Bonn/Limburg

Georg Bätzing antwortet auf den Brief von Erzbischof Stanislaw Gadecki

Vage Wortwolken als Antwort. Der DBK- Vorsitzende geht nicht argumentativ auf den Brief aus Polen ein, sondern wiederholt abgedroschene Slogans. Er tut das, wovor Gadecki gewarnt hat. 
Abschluss der Deutschen Bischofskonferenz
Foto: Nicolas Armer (dpa) | Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, veröffentlicht seine Antwort auf den öffentlichen Brief des polnischen Erzibischofs Stanislaw Gadecki zum Synodalen Weg in Deutschland.

Der Limburger Bischof Georg Bätzing hat auf den offenen, noblen, brüderlich besorgten Brief seines polnischen Amtskollegen, Erzbischof Dr. Stanislaw Gadecki, geantwortet. Das ist gut, aber nicht gut genug. Denn seine Antwort ist nur fragmentarisch als Bericht der Pressestelle der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlicht worden, nicht im Wortlaut. Und statt auf die Sorgen des Mitbruders einzugehen, hält Bätzing ihm vage Wortwolken hin. Fehlte ihm der Mut?

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Keine Zeit für Privatgespräche

Es fehlte ihm wohl an Argumenten. Und damit vielleicht auch an Mut, sich dem öffentlichen Diskurs zu stellen. Die Zeit ist längst reif dafür. Möglich ist natürlich, dass Bätzing sich durch die öffentliche Zurechtweisung seines Mitbruders bloßgestellt gefühlt hat. Ein persönliches Betroffensein ist nachvollziehbar, aber es ist nicht die Zeit für private Gespräche, denn der Schaden, den der Synodale Weg der Kirche zugefügt hat, ist groß. Die Einheit innerhalb der Kirche ist beschädigt. Ob dem Limburger Bischof dieses Faktum bewusst ist, ist unklar.  Schließlich schreibt er doch, die Kirche in Deutschland gehe den Weg der Umkehr und der Erneuerung nicht leichtfertig und schon gar nicht außerhalb der Weltkirche. 

Warum  die Synodalversammlung und das Bischofskollegium dann in sich gespalten ist ebenso erklärungsbedürftig wie die Wortmeldung von Gadecki sowie anderer Amtsbrüder. Sie melden sich öffentlich und mit Nachdruck. Das hat einen Grund, denn der Synodale Weg ist keine deutsche Privatangelegenheit, sondern er betrifft die gesamte katholische Kirche und müsste als solcher weltkirchlich diskutiert werden. Darum wäre es nur richtig gewesen, den Antwortbrief als Ganzes zu veröffentlichen und vor allem Argumente für den eingeschlagenen Weg zu liefern. Stattdessen reißt Bätzing den »Weg der Erneuerung und der Umkehr« aus dem christlichen Kontext und bringt ihn gegen Gadecki in Stellung. Umkehr und Erneuerung als Senkung der sittlichen Standards zu deklarieren, ist ein unerhörtes Novum und kirchlicher Neusprech.

Ursachen des Missbrauch nicht allein systemisch

Aus den Bruchstücken des Briefes ist herauszulesen, dass der Hirte des Bistums Limburg einer grundsätzlichen theologischen Diskussion ausweicht und auf die Themen, die der polnischen Bischofskonferenz am Herzen liegen, nicht eingeht. Er setzt auf die emotionale Ebene, indem er von der Betroffenheit der Missbrauchsopfer spricht und jede ehrliche Debatte durch sein eigenes Narrativ im Keim erstickt. Sein Narrativ ist das Leid der Betroffenen, das eine Änderung der kirchlichen Lehre rechtfertigt. Die Missbrauchstaten sind unsagbar schrecklich und unsäglich. Bätzing unterstellt aber, dass die Ursachen des Missbrauchs allein systemisch sind. Er schiebt das Leid der Betroffenen vor als sei das an sich schon ein Argument. Ist es aber nicht. Das wirkt, als wolle er den eingeschlagenen Weg der katholischen Kirche in Deutschland als einzigen Weg aus der Kirchenkrise rechtfertigen. 

Wer allein Strukturen (systemische Ursachen) für den Missbrauch verantwortlich macht, als könne der Umbau des Systems Missbrauch wirksam abstellen, schiebt in Wirklichkeit die Verantwortung von sich weg. Denn Missbrauch entsteht zunächst aus krankhafter Selbstsucht des individuellen Täters. Wahr ist, dass soziale Strukturen Missbrauchstäter begünstigen können, und dass gerade der geschützte Raum der Seelsorge in der Vergangenheit anfällig für Missbrauchsdelikte aller Art war. Die Antwort des Synodalen Wegs (und Bätzings) darauf scheint jedoch zu sein, den geschützten Raum der Seelsorge abzuschaffen. Das ist so, als wolle man die Familie abschaffen, um familiären Missbrauch zu verhindern.

Ursachen und begünstigende Faktorenwerden verwechselt

Doch Bischof Bätzing geht nicht auf die tieferen Ursachen des Missbrauchs ein. Er weist seinen polnischen Kollegen lediglich darauf hin, dass dieser das Thema Missbrauch in seinem Brief nicht erwähnt habe und erklärt ihm, Missbrauch sei als Ausgangspunkt der Debatten sehr wichtig, damit die Frohe Botschaft wieder auf offene Ohren stoßen könne. Bätzing wagt sogar eine Unterstellung, indem er schreibt, er würde von Gadecki gern lernen, wie er „den systemischen Ursachen des tausendfachen Missbrauchs“ begegnet, „den wir bei uns in Deutschland, bei Ihnen in Polen, aber auch weltweit wahrnehmen müssen“. Indem er Ursache und begünstigende Faktoren verwechselt, unterstellt er den polnischen Bischöfen mangelndes Problembewusstsein und fehlende Entschlossenheit, das Problem anzugehen. Für Bätzing kann es in einer gewissen Selbstüberschätzung nur um die eigene Diagnose gehen.

Seine Bemerkung, er wäre an einem echten theologischen Austausch mit Gadecki über die Argumentation der Synodaltexte interessiert, wirkt vor diesem Hintergrund nur noch grotesk. Und das umso mehr als er begründend nachschiebt: „…versuchen sie doch Wege zu ebnen, Evangelisierung möglich zu machen“. Zur Erinnerung: Die Syndodalversammlung hat mit großer Mehrheit dagegen gestimmt, Neuevangelisierung als eigenen Punkt ins synodale Programm aufzunehmen.  Die synodalen Architekten halten die geplanten Änderungen in der katholischen Kirche an sich schon für Neuevangelisierung. 

Ein Wort - viele Definitionen

Bätzing spielt mit wohlklingenden Plattitüden als wolle er sein Gegenüber beruhigen. Neuevangelisierung, Umkehr etc. – klingt gut. Es gibt innerhalb der Synodalversammlung aber verschiedene Definitionen derselben Wörter, wie man am Beispiel der Neuevangelisierung gesehen hat. Ähnlich verhält es sich mit dem Orientierungstext, der einen schönen Titel trägt: „Auf dem Weg der Umkehr und der Erneuerung“. Dass der Text inhaltlich aber von Lehramtskritik nur so strotzt, Theologie an die Stelle des Lehramtes gesetzt wird und die Forderungen im Widerspruch zu Überlieferung und Lehramt der Kirche stehen, verrät Bätzing nicht und begründet auch nichts. Er rechtfertigt sich nur: Der Text mache deutlich, „dass der Synodale Weg sich mitnichten einfach von aktuellen Entwicklungen in der Psychologie und den Sozialwissenschaften abhängig macht, sondern vielmehr die Heilige Schrift die höchste Richtschnur ist, dass daneben aber auch die lebendige Tradition, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil betonten Zeichen der Zeit, der Glaubenssinn der Gläubigen, das Lehramt und die Theologie in wechselseitiger Verbundenheit grundlegend sind“.

Das ist eine von vielen Affirmationen für die auf dem Synodalen Weg längst gefällten Entscheidungen . Die Wahrheit ist – wird Bätzing ihr ins Auge blicken? -, dass der Synodalen Weg längst eine eigene neue Fußspur neben der Fußspur Jesu gelegt hat und das in der Weltkirche nach Erklärung und Begründung schreit. Und zwar nicht hinter verschlossenen Türen, sondern öffentlich, ehrlich und transparent. 

Statt sich nun endlich mit den Argumenten seiner kritischen Amtsbrüder zu beschäftigen, dreht Bätzing den Spieß um und lädt Erzbischof Gadecki ein, sich mit der theologischen Argumentation der Synodal-Texte auseinanderzusetzen. Er selber versteckt sich hinter Fragmenten seines eigenen Briefes und speist den Leser mit leeren Phrasen ab, so dass dieser nicht mehr weiß als vor der Lektüre des Briefes - und ratlos zurückgelassen wird. 

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