Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Fünfte Synodalversammlung

Die Axt an die Wurzel gelegt

Auf der fünften Vollversammlung des Synodalen Wegs Anfang März stehen zwei Texte zum Priestertum zur finalen Abstimmung. Vom sakramentalen Weiheamt bleibt darin nicht viel übrig.
Priesterforum des Synodalen Wegs
Foto: Harald Oppitz (KNA) | Ursula Becker, geistliche Begleiterin im Forum "Priesterliche Existenz heute", legt Zettel mit Bibelstellen um eine Bibel bei einem Treffen des Priesterforums am 1. Juli 2021 in Köln.

Die letzte Vollversammlung des Synodalen Wegs naht. Im Vorfeld stehen wieder Texte in erster und zweiter Lesung zur Abstimmung, wobei ein nicht unbeträchtlicher Teil ursprünglich für die Versammlung im Herbst 2022 vorgesehen war. Zwei dieser Texte betreffen das Forum II „Priesterliche Existenz heute“: den Grundtext des Forums sowie den Handlungstext „Der Zölibat der Priester“. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die angestrebte „priesterliche Existenz“ eine höchst reduzierte sein soll, um nicht zu sagen: eine vollkommen umgewälzte.

Theologische Verrenkungen des Weihesakraments

Insgesamt lassen beide Texte eine ausgewogene und vollständige Theologie des Weihesakraments vermissen. Stattdessen werden hier und da theologische Verrenkungen auf dünnem Eis vollführt – zumeist auf der hauchdünnen Schicht der MHG-Studie, dem primus locus „theologicus“ der Synodalen. Angesichts der vielen in der MHG-Studie zusammengetragenen Missbrauchsfälle müsse das Priestertum umstrukturiert werden – ein Framing, das die MHG-Studie so explizit nicht hergibt.

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Der Priester wird als einer unter vielen im Volk Gottes verortet und dafür die Tauftheologie des Neuen Testaments herangezogen. Fast schon willkürlich wird aus dem reichhaltigen, biblischen Fundus eine Stelle aus dem ersten Petrusbrief und aus dem ersten Johannesbrief angeführt, bevor als besonders priesterkritisch der Hebräerbrief genannt wird – in liberaler, protestantischer Auslegungsweise. Immerhin wird eine Wertschätzung des sakramentalen Priestertums zum Ausdruck gebracht, dann aber doch wieder relativiert, wenn weder Bibelstellen noch Kirchenväterzitate oder lehramtlichen Texte dafür angeführt werden, dafür der Fokus auf dem priesterlichen Volk Gottes liegt.

Grenze zwischen Weihe- und Taufpriestertum verwischt

Die Grenze zwischen den beiden Priestertümern wird verwischt und dabei auf das Zweite Vatikanum verwiesen mit einem verkürzt dargestellten Zitat aus „Lumen Gentium“ 10. Dieses stellt ganz ausgewogen die Beziehung zwischen Weihe- und Taufpriestertum heraus, doch die zweite Hälfte des Zitats mit der genauen Beschreibung des Taufpriestertums wird weggelassen, in dem konkret der Sakramentenempfang und das Gebet, das Zeugnis und die gelebte Liebe als priesterliche Akte des Gottesvolkes aufgelistet werden.

Stattdessen wird betont, dass der Priester nicht heiliger ist als der Rest, sondern in seinem Dienst die Einheit der Gemeinde erwirkt. Der priesterliche Dienst als einer von vielen verdichtet sich in einem Zitat im Sinne Medard Kehls und Stephan Kesslers: „Geweihte Priester sollen Werkzeuge sein, aber kein eigener Stand.“

Verwirrende Definition des Leitungsdienstes

Die Angleichung der beiden Priestertümer wird auch angestrebt durch die diffuse Behauptung: „Jede und jeder Getaufte repräsentiert Christus und die Kirche.“ Sie impliziert, dass lediglich ein gradueller statt eines wesentlichen Unterschieds zwischen Weihe- und Taufpriestertum bestehe. In diese Richtung geht auch die Tendenz, den Priester in seiner Christusrepräsentation auf die sakramentalen Handlungen zu reduzieren. Dies verdunkelt den ganzheitlichen Charakter des Weihesakraments und zugleich die sich daraus ergebende zölibatäre Lebensform.

Überdies wird eine verwirrende Definition von Leitung angeführt, die es ermöglicht, jeden Nichtgeweihten einzubeziehen: „Leitungsdienst ist ein weiter und offener Begriff. Leitung ist im Wesentlichen die Ermöglichung der Partizipation vieler an den vielfältigen Aufgaben der Kirche. Leitung geht auf die Suche nach den Geistesgaben, und sie ermöglicht deren Verwirklichung im Dienst an der Einheit der Kirche (…) Getaufte Christinnen und Christen nehmen an der Leitung teil, insofern sie mit ihren Gaben und Professionen die Kirche bereichern und ebenfalls der Einheit dienen.“

Man fragt nicht nach Ursachen der Diskrepanz von Leben und Lehre 

Die vorliegenden Texte treten ganz offen in einen Modus des Ungehorsams, wenn die Instruktion „Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde“ der vatikanischen Kleruskongregation vom Juli 2020 erwähnt wird, die vor neuen Leitungsformen warnt, im selben Zug jedoch angekündigt wird: „Trotzdem wird das traditionelle Pfarreimodell einer von einem Priester als Pfarrer geleiteten Pfarrei immer mehr durch neue Leitungsformen ergänzt beziehungsweise ersetzt werden müssen.“ Insgesamt vermisst man die vertikale Perspektive des Weihesakraments als von Christus übertragene geistliche Vollmacht, die sich in der Teilhabe an den munera Christi des Lehrens, Leitens und Heiligens zeigt.

Es ist nicht alles schlecht. Viele gute Gedanken und konstruktive Ansätze kommen zur Sprache, beispielsweise eine verbesserte Ausbildung und Begleitung von Priestern. Zugleich wird bei richtig diagnostizierten Problemen als Lösungsansatz die Axt an die Wurzel gelegt: Der Zölibat soll freiwillig sein und Frauen sollen zum Priestertum zugelassen werden. Die Strukturen sollen „bereinigt“ werden, wobei man nicht tiefer gräbt und nach den Ursachen der entstandenen Diskrepanz von Leben und Lehre fragt. Auf diese Weise werden die Probleme nur verschoben.

Für verheiratete Priester mit Blick auf die Ostkirche

Im Handlungstext über den priesterlichen Zölibat wird versucht, einen Mehrwert von verheirateten Priestern plausibel zu machen. Dafür wird Pauli Ehetheologie des Epheserbriefs zitiert. Bibelzitate werden auch hier recht willkürlich und einseitig herangeführt, dagegen keine Stellen, die Jesu Lebensform sowie die seiner Apostel als zölibatär belegen. Vielmehr werden recht anachronistisch die Pastoralbriefe herangezogen als Beweis für verheiratete Priester.

Der Seitenblick auf die Ostkirchen ist verkürzt sowie recht pragmatisch. Ihre im Wesentlichen logistischen Probleme mit verheirateten Priestern werden ganz verschwiegen. Die Komplementarität von ehelosen und ehelichen Charismen wird als Argument für verheiratete Priester angeführt. Seit jeher spielen Verheiratete eine tragende Rolle in der Kirche. Sie bringen ihre Charismen auch ohne sakramentale Weihe ein. Es wird zu Recht beobachtet, dass viele Priester durch eine fehlende vita communis vereinsamen. Umso mehr verwundert die Schlussfolgerung, dass der Zölibat freiwillig bleiben solle, um der Vereinsamung entgegen zu wirken und zugleich den Zeugnischarakter durch ein auferlegtes Muss nicht zu verdecken.

Es fehlt die Verankerung in der kirchlichen Tradition

Dieser Kausalschluss erweckt den Eindruck, dass der Priester für die Befreiung aus der Einsamkeit selbst verantwortlich sein soll, da im Handlungstext keine Bemühungen um Priestergemeinschaften zu erkennen sind. Zudem ist das Argument der Verpflichtung perfide: Im Kontext des Ehesakraments wird die Treue als Wesenselement verstanden und keiner spricht von Zwangsehe. Niemand wird gezwungen, zu heiraten oder Priester zu werden. Die Frage des Zeugnischarakters ist eine Frage der Haltung. Wählt man das eine oder das andere aus Berufung, wird auch der Lebensstil als Zeugnis wirksam. Man schlägt Dispensen wie bei konvertierten Priestern mit Familien oder viri probati als teilkirchliche Lösung vor. Auch die Freistellung bereits geweihter Priester soll geprüft werden.

Insgesamt steht hinter den vielen Worten eine recht flache Theologie des Priesters ohne Verankerung in der kirchlichen Tradition, die den Weg bahnen soll für ein „heilsam-kritisches, entklerikalisiertes“ Priestertum, wie es der Grundtext formuliert. Dass damit niemandem geholfen ist und die Identitätskrise von Geistlichen zukünftig verstärken wird, wird gar nicht bedacht. Das alles ist keine gute Voraussetzung für die Berufungspastoral von morgen.

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