Literatur

Ich habe mir über die Art meines Erzählens niemals Gedanken gemacht

In seinem neuen Roman "Krass" lässt er die Silhouetten von Göttern auftreten: Martin Mosebach im Gespräch über Kontrollorgane des Meinungsstreits, das protestantische Substrat in der deutschen Gesellschaft und den Teufel in der Moderne.
Teufelsgesicht
Foto: imago stock&people | In jeder Epoche, so Mosebach, ist der Teufel anwesend. Heute ist er - oder auch das Böse - soweit aus dem Bewusstsein der Menschen verdrängt, dass seine Existenz kaum noch geglaubt wird.

An Ihnen scheiden sich die Geister: Sind Sie der Reaktionär, der ungebrochen versucht, an vormoderne Erzähltradition anzuschließen oder inszenieren Sie die Möglichkeiten der bürgerlichen Denk- und Sprechmöglichkeiten und sind der modernste aller Erzähler? 

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Die Frage nach der Modernität der Literatur scheint mir ein wenig veraltet und war nie sehr fruchtbar. James Joyce war ohne Zweifel ein kühner Sprach-Experimentator, unüberholt bis heute, aber Marcel Proust schrieb demgegenüber viel konventioneller und kein vernünftiger Leser würde ihn deshalb für weniger avantgardistisch halten. In den 50er und 60er Jahren waren formalistische Experimente noch sehr en vogue, danach sind die meisten Erzähler zu Erzählkonventionen, wie sie der Roman des 19. Jahrhunderts entwickelt hat, zurückgekehrt, so wie übrigens auch die meisten angelsächsischen und französischen Autoren schreiben. Ich habe mir über die Art meines Erzählens niemals Gedanken gemacht, sondern einfach eine Weise gesucht, mich möglichst leicht verständlich zu machen, in einem Stil mit möglichst wenig Eigengewicht. Goethe spricht irgendwo davon, die Deutschen seiner Zeit hätten im Schreiben zu einem "allgemeinen gebildeten Stil" gefunden, das ist der klarste Ausdruck meines Ideals. 

Sie staffieren griechische Götter als Immobilienspekulanten und in "Krass" den Demiurgen, der seiner Entourage eine vom Übel geprägte Welt erschafft als Panzerverkäufer. Ist das die Rückkehr der Allegorie in die moderne Literatur? 

Mir geht es zuerst um Menschenschilderung, um die Sichtbarmachung, das Gegenständlichwerden meiner Modelle. Dabei hilft mir durchaus auch die Erinnerung an die Archetypen, wie sie sich in den griechischen Göttern so einzigartig verkörpern. Sie haben recht: In meinem neuen Buch stehen hinter den Gestalten der Erzählung in ihrer irdischen Fragwürdigkeit die großen Silhouetten von Göttern   das bewahrt mich davor, auf meine Figuren herabzusehen, wenn sie sich allzu menschlich betragen. In einer Erzählung mag der Leser in den Gestalten Symbole entdecken   aber sie sollten nicht als Symbole konzipiert sein, das würde sie in ihrer Rätselhaftigkeit beschädigen: Sie müssen, um lebendig zu werden, ihre Widersprüchlichkeit bewahren.

Ein Siegeszug des Optimismus

Sie gelten als detailbesessener Beobachter der Gegenwart. Von Göttern und Demiurgen über die Gnosis ist es nur ein kurzer Schritt zum Teufel. Mephistophelische Züge hat man Ihrem Roman auch nachgesagt. Wie viel Teufel steckt in der Moderne? 

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Der Teufel steckt in jeder Epoche der Geschichte, aber zu der unseren gehört es, dass er trotz unerhörter Verbrechen und namenlosem Unglück geleugnet wird. Mit Rousseau hat der Siegeszug des Optimismus begonnen, der in der ganzen Weltgeschichte etwas völlig neues war: "Der Mensch ist gut,", das hat man Jahrtausende lang anders gesehen, und diese Illusion ist unbesiegbar durch alle Evidenz der Schrecken. Das Böse gilt nur noch als bedauernswerter Rückfall in einem sonst glänzenden Aufstieg. Diese Vorstellung ist, besonders nach dem II. Vaticanum, bis tief in die Kirche eingedrungen.

In seinem neuesten Buch hat sich der Philosoph Peter Sloterdijk eingehend mit religiöser Sprache, der sogenannten "Theopoetik" beschäftigt. Die Religion sei dagegen von der Moderne in die "virtuelle Asozialität" entlassen worden, Glaube ist nicht mehr gesellschaftsbindende Kraft, sondern nach Nietzsche nur noch "erhöhte Selbsterfahrung". Wie viel ist an dieser These dran? 

Das ist keine These, das ist breiter politischer Consens, auch in der sogenannten christlichen Partei. Der Glaube darf heute gar keinen gesellschaftlichen Anspruch mehr besitzen, das würde geradezu als Bedrohung der Demokratie verstanden. Von der Kirche kommt hier auch kein Widerspruch. Man duckt sich vor dieser sozialen Realität. Berüchtigt ist die bischöfliche Rede vom "Beitrag", den die Kirche zum Wohl der Gesellschaft zu leisten vermag – man marginalisiert sich freiwillig und ist dankbar, solange man noch ein bisschen mitspielen darf. Das wird aber bald vorbei sein.

„Ich muss gestehen, dass ich gerade die engagierten Katholiken
unter den CDU-Politikern besonders fürchte.“

Um im mephistophelischen Bild zu bleiben: In diesen Corona-Zeiten kommt man leicht auf den Gedanken, dass der Teufel sich in die Kirche geschlichen hat. Ausfallende Präsenzgottesdienste, Missbrauchsskandale, Hirten, die ihre Lehre zugunsten des Zeitgeistes opfern …

Ich möchte weniger darüber spekulieren, was sich eingeschlichen hat, wenn ich vor allem bedenke, was aus der Kirche ausrinnt wie aus einem geplatzten Mehlsack, unaufhaltsam, schnell und schneller: der Glaube der Apostel, die liturgische Anwesenheit des Übernatürlichen, der Mut zum Bekenntnis, die Bejahung des Martyriums, die kulturelle Strahlkraft   im Sack hängen bleibt nur noch das tagespolitische Gewäsch und die Unterwerfung unter den Zeitgeist von vorgestern.

Das deutsche Recht ist nicht laizistisch!

Der große Verleumder treibt auch im öffentlichen Diskurs sein Unwesen, wie es scheint. Im vergangenen Herbst haben Sie den Appell für freie Debattenräume unterstützt. Was war Ihre Motivation? 

Wie viele andere habe ich mit wachsendem Zorn beobachtet, wie die veröffentlichte Meinung sich mehr und mehr zu einem Kontrollorgan des Meinungsstreits entwickelt hat, das Abweichungen von einem fixierten Meinungskorridor nicht mehr zulassen will. Das ist nicht nur ein deutsches Problem, es ist im ganzen Westen anzutreffen, Ausdruck eines Kulturkampfes, der sich in den meisten westlichen Ländern abspielt.

 

Sie setzen sich in diesem Zusammenhang einerseits für die Meinungsfreiheit ein, sind aber zugleich der Fürsprecher eines "Blasphemiegesetzes". Wie geht das zusammen? 

Das ist nicht ganz richtig: Ich habe nur darauf hingewiesen, dass das deutsche Strafrecht immer noch einen Blasphemie-Paragraphen enthält, und dass das deutsche Grundgesetz in seiner Präambel erklärt, "in Verantwortung vor Gott und den Menschen" zu sprechen – dass man also nicht behaupten kann, das deutsche Recht sei laizistisch, was gern vergessen wird. Wem das nicht passt, der muss versuchen, das zu ändern. Sonst ist doch jetzt beständig von Verfassungstreue die Rede. Wichtiger war mir allerdings, einmal meinen Widerwillen auszusprechen gegenüber der vollständigen Risikolosigkeit, mit der heute die christliche Religion verächtlich gemacht werden darf. Künstlerisch kommt dabei auch gar nichts heraus. Die Straflosigkeit hat das Niveau verkommen lassen.

Wie puritanisch ist „Cancel Culture“?

Ist die vom Appell beschriebene "Cancel Culture" historisch nicht auch eine Nachwehe ikonoklastischer Bewegungen, deren Keim man durchaus im Christentum findet, so in der byzantinischen Geschichte und im Calvinismus? Blanker Zufall, dass das von puritanischen "Pilgervätern" gegründete Amerika ein Ausgangspunkt ist? 

Alles Gute, aber selbstverständlich auch alles Böse, eben auch alle gemeingefährlichen politischen Ideologien haben ihre Wurzeln im Christentum, kein Wunder bei einer Religion, die so lange und so machtvoll das Denken der Menschen geprägt hat. Das Christentum ist von Anfang an von Häresien begleitet gewesen, und die politischen Ideologien sind nichts anderes als Häresien – ich bin davon überzeugt, dass eine künftige Kirchengeschichte die neueren politischen Ideologien als Häresien schildern wird.

Sie haben einmal geschrieben, dass wir Katholiken einem Land mit "langer Zeit der militanten Vorherrschaft protestantischer Kultur" entstammen. Für den Geburtstag des protestantischen Reiches vor 150 Jahren, das diesen Zustand verfestigte, interessiert sich heute kaum jemand. Wie kommt das? 

Ich vermute, das liegt auch daran, dass dies Reich vor allem ein Groß-Preußen gewesen ist. Westdeutschland wurde von Preußen unterworfen und musste mit seinem Reichtum die preußische Großmachtpolitik finanzieren. Speziell in den katholischen Ländern Deutschlands sind die antipreußischen Affekte bis zur Auflösung Preußens durch die Alliierten nie verstummt. Die Auflösung Preußens war jene notwendige Korrektur des Geburtsfehlers von Bismarcks Reich, die erst ein Gleichgewicht unter den deutschen Ländern möglich machte.

Wo lebt diese protestantische Kultur heute – vielleicht auch auf verworrenen Wegen  – fort? 

Sie wissen: Seit dem achtzehnten Jahrhundert hat sich der Protestantismus vor allem mit der Aufklärung amalgamiert und ist zu einer "entmythologisierten" und säkularisierten Zivilreligion geworden, die heute die gesellschaftliche Mehrheit, gleich welcher Konfession, prägt. Auf Luther darf man das längst nicht mehr zurückführen, den hätte es bei der Forderung nach menschlicher Autonomie geschaudert.

Sucht nach Protestantisierung

Gibt es im Gegensatz dazu ein "katholisches Substrat", das trotz einstiger protestantischer Vorherrschaft, Modernismen und Zeitgeistanwandlungen diese Gesellschaft prägt? 

Ich würde es gerne sehen, aber ich sehe es nicht – da ist Frankreich, wo die Kirche noch viel schwächer ist, noch eher ein katholisches Land zu nennen. Bei uns ist die offizielle Kirche geradezu süchtig danach, sich zu protestantisieren, die metaphysische Ausdünnung der protestantischen Kirchen scheint nicht nur kein Hindernis zu sein, sondern ist offenbar ein besonderer Anreiz.

Was bedeutet es, wenn in dieser Zeit die größte Partei Deutschlands einen Mann mit christsozial-katholischem Einschlag an die Spitze setzt? Ist das nicht ein Zeichen, dass das Katholische zumindest unterschwellig immer noch eine bedeutsame gesellschaftliche Rolle spielt?

Ich muss gestehen, dass ich gerade die engagierten Katholiken unter den CDU-Politikern besonders fürchte. Ihr Einfluss auf die Entwicklung der Kirche ist verhängnisvoll. Eigentlich alle von Ihnen   nur ein paar Namen: Süssmuth, Laurien, Geissler, Teufel, Blüm, Schavan, Beck   haben den publikumswirksamen antirömischen Affekt genährt und die Kirche nach den Opportunitäten einer politischen Partei betrachtet. Sie haben den Einfluss, den man ihnen in der Kirche gewährt hat, vor allem für ihre tagespolitischen Interessen genutzt – als Musterdemokraten eben auch dort Demokratie fordernd, wo sie wesenhaft nichts zu suchen hat. Nach dem II. Vaticanum spätestens ist der politische Katholizismus ein Unglück für die Kirche gewesen. Ich könnte mir deshalb nichts Besseres vorstellen, als dass die CDU ihr überflüssiges "C" streicht und ihren Anspruch, in kirchlichen Fragen mitzureden, aufgibt


Martin Mosebach: Krass, Rowohlt Verlag, Hamburg 2021, ISBN 9783498045418, Gebunden, 528 Seiten, 25,00 EUR 

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