gegen die russische Orthodoxie setzte er zunächst fort
Stalin und Lenin 1922
Foto: - (dpa) | Staatsgründer Wladimir Iljitsch Lenin und sein Nachfolger Josef Stalin in Gorki, Lenins Alterssitz.

Vor einem Jahrhundert, am 3. April 1922, übernahm Josef W. Dschugaschwili – bereits damals bekannt unter seinem Kampfnamen „Stalin“ (der Stählerne) – das Amt des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei. Lenin und viele seiner Weggefährten unterschätzten den Georgier damals noch. Manche meinten, ihn benutzen und dann entsorgen zu können, andere fühlten sich stark genug, ihn zu verachten. Bald sollten sie ihn fürchten, vor ihm fliehen oder zu Opfern seiner zahlreichen und maßlosen Säuberungsaktionen werden.
1922 trat er, der bei der „Oktoberrevolution“ 1917 keine maßgebliche Rolle gespielt hatte, an die Spitze der herrschenden Partei. Bis zu seinem Tod 1953 sollte er an der Spitze der Sowjetunion bleiben: Drei blutige, grausame, von Angst und Terror erfüllte Jahrzehnte lang.

Lesen Sie auch:

Kirchen wurden gesprengt, Ikonen verbrannt

Wie wurde aus dem einstigen Priesterseminaristen der grausame Anführer der atheistischen Weltmacht? Diese oft gestellte Frage übersieht, dass seine Priester-Berufung allein der Traum seiner Mutter war. Der Vater war ein brutaler Säufer, die Mutter eine fromme Orthodoxe. Sie schickte den damals 14-jährigen Josef ins Priesterseminar in Tiflis und wünschte, dass er Priester würde. Der von den väterlichen Prügeln und Straßenschlägereien verhärtete, aber intelligente Jugendliche dagegen verachtete bereits damals die Geistlichen.

Wie viele georgische Seminaristen beschäftigte er sich lieber mit revolutionären Schriften. In einem Interview meinte Stalin später, auf seine Zeit im georgisch-orthodoxen Priesterseminar zurückblickend: „Aus Protest gegen das schändliche Regime und die jesuitischen Methoden, die im Seminar angewandt wurden, war ich bereit, Revolutionär zu werden.“ Die erst 1937 verstorbene Mutter sagte viel später zu Stalin auf dem Höhepunkt seiner Macht: „Wie schade, dass Du nicht doch Priester geworden bist.“ Zu jener Zeit ließ Stalin Kirchen sprengen und Ikonen zu Abertausenden aus den Häusern entfernen und verbrennen. Anstelle der christlichen Ikonen musste nun Stalins Porträt in jedem Haus hängen. In seinen ersten Jahren als hauptberuflicher Revolutionär war Stalin für Überfälle und Erpressungen zuständig. Lenin förderte ihn damals gerade wegen seiner Skrupellosigkeit und Bereitschaft zu Gewalt. Stalins Biograf Dimitri Wolkogonow schrieb: „Stalin hat schon früh geglaubt, dass er sich im Leben auf niemanden verlassen könne – außer auf sich selbst.“

Erhebliche Meinungsunterschiede

Auf dem 11. Parteitag im April 1922 – dem letzten, an dem Lenin persönlich teilnahm – wurde Stalin zum Generalsekretär gewählt. Während Lenin gesundheitlich zunehmend verfiel – im Mai 1922 hatte er seinen ersten Schlaganfall –, baute Stalin seine Macht immer weiter aus. Der Georgier besuchte Lenin häufig am Krankenbett, was Biografen als „Lehrstunden für Stalin“ deuteten. Tatsächlich ging es dabei auch um Kontrolle und um die Deutungshoheit darüber, was Lenin zu sagen und anzuweisen hatte.

Dass es erhebliche Meinungsunterschiede gab, dokumentieren Briefe und Telegramme Lenins an Mitglieder des Politbüros. Noch im Dezember 1922 schrieb Lenin einen „Brief an den Parteitag“, in dem er vorschlug, Stalin aus dem Amt des Generalsekretärs zu entfernen. Wolkogonow dazu: „Lenin hatte Stalins moralische Anomalien erkannt und vorausgesehen, dass sie eine Gefahr für die Partei darstellten. Doch die moralischen Kriterien verloren im Lauf der folgenden Jahre alle Bedeutung.“

Leo Trotzki schrieb in seinen Memoiren wohl zu Recht, dass nur die Krankheit Lenin daran gehindert habe, Stalin zu „zertrümmern“. Immerhin äußerte Lenin in einem diktierten Memo die Ansicht, dass Stalin „eine unermessliche Macht in seinen Händen konzentriert“ habe – und: „Ich bin nicht überzeugt, dass er es immer verstehen wird, von dieser Macht vorsichtig genug Gebrauch zu machen.“

Der Stählerne

Am 24. Dezember 1922 diktierte Lenin: „Stalin ist zu grob, und dieser Mangel, der in unserer Mitte und unter uns Kommunisten durchaus erträglich ist, kann in der Funktion des Generalsekretärs nicht geduldet werden. Deshalb schlage ich den Genossen vor, sich zu überlegen, wie man Stalin ablösen könnte, und jemand anderen an diese Stelle zu setzen, der sich in jeder Hinsicht vom Genossen Stalin nur durch einen Vorzug unterscheidet, nämlich dadurch, dass er toleranter, loyaler, höflicher und den Genossen gegenüber aufmerksamer und weniger launenhaft ist.“
Josef Stalin diskreditierte und diffamierte nach und nach alle Rivalen um die Macht. Auch war seine innerparteiliche Konkurrenz teils naiv, teils gespalten. Spätestens 1927 – drei Jahre nach Lenins Tod – besaß Stalin die unumschränkte Macht in der Sowjetunion. Jetzt räumte er nicht nur mit Anti-Kommunisten auf, sondern mit den alten Weggefährten Lenins, mit Berufsrevolutionären und Offizieren der Roten Armee.

Zehntausende wählte Stalin persönlich für Erschießungen aus. Mehr als 1,5 Millionen Menschen wurden als Volksfeinde verhaftet und mehrheitlich ermordet. Dazu kommen Millionen Hunger- und Kriegstote. Auch seine allerengste Umgebung durfte sich nie sicher fühlen, denn in Stalins System genügte ein bloßer Verdacht für ein Todesurteil.
Die Religionspolitik Lenins setzte der „Stählerne“ zunächst fort. Bereits Lenin hatte Gott selbst den Krieg erklärt: „Die Elektrizität wird Gott ersetzen. Lasst den Bauern die Elektrizität anbeten, er wird in ihr die Macht der Behörden mehr spüren als die des Himmels.“ Am 2. November 1917 hatten die neuen Machthaber den privilegierten Status der russischen Orthodoxie aufgehoben. Wenige Tage später erließen sie Dekrete über die Verstaatlichung der Klöster, aller Schulen und kirchlichen Seminare. Die Zwangszivilehe wurde eingeführt, die Militärgeistlichen wurden entlassen, die Subventionen des Staates an die Orthodoxie eingestellt, der Grundbesitz konfisziert.

Priester brutal niedermachen

Die bolschewistische Regierung verfügte die Trennung von Kirche und Staat und die Beschlagnahme allen Kirchenbesitzes. Reliquien wurden geschändet, Kirchenfeste gestört, Bischöfe verhaftet.

Am 26. Februar 1922 wurde ein Dekret veröffentlicht, das die „sofortige Beschlagnahmung aller in den Kirchen befindlichen Edelsteine und Wertgegenstände aus Gold und Silber, die nicht direkt dem Gottesdienst dienen“ verfügt. Lenin schrieb am 19. März gegen „die rebellische Stellungnahme des Patriarchen Tichon“: „Unsere Chancen, den Feind mit durchschlagendem Erfolg am Kopf tödlich zu treffen und uns für die kommenden Jahrzehnte wichtige Positionen zu sichern, stehen 99 zu 1. Jetzt und nur jetzt bei all den ausgehungerten, sich von Menschenfleisch ernährenden Leuten und den mit Hunderten, Tausenden von Leichen übersäten Straßen können und müssen wir mit energischem Eifer und ohne Erbarmen den Kirchenbesitz konfiszieren.“ Priester seien mit Entschiedenheit und Brutalität niederzumachen, befahl Lenin.

Das Politbüro beschloss am 22. März, den Patriarchen und die Mitglieder der Synode binnen 25 Tagen zu verhaften. Im Mai 1922 erreichte die Kampagne zur Konfiszierung des Kirchenbesitzes ihren Höhepunkt. Allein 1922 wurden 2 691 Priester, 1 962 Mönche und 3 447 Nonnen ermordet. Patriarch Tichon wurde unter Hausarrest gestellt – und 1925 mutmaßlich vergiftet.

Lesen Sie auch:

Die Orthodoxie bekämpft, dann aber benutzt

Stalin blieb auf dieser Linie. Atheistische Propaganda und antireligiöser Terror führten dazu, dass die russisch-orthodoxe Kirche zu Beginn des Zweiten Weltkriegs erledigt schien. Nur mehr sieben Bischöfe und einige Hundert Priester waren im Amt.

Als jedoch das Deutsche Reich den Angriff auf die Sowjetunion begann, riefen die verbliebenen Bischöfe die Gläubigen dazu auf, dem Vaterland zu dienen. Eine Panzerkolonne wurde aus den Spenden orthodoxer Gläubiger finanziert. Und so wagte Stalin zwei Jahrzehnte nach seiner Machtergreifung einen radikalen Schwenk: Ab 1941 wurde die anti-religiöse Propaganda eingestellt, am 4. September 1943 empfing Stalin Hierarchen der russischen Orthodoxie und erlaubte die Wahl eines Patriarchen.
Dass nicht etwa Stalin vor der Macht der Kirche eingeknickt war, sondern sich diese als dienlich erwies, zeigte sich bald: Ein orthodoxes Landeskonzil Anfang 1945 wurde von den Sowjetbehörden organisiert; das von ihr verabschiedete Kirchenstatut war zuvor mit dem Regierungsbeauftragten ausgehandelt worden. Bis zur Zeitenwende des Weltkriegs hatte Stalin als gläubiger Leninist die orthodoxe Kirche bekämpft – nun begann er, sie zu instrumentalisieren.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Russlands aktuelle Kriegsstrategie erinnert viele Ukrainer an den Holodomor, den millionenfachen Hunger-Mord unter dem Grausamsten aller Sowjet-Tyrannen, aber auch an Methoden der Nazis.
19.04.2022, 19  Uhr
Stephan Baier
Der ukrainische Widerstand überrascht Freund und Feind. Er hat seine Wurzeln in den leidvollen Tragödien der Geschichte.
16.03.2022, 19  Uhr
Stephan Baier
Themen & Autoren
Stephan Baier Bischöfe Josef Stalin Mönche Orthodoxe Priesterseminare Russisch-Orthodoxe Kirche Wladimir I. Lenin

Kirche

Der klassische römische Ritus ist weder tot noch in seiner Existenz gefährdet. Daran ändert auch das neue Papstschreiben nichts.
30.06.2022, 11 Uhr
Regina Einig
Der Kampf der Systeme und ein Etappensieg für den Schutz des ungeborenen Lebens: Chefredakteur Guido Horst stellt im Video einige Themen der neuen Ausgabe der "Tagespost" vor.
29.06.2022, 17 Uhr
In seinem jüngsten Apostolischen Schreiben bekräftigt Franziskus, dass es nur eine Form gibt, den römischen Ritus zu feiern.
29.06.2022, 12 Uhr
Guido Horst