Nach der Einheit im Glauben der Friede. Nach der Türkei: der Libanon, wo Papst Leo vor allem von den maronitischen Christen als Friedensbringer erwartet wurde. „Wohin der Papst kommt, da folgt der Friede“ stand auf einem Transparent, das ihm auf der verregneten Fahrt vom Flughafen von Beirut zum Präsidentenpalast entgegengehalten wurde. Dort erwarteten ihn die Spitzenvertreter der staatlichen Verwaltung, der Zivilgesellschaft und der Diplomatie.
Einige Hundert Christen hatten sich zusammengefunden, unter weißen Regenschirmen jubelten sie auf, als der Papst im Papamobil vor dem Palast eintraf – unter den lauten Klängen einer Musikgruppe zum traditionellen Tanz der „Dabke“. Zunächst kam Leo XIV. in Einzelgesprächen mit dem maronitischen Präsidenten Joseph Khalil Aoun, dem schiitischen Präsidenten der Nationalversammlung, Nabih Berri, und dem sunnitischen Ministerpräsidenten, Nawaf Salam, zusammen.
Es war ein achtsam orchestrierter Auftakt des hohen Besuchs aus Rom. Papst Leo musste einen Zedernbaum begießen, einem Kinderchor lauschen und sich ins Gästebuch eintragen, dann begrüßte ihn das Plenum, mit der päpstlichen Delegation und den Oberhäuptern der muslimischen und der christlichen Gemeinschaften in der ersten Reihe.
„Ein Volk, das nicht untergeht“
Die auf Arabisch, Französisch und Englisch geschriebenen Worte „Selig den Friedensbringern“ schmückten die Rückwand des Auditoriums, als der Papst das Wort „Friede“ direkt in seinem ersten Satz nannte. „Hier ist der Friede eine Sehnsucht und eine Berufung, ein Geschenk und eine stets offene Baustelle. Sie alle tragen in diesem Land Verantwortung, jeder in seinem Bereich und mit spezifischen Aufgaben.“
In seiner längeren Ansprache widmete sich Leo XIV. den drei „Merkmalen der Friedensstifter“, ohne zu verschweigen, dass der Libanon und sein Volk sich immer wieder erheben und von vorne beginnen mussten. „Sie sind ein Volk, das nicht untergeht, sondern angesichts von Prüfungen stets den Mut findet, sich neu zu erheben. Ihre Widerstandsfähigkeit ist ein unverzichtbares Merkmal echter Friedensstifter: Friedensarbeit ist nämlich ein ständiges Neuanfangen.“
Man dürfe die Hoffnung nicht verlieren, sagte der Papst, zumal „um uns herum, fast überall auf der Welt, eine Art Pessimismus und ein Gefühl der Ohnmacht“ zu herrschen scheine: „Die Menschen scheinen nicht einmal mehr in der Lage, die Frage nach dem zu stellen, was sie tun können, um den Lauf der Geschichte zu ändern. Die großen Entscheidungen scheinen von wenigen getroffen zu werden, oft zum Nachteil des Gemeinwohls, und das erscheint wie ein unausweichliches Schicksal“. Alle, die Verantwortung im Libanon trügen, seien aufgerufen, sich niemals von der eigenen Bevölkerung zu lösen, auch nicht von den über alle Welt verstreuten Libanesen. „Möge es Ihnen beschieden sein, eine einzige Sprache zu sprechen: die Sprache der Hoffnung, die alle dazu bringt, immer wieder neu anzufangen.“
Ein Appell, im Libanon zu bleiben
Das zweite Merkmal der Friedensbringer sei die Bereitschaft zur Versöhnung. Die persönlichen und kollektiven Wunden, die geschlagen worden seien, bedürften Jahre der Heilung, ja ganzer Generationen. „Wahrheit und Versöhnung wachsen immer und nur gemeinsam“, sagte Papst Leo, „in einer Familie, zwischen den verschiedenen Gemeinschaften und den verschiedenen Seelen eines Landes ebenso wie zwischen den Nationen". Allerdings brauche es auch Bereitschaft und den Mut der Autoritäten und Institutionen, die das Gemeinwohl über das Partikularwohl stellen müssten.
Als drittes Merkmal der Friedensstifter nannte der Papst den „Mut, zu bleiben“, anstatt zu fliehen. Manchmal scheine es bequemer zu sein, „woanders hinzugehen. Es erfordert wirklich Mut und Weitsicht, im eigenen Land zu bleiben oder dorthin zurückzukehren und auch schwierige Bedingungen als der Liebe und Hingabe würdig anzusehen“.
Viele, vor allem junge Menschen, hätten den Libanon verlassen. Unsicherheit, Gewalt und Armut hätten viele gezwungen, unter Schmerzen die Heimat zu verlassen. Den im Land Gebliebenen rief er aber zu: „Wir dürfen dennoch nicht vergessen, dass das Bleiben in der Heimat und das tägliche Mitwirken an der Entwicklung einer Zivilisation der Liebe und des Friedens etwas sehr Wertvolles bleibt.“
Das sei nicht nur für den Libanon, sondern für die gesamte Levante eine Herausforderung: „Was kann getan werden, damit insbesondere die jungen Menschen sich nicht gezwungen sehen, ihre Heimat zu verlassen und auszuwandern? Wie kann man sie motivieren, den Frieden nicht anderswo zu suchen, sondern dabei mitzuhelfen, ihn in ihrer Heimat sicherzustellen und selbst mitzugestalten? Christen und Muslime, zusammen mit allen religiösen und zivilen Teilen der libanesischen Gesellschaft, sind aufgerufen, ihren Teil dazu beizutragen und sich dafür einzusetzen, die internationale Gemeinschaft dafür zu sensibilisieren.“
Frieden schaffen ist wie das Tanzen
Zum Abschluss erinnerte Papst Leo an die jahrtausendealte Tradition des Tanzes im Libanon: „Sie sind ein Volk, das die Musik liebt, die an Festtagen zum Tanz wird, der Sprache der Freude und der Gemeinschaft.“ So wie sich Tanz und Musik von einer Melodie leiten lassen würden, so sei auch der Friede ein Geschenk, das sich von Gottes Gnade leiten lasse: „Wer tanzt, schreitet leichtfüßig, ohne auf dem Boden zu trampeln, und bringt seine Schritte mit denen der anderen in Einklang. So ist der Friede: ein geistbewegtes Unterwegssein, das das Herz hörend und es den anderen gegenüber aufmerksamer und respektvoller werden lässt.“
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.








