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Russland setzt Hunger als Waffe ein

Wladimir Putins Strategie erinnert die Ukrainer an den Holodomor unter Sowjet-Tyrann Josef Stalin.
Ukraine-Krieg - Mariupol
Foto: Victor (XinHua) | Menschen stehen in Mariupol Schlange, um humanitäre Hilfsgüter zu erhalten. An vielen Orten ist mittlerweile erwiesen, dass die russische Armee systematisch die Lebensgrundlagen der Menschen zerstört und zudem die ...

Russland setzt Hunger gezielt als Waffe im Krieg gegen die Ukraine ein. Das behauptet der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj – und er kann es auch belegen. An vielen Orten ist mittlerweile erwiesen, dass die russische Armee systematisch die Lebensgrundlagen der Menschen zerstört und zudem die Häfen des Landes blockiert. Nicht nur in der Ukraine drohen dramatische Versorgungsengpässe; es droht auch eine Hungerkrise in Nordafrika und Nahost, also in jenen Ländern, die bisher Getreide hauptsächlich aus der Ukraine beziehen.

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Hunger als Waffe, um das Volk zu terrorisieren, zu demoralisieren, ja zu brechen – das kennen die Ukrainer aus dem finsteren 20. Jahrhundert. Damals war es der sowjetische Diktator Josef Stalin, der die als „Kornkammer Europas“ gerühmte Ukraine systematisch plünderte und den Bauernstand zerschlug. Sein Ziel war deckungsgleich mit den heutigen Kriegszielen Putins: Stalin wollte jeden Widerstandsgeist des ukrainischen Volkes, ja seine Identität brechen.

Der Holodomor war ein Völkermord

Wenn Putin heute Hunger als Waffe einsetzt, dann rührt das an ein ukrainisches Trauma, das im kollektiven Gedächtnis der Nation tief verankert ist. Die tiefen Wunden, die der Sowjetkommunismus der ukrainischen Nation zugefügt hat, sind längst noch nicht verheilt, kaum vernarbt. Putin weiß das, aber in vielen Ländern Europas ist diese zeitgeschichtliche und psychische Dimension des aktuellen russischen Staatsterrorismus wenig bekannt.

Umso bemerkenswerter, dass das Parlament der Tschechischen Republik nun ein starkes Zeichen setzte, indem es den Holodomor der Jahre 1932/33 offiziell als Völkermord am ukrainischen Volk anerkannte. Ohne Gegenstimme nahm das Parlament in Prag am Mittwoch eine Resolution an, die den gezielten Hunger-Mord (so die Übersetzung von „Holodomor“) als „erschütterndes Genozidverbrechen gegen das ukrainische Volk und gegen die Menschlichkeit“ verurteilt. Angesichts der russischen Invasion in der Ukraine begleiche man damit eine historische Schuld, kommentierte die Parlamentspräsidentin die Abstimmung.

Wo bleiben die Parlamente in Berlin und Wien

Wo bleiben da die Parlamente in Berlin und Wien? Etwa 20 Staaten der Welt haben den Holodomor bereits offiziell als Völkermord anerkannt und verurteilt. In Deutschland gab es bereits vor Jahren eine Initiative in dieser Richtung, die aber tragischerweise unter der Wahrnehmungsschwelle der politischen Entscheidungsträger blieb. Angesichts der Tatsache, dass Russland erneut Hunger als Waffe gegen das ukrainische Volk einsetzt, wäre es jetzt allerhöchste Zeit für den Deutschen Bundestag und für den österreichischen Nationalrat, den ukrainischen Genozid, der mindestens fünf Millionen Menschen das Leben gekostet hat, offiziell als das zu bezeichnen, was er war: als Völkermord.

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