Philosophie

Der Himmel spricht nicht

Sloterdijk will den Himmel sprechen lassen. Doch er versteht das Christentum nicht. Ein Kommunikations- und Verständnisproblem.

Peter Sloterdijk spricht auf der spricht auf der phil.COLOGNE,
Peter Sloterdijk spricht auf der spricht auf der phil.COLOGNE, dem internationalen Festival für Philosophie, in der Veranstaltung Wie man mit Göttern spricht. Foto: Christoph Hardt via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Die religiöse Frage lässt Peter Sloterdijk nicht los. Immer wieder greift er sie auf, ironisierend bis zur Parodie, aber auch geistreich reflektierend mit Argumenten, die überraschen und durchaus weiterführen. Sie erstaunen; nicht etwa, weil sie neu wären, sondern im Gegenteil: weil sie vielfach Wurzeln aufweisen, die weit in die Geschichte zurückweisen. 

Es gilt, „den Himmel zum Sprechen zu bringen“. Kenntnis- und variationsreich schweift er durch die Religions-, Philosophie- und Theologiegeschichte: von den alten Ägyptern zur griechischen Antike, von der Antike zu den Patristikern, vom Aquinaten zu Friedrich Schleiermacher, Jan Assmann, Martin Heidegger und Kurt Flasch, kreuz und quer, hin und zurück. Versagt die Religion tatsächlich vor der metaphysischen Frage oder auch nur vor der Forderung nach existenziellem Sinnangebot? Ist Theologie nichts weiter als „Poesie“? Steht die Dogmatik womöglich, wie einst bei Adolf von Harnack, bei der Belletristik, der „schönen Literatur“? Viele Antworten auf all diese Fragen hält Sloterdijk erfreulich lange in der Schwebe. 

Ein Nitscheaner

Sloterdijk ist und bleibt philosophisch Nietzscheaner. Wer es nicht weiß, erfährt es spätestens im Pseudo-Nachwort (339–343). Während bei der Lektüre ganze Kapitel ohne Substanzverlust, wenngleich auch unter Verzicht des Genusses auf extravagante Formulierungen, überschlagen werden können, sollte dieser Epilog aufmerksam studiert werden; am besten gleich zu Beginn des Lesens. Er wirft helles Licht auf das mitunter recht kryptisch Dargelegte. Jedenfalls wird hier auf den unsichtbaren Notenschlüssel verwiesen, dem das ausdrücklich Gesagte unterstellt ist. 

Religion wird verstanden als Übung und Vorspiel „erhöhter Selbsterfahrung“. Ist diese erst einmal erreicht, könne man getrost auf Religion verzichten. Ansonsten befinden wir uns weltweit immer noch in der abendländischen „Götterdämmerung“, was gedanklich nicht weiterführt, aber soziologisch ausgeschmückt wird. In Kapiteln zuvor spricht er von „Soziophanie“ (166–182) und davon, dass die „Vorräte an vereinigender Naivität oder an soziogener Simulationsfähigkeit“ nicht wirklich „aufgebraucht“ seien (171). 

Die gute alte Säkularisierung

Sloterdijk liebt diese Idiome, zumindest fördert er ihr Design, das er schon vor Jahrzehnten als – im Sinne Heideggers – „Zeug zur Macht“ verstand. „Modernisierung im vollständigeren Sinne des Wortes bezeichnet einen epochenübergreifenden Vorgang, in dem die Generationenwechsel von mehr oder weniger abrupten Umstellungen der Denkweisen, der Arbeitsprozesse, der Lebensformen und der semiosphärischen Effekte überlagert werden“ (172). Was meint er? Wovon spricht er? Von nichts anderem als der guten alten Säkularisierungsthese. Da muss man erst einmal draufkommen! 

Der Himmel, was ist das? Wir wissen es nicht. Was wir wissen, ist, so die These, dass er nicht spricht. Wir wollen es aber doch so sehr. Wir sehnen uns danach, ihn zu hören. Wir wollen, dass er sich uns zuwendet. Mehr noch: Wir wollen, dass er uns Geborgenheit schenkt. Das Bild von der ägyptischen Himmelsgöttin Nut, die sich sternenbekränzt über die Erde beugt, „bietet das schönste aus dem Altertum überlieferte Emblem eines Schutzes durch das Umgreifende“ (7). Aus der Sehnsucht entsteht das Phänomen Religion in all seinen Variationen; und zwar dank einer sich allmählich entwickelnden, stets komplexer werdenden Theopoesie. Sie ist die Reaktion des Menschen auf den schweigenden Himmel. Die Dichter und Denker versuchen alles, um den Himmel zu Wort kommen zu lassen, entdecken aber schließlich, dass die ganze Geschichte nur das Narrativ von Menschen war (vgl. 339f.).

Eine Entdeckungsgeschichte

Diese „Entdeckungsgeschichte“ will Sloterdijk nachzeichnen. Sie ist erhellend, aber insgesamt nicht überzeugend. Jedenfalls verfehlt Sloterdijk den Sinn der christlichen Botschaft. Er hört nicht richtig zu. Schon den Römern waren die Christen suspekt. Sprachen sie nicht der Negation des Religiösen das Wort? Christen weigerten sich, „den Himmel zum Sprechen zu bringen“. Sie wussten, dass sie es nicht können. Jeder Versuch sei vergebene Liebesmüh, ja Blasphemie, und trage insgesamt nur dazu bei, den Menschen von Gott zu entfernen. „Gott wohnt in unzugänglichem Licht“ (1 Tim 6,16). Wir können ihn nicht zum Sprechen bringen, geschweige denn, Gemeinschaft mit ihm haben, die zum Heil führt. 

Darin besteht ja gerade der Kern der Frohen Botschaft: Gott hat sich in Jesus Christus geoffenbart. Er ist auf uns zugekommen; nicht umgekehrt! Und zwar in einer Weise und mit einem Inhalt, der gerade nicht theopoetisch oder sonstwie ersehnt, erdacht oder erdichtet werden kann. Im Gegenteil: „Was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört und in keines Menschen Herz gekommen ist“ (1 Korinther 2, 9), das verkünden Christen, das ist Inhalt der Frohen Botschaft. Die Lektüre lohnt sich. Sloterdijk macht klar, was von den historischen Religionen künftig bleibt. Es ist nicht viel, nichts, was der Rede wert wäre. Auch das Christentum überlebt nur, wenn es sich treu bleibt und sich auf Christus, den Gekreuzigten beruft. Er zeigt uns Gott. 


Sloterdijk, Peter:
Den Himmel zum Sprechen bringen.
Berlin, Suhrkamp Verlag, 2020, 352 Seiten, gebunden,
ISBN 8-3-518-42933-4,
EUR 26,– 

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