Zwei überaus unterschiedliche Nachfolgestaaten des einstigen Osmanischen Reiches besucht Papst Leo XIV. bei der ersten Auslandsreise seines Pontifikats: die Türkei und den Libanon. Während die Christen aller Konfessionen in der Türkischen Republik nur noch 0,1 Prozent der Bevölkerung stellen, ist ihr Anteil im Libanon heute bei gut 30 Prozent. Doch auch das ist ein Schatten einstiger Größe, denn die Franzosen hatten nach dem Ersten Weltkrieg den Libanon als einziges arabisches Land mit christlicher Mehrheit konzipiert. Der mörderische Bürgerkrieg (1975–1990) und mehrere Emigrationswellen dezimierten jedoch den christlichen Bevölkerungsanteil.
18 anerkannte Religionsgemeinschaften
Mit 18 anerkannten Religionsgemeinschaften, die zahlreiche privatrechtliche Angelegenheiten ihrer Gläubigen – etwa die Eheschließung – selbst regeln, hat der Libanon die größte religiöse Vielfalt im Orient. In keinem Land der arabischen Welt ist zugleich das gesellschaftliche und politische Gewicht der Christen größer: Laut dem Nationalpakt von 1943 werden alle politisch relevanten Funktionen zwischen den Maroniten als größter christlicher Konfession, den Sunniten und den Schiiten aufgeteilt. So muss der Staatspräsident stets ein maronitischer Christ sein, der Regierungschef Sunnit und der Parlamentspräsident Schiit. Auch die Parlamentssitze sind nach einem bestimmten konfessionellen Schlüssel aufgeteilt. Damit kann keine Religionsgemeinschaft die anderen dominieren, doch zugleich werden die Staatsbürger dazu angehalten, sich ganz konfessionell zu definieren und zu identifizieren.
Papst Johannes Paul II., der das „Land der Zedern“ 1997 besuchte, meinte einst, der Libanon sei nicht nur ein Land, sondern eine Botschaft. Papst Benedikt XVI. widmete die letzte Auslandsreise seines Pontifikats dem Libanon, wo er im September 2012 „alle Christen im Nahen Osten väterlich“ grüßte und ein Plädoyer für ein friedvolles Miteinander hielt: „Das glückliche Zusammenleben aller Libanesen soll dem ganzen Nahen Osten und der restlichen Welt zeigen, dass innerhalb einer Nation die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Kirchen, die alle zu der einen katholischen Kirche gehören, im Geist brüderlicher Gemeinschaft mit den anderen Christen und zugleich das Zusammenleben und der respektvolle Dialog zwischen den Christen und ihren Geschwistern anderer Religionen bestehen können.“ Hinter diesem Ideal, das, wie Papst Benedikt selbst sagte, „höchst labil ist“, blieb der Libanon in der Folge weit zurück – nicht zuletzt aufgrund massiver Einmischung anderer Staaten der Region in die innerlibanesischen Angelegenheiten.
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