Würzburg

Elijah21 will Evangelium unter Muslimen bekannt machen

Andreas Sauter leitet die ökumenische Initiative Elijah21, die das Evangelium unter Muslimen in Deutschland bekannt machen will. Die Botschaft von der Liebe Gottes ist für viele Anhänger des Islam etwas ganz und gar Neues. Ein Gespräch über eine historische missionarische Chance der Gegenwart.
Evangelisierung unter Muslimen
Foto: dpa; Adobe Stock | Elijah21 möchte Muslime mit Christus bekannt machen. "Unser Auftrag ist, Muslime zu lieben und ihnen dadurch einen liebenden Gott erfahrbar zu machen", so der Leiter der Initiative, Andreas Sauter.

Herr Sauter, Elijah21 möchte Muslime mit Christus bekannt machen. Wie sieht das praktisch aus?

Unser Gebet ist, dass die Muslime, die wir einladen, durch uns die Liebe Christi erfahren und erkennen. Unser Auftrag ist, Muslime zu lieben und ihnen dadurch einen liebenden Gott erfahrbar zu machen. Wir tun dies, indem wir sie zusammen mit einer gastgebenden Gemeinde einladen, mit ihnen essen und trinken und Zeit im Gespräch verbringen, um eine Begegnung auf Herzensebene zu ermöglichen. Zu einem Kennenlernen gehört auch die Vorstellung dessen, was wir als Gastgeber im Herzen tragen. Dazu zeigen wir ihnen einen Film über Jesus in ihrer Muttersprache, dessen Grundlage das Lukasevangelium ist. Nach einem kurzen Zeugnis eines unserer Missionare, der als Muslim Christus kennengelernt hat, bieten wir an, ein Neues Testament als Geschenk mit nach Hause zu nehmen.

Wo finden Sie Gemeinden für Ihr Apostolat?

Der Kontakt zu Gemeinden, die mit uns eine Veranstaltung durchführen wollen, entsteht oft durch persönlichen Austausch. Ein kostenloses Starterpaket zur Vorbereitung befindet sich zum Download auf unserer Webseite www.elijah21.org. Elijah21 betreut die Gemeinden telefonisch bei der Vorbereitung. Zum Durchführungstermin kommt Elijah21 in die Gemeinde und bringt alles Notwendige kostenfrei zur Veranstaltung mit. Dazu gehören neben der Erfahrung von 70 Veranstaltungen auch Fremdsprachenkenntnisse, das Technik-Equipment, der Büchertisch bis hin zu den Willkommensgeschenken für unsere Gäste. Bis heute haben dadurch über 7.000 Muslime - die meisten zum ersten Mal - von Jesus gehört.

Wie machen Sie Mitstreiter für Ihre Initiativen ausfindig? Gab es konkrete Modelle, auf die Sie aufbauen konnten?

"Unser Team ist aus dem Gebet heraus entstanden.
Seit fünf Jahren sendet uns der Herr Missionare und
die für die Veranstaltungen notwendigen Ressourcen"

Unser Team ist aus dem Gebet heraus entstanden. Seit fünf Jahren sendet uns der Herr Missionare und die für die Veranstaltungen notwendigen Ressourcen. Die Gemeinden lernen wir auf Kongressen, über unseren Newsletter, auf christlichen Veranstaltungen oder durch einfache Kontaktaufnahme per Telefon kennen. Vieles entsteht durch persönlichen Kontakt und Vernetzung.

Wer zeigt Interesse an Ihrem Angebot? Gibt es so etwas wie ein Psychogramm des für das Christentum aufgeschlossenen Muslims?

Viele Menschen, denen wir auf unseren Veranstaltungen begegnen, sind im Herzen auf der Suche nach einem liebenden Gott, nach einer Botschaft von Liebe, Leben, Hoffnung und Freiheit. Die Aufgeschlossenheit der Muslime beruht auch auf den Erfahrungen, die sie auf der Flucht gemacht haben. Oft haben ihnen Christen geholfen, ohne etwas als Gegenleistung zurückhaben zu wollen. Dort haben sie meist zum ersten Mal durch diese Menschen Gottes Liebe erfahren. Das kennen sie weder aus ihrer Kultur noch aus dem Islam.

Was zieht Muslime konkret an der christlichen Botschaft an?

Die Botschaft eines liebenden Gottes, der seinen eigenen Sohn Jesus nicht verschonte, sondern ihn für alle hingab, öffnet die Herzen unserer Gäste. Rettung geschieht aus Gnade, nicht durch Leistung.

Konversionswillige Muslime stehen in Deutschland oft unter dem Verdacht, nur aus strategischen Gründen die Taufe anzustreben. Inwieweit ficht Sie das an?

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Diese Fälle gibt es, auch wir haben diese Erfahrungen gemacht. Dennoch wissen wir, dass diese Erkenntnis nichts an der Botschaft Jesu und dem Auftrag aus dem Markusevangelium ändert "Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet allen Menschen die rettende Botschaft." Oft denken die Gäste vielleicht daran, uns zu täuschen. Dennoch wissen wir, dass sie durch ihr Kommen eine neue Erfahrung machen und Jesus durch das Lukasevangelium begegnen werden. Allein diese Tatsache verändert sie und damit auch ihre Herzenshaltung. Was vermeintlich als Täuschung begann, wird dabei zum Segen.

Helfen Sie auch jenseits der Evangelisierung? Etwa bei Behördengängen, Wohnungssuche, etcetera?

Das tun wir auch, das ist aber nicht vorrangig unser Ziel. Gerade nach 2015 und der letzten großen Zuwanderung von Migranten nach Deutschland ist mit großer Euphorie und viel Engagement sozial und integrativ geholfen worden. In weiten Teilen findet sich die Motivation dazu tief in unserer christlichen Botschaft verborgen. Bei all dem Engagement haben wir es unterlassen, diese elementare Botschaft mitzuverkünden. Unserer Meinung nach ist dies eine vertane Chance.

Was ermutigt Sie in Ihrem Apostolat?

Papst Franziskus ruft uns dazu auf, uns an unseren Sendungsauftrag zu erinnern, Licht zu sein und hineinzustrahlen in diese dunkle Welt, in unsere immer säkularer werdende Gesellschaft. Spätestens seit 2015 hat die Bevölkerung den starken Zuzug von zumeist muslimischen Migranten vor Augen. 29 Prozent der Deutschen sind der Ansicht, dass die Kirchen seit 2015 die Chance zur Glaubensverkündigung unter nicht-christlichen Migranten verpasst haben. 17 Prozent sehen das nicht so und 39 Prozent wissen nicht, wie sie das einschätzen sollen. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts "INSA Consulere". Elijah21 knüpft daran an, um vielen interessierten Muslimen Chancen zu geben, die christliche Botschaft zu hören und in ihr Herz aufzunehmen.

Inwieweit verändert die Taufe das Leben eines Muslims hier in Deutschland?

"Traumatisierte und verletzte Menschen
blühen auf, finden Hoffnung und Freude, bilden
Gemeinschaften in Bibelstudium und Gebet und werden heil"

Wir erleben große Wunder. Traumatisierte und verletzte Menschen blühen auf, finden Hoffnung und Freude, bilden Gemeinschaften in Bibelstudium und Gebet und werden heil. Diese Gemeinschaften fangen an, ihre neu gefundene Freude mit ebenso geflüchteten Landsleuten zu teilen und dadurch zu wachsen. Dennoch verlieren Konvertiten Freunde und Familie. Eine Abkehr vom Glauben ist im Islam nicht vorgesehen und erlaubt. Apostasie im Islam, bezeichnet den "Abfall vom Islam". Auf Grundlage von Hadithen und Idschm ist die Apostasie islamrechtlich mit der Todesstrafe zu ahnden.

Unter diesen Voraussetzungen sind Konversionen vom Islam zum Christentum für alle Beteiligten gefährlich.

Diese Erfahrungen haben wir auch gemacht. Leider auch bis zur gewaltsamen Tötung Betroffener. Deutschland ist ein Land, das die Freiheit zur Wahl und Ausübung des Glaubens sicherstellt und gewährleisten will. Wir müssen feststellen, dass dies nicht gelingt und dieser Missstand von der politischen Leitung unseres Landes zu wenig beachtet wird. Dabei hat sich Elijah21 auch an einer Datenerhebung unter der christlichen Minderheit in Deutschlands Flüchtlingsheimen beteiligt. Diese Daten zeigen die Realität der Übergriffe von Muslimen auf Christen auf und wurden durch Open Doors der Bundesregierung übergeben.

Stichwort Missstand in puncto Religionsfreiheit: Pfarrer Martens aus Berlin berichtete einmal von verängstigten Flüchtlingen, die ihn anflehen, sie aus Flüchtlingsunterkünften herauszuholen. Kennen Sie das?

"Auf den Veranstaltungen ruht ein himmlischer Frieden
der liebevollen Begegnung, die wir auch ganz besonders
auf das vorbereitende Gebet zurückführen"

Das kennen wir nicht. Grundsätzlich haben wir den Eindruck, dass es den meisten unserer Gäste gut geht. Sie haben das Notwendige. Auch wenn die Umstände oft schwer sind, geht es ihnen zumeist besser als zuvor. Unsere Gäste folgen unserer Einladung mit viel Respekt füreinander und einer großen Höflichkeit und Freude uns gegenüber. Auf den Veranstaltungen ruht ein himmlischer Frieden der liebevollen Begegnung, die wir auch ganz besonders auf das vorbereitende Gebet zurückführen.

Zum Christentum konvertierte Muslime wie Sabatina James warnen eindringlich vor einer Verharmlosung des Islam. Teilen Sie diese Auffassung?

Wir sehen das Schöne unserer Aufgabe darin, dem Auftrag unseres Herrn Jesus Christus folgen zu dürfen und seine Liebe und Botschaft den vielen Muslimen zu verkünden. Dabei sprechen wir nie über den Islam oder Koran, führen darüber keine Debatten oder Vergleiche. Wir erzählen von Jesus und von seinem Leben und Wirken. Das genügt. Dazu hat er uns alle berufen.

Stichwort Berufung: Wie ökumenisch ist Elijah21?

Elijah21 ist explizit ökumenisch. Bereits nach der Gründung haben Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen zu uns gefunden und sich in Jesus Christus und seinem Auftrag vereint. Bei Elijah21 dienen Menschen aus unterschiedlichen Denominationen in Kirchen und Gemeinden unterschiedlicher Denominationen. Wir bezeichnen uns als "jesuszentriert". Wir schauen nicht aufeinander, sondern auf den Knien gemeinsam auf Jesus. Unsere Verbindung ist die Liebe Christi, die wir gemeinsam den Muslimen bringen wollen. Wir stellen fest, dass Jesus Einheit segnet. Im Umkehrschluss stellen wir auch fest, dass der Herr nicht segnen kann oder will. Das ist erlebte Realität.

Bekommen Sie Hilfe von offizieller kirchlicher Seite? Gibt es Reaktionen von Bischöfen?

Wir haben uns bei vielen vorgestellt. Die Reaktionen sind extrem unterschiedlich. Über mehr Hilfe würden wir uns sicherlich freuen.

Wie beurteilen Sie das Engagement der Christen mit Blick auf Muslime? Würden Sie sich andere Impulse wünschen?

Wir leben in einer Zeit, in der Christen erklärt wird, das Einstehen für eine Wahrheit und den Anspruch diese zu verkünden, sei ungehörig oder intolerant. In dieser Debatte vermissen wir oft eine Klarstellung zum Toleranzbegriff.

Warum?

Im klassischen, ursprünglichen Sinne heißt Toleranz: "Ich ertrage es, dass andere Menschen in Fragen, die für mich von größter Wichtigkeit sind, besonders religiösen, anders denken als ich und sich auch äußern. In unserer heutigen Zeit jedoch wurde der Toleranzbegriff neu belegt. Die Definition der neuen Toleranz ist, dass Glaube, Werte, Lebensstile und die Vorstellung von Wahrheitsanspruch alle gleich sind. Es gibt keine Hierarchie der Wahrheit. Deine und meine Glaubensvorstellungen sind gleich und jede Wahrheit ist relativ." (Thomas A. Helmbock) Ein Blick auf Jesus und seine Botschaft schafft hierbei Klarheit.

Können Sie das biblisch begründen?

Im Matthäusevangelium heißt es: "Und Jesus trat herzu, redete mit ihnen und sprach: Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden. So geht nun hin und macht zu Jüngern alle Völker, und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie alles halten, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Weltzeit! Amen." Dabei meint er wirklich jeden Christen. Davon ist niemand ausgeschlossen. Jesus ist für jeden Menschen am Kreuz gestorben. Diese Botschaft soll jeden Menschen erreichen. Dazu hat uns Jesus gerufen. Sie und mich und meine Nachbarin. Jeden unserer Gemeinde und auch jeden Verantwortungsträger.

Welche Erkenntnis über den Willen Gottes haben Sie im Lauf Ihrer Arbeit gewonnen?

"Gott hat einen Plan
für die Herkunftsländer der Muslime"

Seit fünf Jahren erleben wir, in welcher besonderen Zeit wir stehen. Für uns offenbart sich Gottes Plan in drei Säulen. Erstens: Er hat einen liebevollen Heilsplan für jeden einzelnen Menschen, ganz besonders jetzt gerade, für die vielen, meist unerreichten Muslime. Diese sind durch eine historisch einmalige Völkerwanderung nun in freien Ländern und können deshalb so viel leichter mit der frohen Botschaft erreicht werden, als in den Ländern ihrer Herkunft. Zweitens: Er hat einen Plan für die Herkunftsländer der Muslime. Die im Untergrund verfolgte Kirche in vielen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens wächst exponentiell. Gott schafft hier ganz neue Realitäten. Wir dürfen diese Geschichte miterleben. Und drittens: Er hat einen Plan für uns als traditionelle Kirche Europas, uns zu heilen und im Heiligen Geist zu erneuern, in seinem Wort und seiner Liebe. Wie? Indem wir sein Evangelium ernst nehmen und zurückkehren zum eigentlichen Auftrag: Menschen zu lieben, ihnen von Jesus Christus zu erzählen und ihnen diese errettende Liebesbotschaft nicht vorzuenthalten, sondern weiterzugeben.

Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Unser Gebet ist, dass sich die Christen wieder ganz neu rufen lassen, um den vielen Unerreichten sein Licht und seine Liebe zu bringen. Wir beten dafür, dass wir theologische Grabenkämpfe hinter uns lassen und uns vereinen in der Liebe Christi, im Heiligen Geist und im Gebet. Wir beten, dass viele Gemeinden und Christen aufstehen und mit uns gemeinsam einen Jesusfilmabend bei sich in der Gemeinde oder zuhause veranstalten.

Welche Veränderungen würden Sie gern in der Kirche in Deutschland anstoßen, um Ihr Apostolat unter Muslimen besser ausüben zu können?

Wir stellen eine starke Introversion, eine nach innen gerichtete Einstellung, der Gläubigen und in der Kirche fest. Wer die Kirche oder die Messe besucht, dreht sich oft um sich selbst, um sein Wohl, betet für seine Familie, seine Gesundheit und seinen Job, gleichwohl die Kirchen. Während die Mitgliederzahlen sinken, gibt es Versuche, dem Zeitgeist gefallen zu wollen, um dem Schäfchenschwund Herr zu werden. Diese Introversion hält davon ab, den Fokus auf den Nächsten zu richten, hinauszugehen und Licht zu sein, aktiv auf Mitmenschen zuzugehen und ihnen Christus zu verkünden. Gott ist Liebe und Liebe wird durch Beziehung weitergegeben. Wenn wir keine Lust oder Zeit mehr haben andere zu lieben, dann wird Gott auch nicht mit uns sein. Und wenn in unseren Kirchen und Gemeinden keine Präsenz Gottes mehr wahrnehmbar ist, dann bleiben sie auch leer, denn die Gottsucher werden nicht fündig. Wenn wir dagegen unsere Mitmenschen lieben und ihnen die Liebe Christi bringen, wird der Herr uns auch segnen mit seinem Heiligen Geist. Er wird durch uns erfahrbar, in unserer Liebe sichtbar. Denn dem der gibt, dem wird gegeben. Und wenn wir Christus im Herz tragen und weitergeben, dann wird derjenige, der Gott sucht, auch bleiben, denn er wird fündig.

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