Ukraine

Eric de Moulins-Beaufort: „Der Krieg betrifft ganz Europa“

Der Vorsitzende von Frankreichs Bischofskonferenz, Erzbischof Eric de Moulins-Beaufort, hat den katholischen Großerzbischof Schewtschuk und den orthodoxen Metropoliten Epifanij in Kiew getroffen und ist nach Butscha und Irpin gereist.
Erzbischof de Moulins-Beaufort in Irpin
Foto: Service d'information de l'EGCU

Exzellenz, was war der Zweck Ihrer Reise in die Ukraine?

Es ging im Wesentlichen darum, unsere Anteilnahme am Schicksal der Ukrainer auszudrücken und zu zeigen, dass wir uns auch sechs Monate nach Kriegsbeginn in Frankreich immer noch für die Geschehnisse in der Ukraine interessieren. Unser Gastgeber war der Großerzbischof von Kiew, Swjatoslaw Schewtschuk, Primas der griechisch-katholischen Kirche der Ukraine. Wir haben auch den französischen Botschafter sowie Epifanij, den Metropoliten der vom Moskauer Patriarchat unabhängigen Orthodoxen Kirche, getroffen. Der griechisch-katholische Eparch von Frankreich, Hlib Lonchyna, hat uns nach Kiew begleitet. Ihn in sein Land und zur Quelle seiner Kirche zu begleiten, war für uns eine Möglichkeit, ihm unsere Solidarität zu bezeigen.

Wie war es für Sie, in ein Land zu reisen, in dem Krieg herrscht?

Auf dem Weg nach Kiew über Land sieht man nur relativ wenige Spuren des Kriegs. Für das Auge des flüchtigen Besuchers scheint die Stadt Kiew ruhig und das Leben fast normal. Abgesehen von den Checkpoints und der Allgegenwart des Militärs könnte man meinen, der Krieg sei vorbei. Aber weiterhin sterben jeden Tag Menschen. Weiterhin leiden jeden Tag Menschen unter Bombenangriffen. Wir sind von all dem verschont geblieben. Aber wir hatten einen griechisch-katholischen Priester bei uns, dessen Sohn vor einigen Wochen getötet wurde. Sein anderer Sohn kämpft an der Front.

Sie waren auch in Butscha und Irpin.

Ja, unser Besuch war zwar nur kurz, aber wir konnten Menschen treffen, die in ihre Heimat zurückgekehrt sind und solche, die vor Ort geblieben sind und den Versuch der Einkesselung Kiews miterlebt haben. Die beiden Priester der örtlichen griechisch-katholischen Gemeinden, die uns in Irpin empfangen haben, sind Familienväter. Zu Kriegsbeginn haben sie Frau und Kinder in Sicherheit gebracht und sind dann zurückgekommen.

Was tun die Priester, um ihre Gläubigen zu unterstützen?

Die beiden haben den Krieg kommen gesehen und hatten den Keller ihrer Kirche schon frühzeitig in einen Schutzraum umgebaut, mit Holzofen, Vorräten und warmen Decken. Während der Bombenangriffe konnten dort Gemeindemitglieder beherbergt werden. Aktuell ist ihre Aufgabe, Lebensmittel zu verteilen und den Menschen zuzuhören. Auch gilt es, sich auf den Winter vorzubereiten. Für die Menschen müssen Lebensmittel und Unterkünfte sichergestellt werden. Viele Häuser sind ja ganz oder teilweise zerstört. Manche Bewohner haben gar nichts mehr. Aber der ukrainische Staat ist ja nicht zusammengebrochen und ist dabei, Unterstützung zu organisieren. Die Kirchen tragen dazu bei. Auch ist die Eigeninitiative in der Bevölkerung hoch.

Wie engagiert sich die Kirche von Frankreich in der Ukraine?

Mehrere Hilfswerke sind in der Ukraine sehr präsent, so auch das „Oeuvre d'Orient“, das Hilfswerk der französischen Bischofskonferenz für die östliche Christenheit, aber auch die französischen Zweige des Malteserordens und von Kirche in Not. Das „Oeuvre d'Orient“ leistet unmittelbare humanitäre Hilfe, ist aber auch in mittelfristige Projekte involviert. Es hat für die griechisch-katholische Kirche zum Beispiel eine Reihe von kleinen Transportwägen für Material angeschafft. Diese Wägen sind mit einer Grundausstattung an Hilfsgütern beladen und werden dazu verwendet, in befreite oder bedrohte Dörfer und Städte zu fahren, um der Bevölkerung Hilfe zu bringen. Für diesen Dienst ist die griechisch-katholische Kirche sehr dankbar.

In Frankreich hilft die Bischofskonferenz der ukrainischen Eparchie bei der Aufnahme und Unterbringung von Flüchtlingen. So viele kamen ja gar nicht nach Frankreich. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass es eine weitere Welle von Flüchtlingen geben wird. In der Ukraine selbst bereitet man sich im Westen jedenfalls auf die Aufnahme von Menschen aus den betroffenen Gebieten vor. Da geht es auch um Personen aus den befreiten Regionen, in denen Häuser und Infrastruktur weitgehend zerstört sind. Aber noch einmal: Unser Besuch war wichtig, um den Ukrainern zu zeigen, dass sie sich auf unsere fortgesetzte Hilfe verlassen können. Der Krieg ist noch nicht vorbei und er betrifft auch das Schicksal ganz Europas.

Lesen Sie auch:

Welches Signal senden Sie mit Ihrer Reise nach Europa?

Ein Sieg Russlands wäre auch ein katastrophales Zeichen dafür, dass Eroberungskriege auch heute noch möglich sind. Europa gründet jedoch auch auf der Überzeugung, dass Eroberungskriege keine Art und Weise sind, Politik zu betreiben. Für uns Europäer ist das von entscheidender Bedeutung, für uns Christen sogar noch mehr. Es wäre schrecklich, wenn der Eindruck entsteht, dass die christliche Botschaft solche Kriege unterstützen könnte. Unsere Botschaft an die Ukrainer ist auch, dass wir für sie beten. Auch dafür, dass sie den Krieg auf eine Weise führen können, die Christen würdig ist. Gegen Gewalt und Ungerechtigkeit muss man alle Energien mobilisieren. Man darf Wut verspüren, diese darf aber dem Hass im eigenen Herzen keinen Raum geben – selbst dann, wenn es gute Gründe dafür gäbe. Konkret können wir die Ukrainer auch durch materielle Hilfe dabei unterstützen, dass nicht Hass und Verachtung des Feindes die Oberhand erhalten.

Ist das Gebet eine echte Hilfe für die Menschen vor Ort?

Ja. Eine Frau aus Butscha erzählte uns, dass sie zu Beginn des Krieges nach Kiew geflüchtet sind. Dort fanden sie Schutz neben einem Karmeliterkloster. Sie fanden viel Trost in dem täglichen Besuch der heiligen Messe. Die beiden wollten sich dann den freiwilligen Kämpfern anschließen, man hatte aber keine Waffen für sie. Das Einzige, was ihnen in der Situation blieb, war das Gebet, wie sie uns erzählten. Ich glaube, dass das Gebet entscheidend dabei hilft, sich nicht von der Unmittelbarkeit der Gewalt überwältigen zu lassen und  die legitime Wut nicht in Hass zu verwandeln.

Haben Großerzbischof Schewtschuk und Metropolit Epifanij Ihnen Botschaften an die Gläubigen in Frankreich und Europa mitgegeben?

Großerzbischof Schewtschuk veröffentlicht jeden Tag einen kurzen Text an seine Gläubigen, die auf der Seite der ukrainischen Eparchie in Frankreich auf Französisch nachzulesen sind. Damit hat er bereits in den ersten Tagen des Krieges begonnen, weil er darum gebeten wurde. Seitdem schreibt er jeden Tag. Im Laufe der Monate hat er eine richtige Spiritualität für Kriegszeiten entwickelt, die ich ziemlich bewundernswert finde. Ich ermutige dringend dazu, diese Texte zu lesen und ihren Aufbau seit Kriegsbeginn nachzuvollziehen.

Auch das Zeugnis von Metropolit Epifanij fand ich beeindruckend. Er sagte uns, dass seine Kirche in der Ukraine den europäischen Weg gewählt habe und in Beziehung mit Europa und den Kirchen in Europa leben wolle. Das ist etwas anderes als der Traum von einer perfekten russischen Welt, die einem dekadenten Europa gegenübersteht. Epifanij möchte zum Aufbau Europas beitragen, trotz dessen Schwächen. Europa ist überzeugt, dass man zwischen Staaten Beziehungen entwickeln kann, die nicht nur von Machtverhältnissen geprägt sind, sondern von echter Freundschaft beseelt sind. Ich persönlich glaube, dass darin eine große Hoffnung liegt.

Wie lautet das Fazit Ihrer Reise?

Ich habe hier das Gleiche erlebt wie bei meinem Besuch im März im Libanon: Wenn es einem schlecht geht, freut man sich über jeden Besuch. Auch wenn es vielleicht Wichtigeres zu tun gibt, als sich um Gäste zu kümmern, freut man sich trotzdem, jemanden zu empfangen, der einem zuhört und einen ernst nimmt. Für mich bot diese Reise die Möglichkeit, ein klein wenig Anteil am Leiden dieses Volkes zu nehmen. Als Christen sind wir füreinander Geschwister. Wir müssen uns bemühen, diese Bande der Brüderlichkeit so konkret wie möglich zu gestalten, sowohl spirituell als auch materiell.

Auf der Seite der griechisch-katholischen Eparchie in Frankreich finden sich die Meditationen von Großerzbischof Schewtschuk in französischer Übersetzung: https://ugcc.fr/fr/

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Franziska Harter Christen Erzbischöfe Gläubige Kirche in Not Kriegsbeginn Malteserorden

Weitere Artikel

Kirche

Der Vorschlag, die Kirche solle "das Erbsündensyndrom" überwinden, ist ein alter Hut. Die modernen Irrlehrer haben sich vom überlieferten Glauben an den Erlöser verabschiedet. Ein Kommentar.
08.12.2022, 09 Uhr
Regina Einig
Das Hochfest Maria Immaculata am 8. Dezember offenbart das Wesentliche über den Lebensbeginn der Gottesmutter.
08.12.2022, 07 Uhr
Josef Kreiml