Medienarbeit

Otto Neubauer: „Die Medien stehen im Sturm“

In Zeiten der Cancel Culture und der Polarisierung kann Medienarbeit nur gelingen, wenn Dialoge, ja die gesamte Kommunikation sehr gut beherrscht werden. Online kann man jetzt in Wien seine kommunikativen Fähigkeiten bei der „Akademie für Dialog und Evangelisation“ ertüchtigen.

Medienarbeit
Technisches Know-How, doch vor allem das Fundament von guter Medienarbeit, nämlich Kommunikation und Dialog, stehen im Zentrum des neu gestalteten Medienlehrgangs der „Akademie für Dialog und Evangelisation“ in Wien. Foto: philipimage, imago-images

Für Otto Neubauer steht nicht nur Europa im Sturm. „Die Medien stehen im Sturm“, stellt der Leiter der „Akademie für Dialog und Evangelisation“ in Wien fest und formte dafür das bekannte Ursula von der Leyen-Zitat um. Unter dem Motto mit der Unterzeile „Kommunikation als Ganzes denken lernen“ steht auch die erste Einheit der „Kommunikations- und Medienschulung“, die am 28. April in die nächste Runde startet. Bei dem diesjährigen Durchgang gibt es jedoch erstmals eine signifikante Änderung. Stand in den letzten 14 Jahren die klassische Trias einer typischen Medienfortbildung – Rhetoriktraining, journalistisches Arbeiten und Moderation – im Vordergrund, geht es nun um die oft vernachlässigten Fundamente, die am Grund jeder Medienarbeit stehen: Kommunikation und Dialog.

Parallelgesellschaften und Bubbles

 

Warum dieser Wechsel? „Wir sind heute eine Gesellschaft der geschlossenen Räume“, analysiert Neubauer. „Wir leben in Parallelgesellschaften, in unseren Bubbles, wo jeder unter seinesgleichen bleibt“, erklärt er gegenüber dieser Zeitung. Mit Sorge beobachtet der Autor des Buches „Mission Possible: Handbuch für Evangelisation“ die zunehmende „Cancel Culture“, also das Entfernen-wollen unangenehmer Wahrheiten oder Tatsachen, die nicht in das eigene Weltbild passen, und die Polarisierung. Diese Phänomene seien für die Veränderung der Medienwelt mitverantwortlich. Gerade in den sozialen Medien gäbe es viel Abgrenzung und Kategorisierung. In all dem stellt sich für Neubauer die Frage, was einen echten Dialog ausmache. Dieser Frage geht der neu gestaltete Lehrgang nach.

„Alles, was wahr und gut ist,
nehmen wir als Kirche freudig auf“

Ein wichtiger Dialog für die katholische Akademie, die aus der Gemeinschaft Emmanuel hervor gegangen ist, und ihre Schulung ist der zwischen Kirche und Welt. Deshalb ist die Fortbildung offen für Menschen aller Weltanschauungen und Religionen. „An wertschätzender Kommunikation haben wir alle zu arbeiten“, betont der Leiter. Auch innerhalb der Kirche gäbe es bei diesem Thema noch „Luft nach oben“. Wie die Teilnehmer, so ist auch das Team der Vortragenden weltanschaulich gemischt – und durchaus prominent. Katholische Referenten sind zum Beispiel der Innsbrucker Diözesanbischof Herman Glettler oder der Pressesprecher von Kardinal Schönborn, Michael Prüller.

Andere Dialogpartner sind, um einige Namen zu nennen, die in Österreich bekannte TV-Moderatorin Barbara Stöckl und ORF-Moderator Tarek Leitner. Vereint werden die Personen mit den verschiedenen Hintergründen durch ihre gemeinsam Mission, nämlich voneinander zu lernen und ein echtes Engagement aneinander zu entwickeln, da das Gemeinwohl auf dem Spiel steht. Das Gemeinwohl ist wiederum das oberste Ziel der christlichen Soziallehre.

Dialog geht am besten über Freundschaft

Dialog. Dieses Schlagwort steht für Otto Neubauer in der Tradition des Zweiten Vatikanischen Konzils. „Alles, was wahr und gut ist, nehmen wir als Kirche freudig auf“, erklärt er. Oft würden wir denken, die Wahrheit ließe sich in der Skepsis, in der Abgrenzung, finden. „Doch die griechischen Philosophen lehren“, sagt der Leiter der Akademie, „dass man die Wahrheit in der Sympathie findet“. „Sympathie“ komme aus dem griechischen und würde sich als „Mitleiden“ und auch „Wohlwollen“ übersetzen lassen, klärt Neubauer auf. Daher gehe Dialog am besten über die Freundschaft. Den ursprünglichen Sinn von abgedroschenen, aber bedeutungsvollen Begriffen neu zu entdecken, ist ihm für die Medienschulung ein Anliegen. So bedeute „Toleranz“ „er-tragen“. „Es meint ein gegenseitiges Mit-tragen der Last des Anderen“, resümiert er.

Die insgesamt fünf Online-Module und ein Studientag bestehen aus einem inhaltlich dichten Potpourri. Es werden Themen behandelt wie „Cancel-Culture und persönliche Verletzlichkeit“, „Einer ,anderen‘ Welt begegnen und Design von Dialogen“ oder „Verstehen von Wirkungweisen und Manipulation“. Die Fortbildung richtet sich, im Gegensatz zu den letzten Jahren, in denen Studenten die Zielgruppe waren, an Leute, die als Netzwerker in Kirche Organisationen tätig sind. Die Frage stellt sich, welche Rolle die Kirche in den Medien und in der Welt allgemein spielt? Für den Missionsexperten Otto Neubauer ist eines klar: „Wir als Kirche müssen den anderen entgegengehen. Das ist ein echter Schlüssel!“

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