Sozialethiker Kruip kritisiert Kardinal Müller scharf

Unter der Fragestellung „Kann die Kirche in moralischen Fragen dazulernen?“ setzt sich der katholische Sozialethiker Gerhard Kruip kritisch mit den Äußerungen von Gerhard Ludwig Kardinal Müller auseinander.

Gerhard Ludwig Kardinal Müller
Vehementer Kritik ausgesetzt: Gerhard Ludwig Kardinal Müller. Foto: dpa.

Verärgert zeigt sich der katholische Sozialethiker Gerhard Kruip über die Äußerungen von Kardinal Gerhard Ludwig Müller, vor allem über dessen Auffassung, ein Atheismus ziehe in Kirche und Theologie ein. Kruip äußert sich in einem Kommentar auf „katholisch.de“.

Morallehre der Kirche unterliegt Weiterentwicklung

Dass die Morallehre der Kirche einer ständigen Weiterentwicklung unterworfen ist, belegt Kruip an kirchlichen Dokumenten selbst. So zeige sich im Nachhinein am „Syllabus errorum“ (1864), dass „die Kirche seither – Gott sei Dank! – erheblich dazugelernt hat“. Dabei erkennt Kruip einen echten Lernfortschritt: „Aus heutiger Sicht ist der Syllabus errorum keine Liste von Zeitirrtümern, sondern zu großen Teilen eine Liste von Irrtümern, denen die Kirche damals unterlegen ist und die sie inzwischen korrigiert hat“. Auch die moralische Verurteilung der Todesstrafe durch den Vatikan ordnet er in diesen Kontext ein. Ferner habe das Zweite Vatikanische Konzil die Lernfähigkeit der Kirche betont, wenn es in „Gaudium et Spes“ feststellt, die Kirche sei sich „auch darüber im Klaren, wieviel sie selbst der Geschichte und Entwicklung der Menschheit verdankt“ (Nr. 44).

Rolle der Theologie entscheidend für Lernprozesse

Für die Lernprozesse innerhalb der Kirche sei die Theologie wichtig. Sie trage wesentlich dazu bei, dass „das Verständnis der überlieferten Dinge und Worte durch das Nachsinnen und Studium der Gläubigen, die sie in ihrem Herzen erwägen“ wächst, zitiert Kruip die Konzilskonstitution „Dei verbum“ (Nr. 8). Zudem billigt Kruip auch der Gesellschaft einen legitimen Einfluss auf die kirchliche Lehre zu. So habe die Kirche immer „moralische Lernprozesse der Gesellschaften, in denen sie lebt, mit einem gewissen Zeitverzug nachvollzogen“. Nichts spreche, so Kruip, gegen die Annahme, „dass solche Nachvollzüge moralischer Lernprozesse auch in Zukunft stattfinden werden – und der innerkirchliche Konsens ist groß, dass dies gerade in Fragen der Sexualmoral dringend geboten ist“.

Kruip: Atheismus-Vorwurf kann eher gegen Müller selbst gerichtet werden

Die Äußerungen von Kardinal Gerhard Ludwig Müller in der Auseinandersetzung um die moraltheologische Einordnung der Homosexualität, die zu einem vehementen Streit mit dem Jesuitenpater Klaus Mertes führte, seien, so Kruip, vor diesem Hintergrund „unerträglich“. Müllers Vorwurf, über Veränderung der Lehre schleiche sich Atheismus in die Kirche ein, falle auf ihn selbst zurück. Denn er sei es, „der Gott degradiert zum Mittel zum Zwecke der Rechtfertigung einer fundamentalistischen Ideologie und einer für absolut erklärten Machtposition bestimmter kirchlicher Autoritäten und Institutionen“. Prominente Geistliche wie der Kurienkardinal Walter Brandmüller und der kasachische Weihbischof Athanasius Schneider haben Kardinal Müller indes unterstützt.

Appell an Reformfraktion in der Katholischen Kirche

Kruips Kommentar schließt mit einem Appell: „Diejenigen, die in der Kirche und aus grundsätzlicher Loyalität zu ihr notwendige Reformen fordern, dürfen den Anspruch auf Rechtgläubigkeit nicht mehr länger denjenigen überlassen, die nichts verändern und dringend notwendige Fortschritte blockieren wollen. Nicht letztere stehen in der lebendigen Tradition der Kirche, sondern jene, die wissen, dass man sich zu jeder Zeit neu und ohne Ängste auf neue Herausforderungen einlassen und in ihnen nach dem moralisch Richtigen suchen muss“. Wer sich dem verweigere, schade der Kirche, so Gerhard Kruip.

katholisch.de / DT (jobo)

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