„Die Kirche ist das Haus des Trostes“

In Georgien verurteilte Papst Franziskus jeglichen Proselytismus gegenüber Orthodoxen und warnte erneut vor der Verweltlichung. Von Stephan Baier
Pope Francis visits Georgia
Foto: dpa | Fand deutliche Worte: Papst Franziskus lobte bei der Feier der Heiligen Messe in Tiflis christliche Gemeinschaften, „die die unverfälschte Einfachheit des Evangeliums leben“.

Anahit, die Direktorin der georgischen Caritas, ist armenisch-katholisch und stammt aus dem armenischen Gjumri. Sie lebt erst seit neun Monaten in Tiflis. Ihre engste Mitarbeiterin, Nino, ist georgisch-orthodox. Die beiden Damen unterhalten sich mal auf Russisch, dann wieder auf Englisch. In ihrem Büro hängen die Bilder aller katholischen Bischöfe: des römisch-katholischen Giuseppe Pasotto, der aus Italien stammt, des chaldäischen Patriarchen Louis Raphael Sako und des armenisch-katholischen Erzbischofs Raphael Minassian. Im Flur hängt auch ein Porträt des georgisch-orthodoxen Patriarchen Ilija II. Der Kaukasus war stets Schmelztiegel vieler Völker, aber auch Zankapfel zwischen den Mächten. Bis heute: Ein Fünftel des georgischen Staatsgebiets ist faktisch unter russischer Kontrolle, doch die große Mehrheit im Land drängt darauf, möglichst rasch der NATO und der EU beizutreten.

So bunt und vielgestaltig wie das Land ist die kleine, aber vitale katholische Kirche in Georgien, die Papst Franziskus am Wochenende besuchte. Zahlenangaben sind im Kaukasus – wie auf dem Balkan und im Orient – mit Vorsicht zu genießen: 112 000 Katholiken leben laut staatlicher Statistik in Georgien. Doch Erzbischof Minassian beansprucht im Gespräch mit dieser Zeitung 120 000 armenische Katholiken; dazu kommen rund 30 000 Katholiken des lateinischen Ritus und 7 000 katholische Chaldäer. Alle Bischöfe konzelebrierten, als Papst Franziskus am Samstagvormittag im Fußballstadion die Messe feierte. Armenische und aramäische Gesänge bereicherten die lateinische Liturgie.

Vor nur etwa 4 000 Gläubigen hielt Franziskus eine deutliche Entweltlichungs-Predigt. Der Papst lobte die christlichen Gemeinschaften, „die die unverfälschte Einfachheit des Evangeliums leben“, und die Hirten, „die sich nicht auf das hohe Ross der Logik des weltlichen Erfolgs setzen“. Die demütige, gesellschaftlich marginalisierte katholische Kirche Georgiens kann er damit kaum kritisiert haben. Politische Beobachter im Land meinen aber, der frühere Präsident Micheil Saakaschwili habe fast überall im Land die Korruption ausgemerzt – nur nicht in der georgischen Orthodoxie. Vor diesem Hintergrund und angesichts der Tatsache, dass diese Kirche die Ökumene betont kritisch sieht, ließ sich die Papstpredigt auch als brüderliche Mahnung hören. Die orthodoxen Hierarchen waren der Papstmesse geschlossen fern geblieben. Seine Warnungen vor einem „kirchlichen Mikroklima“, an das man sich nicht gewöhnen dürfe, seine Aufforderung, „offene Horizonte der Hoffnung miteinander zu teilen“, hörte nur die kleine Herde der Katholiken.

Franziskus betrat das Stadion durch eine mobile „Pforte der Barmherzigkeit“ und zelebrierte die Messe vor einem großen Holzkreuz, das sich einst in der katholischen Kirche von Gori – der Geburtsstadt Josef Stalins – befand und in kommunistischer Zeit verräumt worden war. „In der Kirche findet man Trost. Die Kirche ist das Haus des Trostes“, sagte Franziskus in einem Land, in dem die Katholiken jahrzehntelang unter der sowjetischen Diktatur litten. Bereits zuvor war es am Freitagabend zu einer familiären Begegnung des Papstes mit einer heute leidenden Kirche gekommen: In der kleinen chaldäisch-katholischen Kirche St. Simon hatten sich mit Patriarch Sako Bischöfe aus dem Irak versammelt, um gemeinsam mit den Chaldäern Georgiens den Papst zu begrüßen. Ein von Mädchen dominierter Chor sang Hymnen auf Aramäisch. „Die Märtyrer haben die Engel nachgeahmt. Sie gingen und kamen gleich allen Menschen, aber ihre Gedanken waren im Himmel, bei den Engeln“, heißt es in einem dieser aramäischen Hymnen, die dem Papst vorgesungen wurden. Franziskus selbst beschränkte sich auf ein kurzes Gebet für den Frieden, in dem er auch der „Leiden so vieler unschuldiger Opfer“ sowie der Vertriebenen und Flüchtlinge gedachte. Als Franziskus, der sogar auf den vorgesehenen Segen verzichtete, rasch weitereilte, scharten sich die Chaldäer um ihre Bischöfe aus dem Irak. Die Begegnung mit dem Papst mündete in eine orientalische Familienfeier.

Freundlich, wenn auch weniger herzlich empfing am Freitagnachmittag der orthodoxe Patriarch Ilija II. den Papst als „Bischof von Rom“, nachdem der Staatspräsident Franziskus zuvor als „Staatsoberhaupt der Vatikan-Stadt“ – nicht als Oberhaupt einer universalen Kirche – begrüßt hatte. Ilija II. erinnerte daran, dass die Kirche Georgiens vom Apostel Andreas „dem Erstberufenen“ gegründet wurde, wie die Kirche von Rom von Petrus: „Petrus und Andreas waren Brüder, und auch wir hatten bereits besonders herzliche Beziehungen, und müssen diese auch weiter haben.“ Der orthodoxe Patriarch würdigte ausdrücklich „die Verdienste der georgischen Katholiken im Kampf für die politische Unabhängigkeit Georgiens und in der kulturellen Entwicklung unserer Heimat“. Der Kirche von Rom dankte er für die Ausbildung des georgischen Klerus in Europa. Mehr noch: Das Oberhaupt der als Ökumene-kritischen georgischen Orthodoxie benannte gemeinsame Themenfelder und bekannte sich zum theologischen Dialog zwischen Orthodoxen und Katholiken. Man habe mit der katholischen Kirche Georgiens Tagungen über Bioethik veranstaltet und wolle diese Zusammenarbeit fortsetzen. Eine Kooperation wünsche er sich auch in der „Verteidigung der Institution der Familie“, denn eine starke und stabile Familie sei der Garant der Stärke und der Stabilität jeglicher Nation, so Ilija II.

Franziskus seinerseits erinnerte an die Studien georgischer Akademiker in Rom und an die „Präsenz einer Ihrer Gemeinden in Rom, die in einer Kirche meiner Diözese zu Gast ist“. In seiner Rede, die reich war an lokalhistorischen Anspielungen, nahm er auf die sprichwörtliche Weinbaukultur Georgiens Bezug: „Das georgische Volk liebt es, die kostbarsten Werte zu feiern und dabei mit der Frucht des Weinstocks anzustoßen“, sagte Franziskus. Er selbst sei als Pilger und Freund gekommen. Von orthodoxen Eiferern, die den Papst bereits am Flughafen und nochmals in der Innenstadt mit Schildern begrüßten, auf denen er als „Erzhäretiker“ und der Vatikan als „Aggressor“ beschimpft wurden, hatte sich Patriarch Ilija zuvor öffentlich distanziert. Am Samstag schließlich verglich der Papst beim Besuch der orthodoxen Sveti-Tskhoveli-Kathedrale von Mtskheta – an deren Stelle bereits im 4. Jahrhundert eine Kirche stand – die Spaltungen und Risse in der Christenheit mit „Risswunden, die dem Leib des Herrn zugefügt wurden“. Franziskus warb hier für Vertrauen, Demut und Mut.

Der katholische Bischof Giuseppe Pasotto, dessen ökumenisch ausgerichtetes Bischofswort „Ut unum sint“ auch den Rasen des Sportstadions während der Papstmesse zierte, meinte am Rande des Papstbesuchs im Gespräch mit der „Tagespost“, der katholischen Kirche gehe es in Georgien nicht darum, zahlenmäßig zu wachsen. Sie betreibe keinen Proselytismus. Der Fortschritt bestehe vielmehr darin, dass sie eine echte Ortskirche werde. Viele Georgier hielten sich für orthodox und liebten ihre Traditionen, weil diese ihnen Sicherheit geben, gingen aber gar nicht zur Kirche. Dennoch sei „das Herz der Georgier stets ein religiöses Herz“. Papst Franziskus formulierte bei seiner Begegnung mit Priestern, Ordensleuten und Seminaristen weit schärfer: Einen Orthodoxen zur Konversion zu drängen, sei eine „große Sünde gegen die Ökumene“, meinte der Papst in freier Rede in der Mariä-Himmelfahrt-Kirche von Tiflis. Niemals dürfe man gegenüber Orthodoxen auf Proselytismus setzen, sondern auf Freundschaft, auf den gemeinsamen Weg, auf das Gebet füreinander.

Themen & Autoren

Kirche

Der Kardinal hatte aus Altersgründen seinen Rücktritt angeboten. Sein Nachfolger wird der Bischof von Chiclayo in Peru, Robert Francis Prevost.
30.01.2023, 15 Uhr
Meldung
Kirchenführung durch Interviews wahrzunehmen, halte er für äußerst fragwürdig, so der DBK-Vorsitzende. Am „Synodalen Ausschuss“ will er weiter festhalten.
27.01.2023, 15 Uhr
Ein digitales Netzwerk breitet sich in Italien aus und verbindet Menschen virtuell. Gebet, Katechese und Eucharistie stehen im Mittelpunkt.
30.01.2023, 07 Uhr
José García