Würzburg

Friedrich Hölderlin: Künder des Göttlichen

Friedrich Hölderlin liebte die Antike: Zum 250. Geburtstag des unglücklichen Dichters.

Friedrich Hölderlin
In Nürtingen verbrachte Hölderlin seine Jugendjahre - die Stadt hat ihm ein Denkmal errichtet. Foto: dpa

Ich verstand die Stille des Äthers,/ Der Menschen Worte verstand ich nie.“ Überrascht es, dass der Dichter, der dies von sich sagte, ein unglückliches Leben hatte? Doch wenige haben ihre Dichtung zu so rätselhafter Schönheit getrieben wie er: „Ihr holden Schwäne,/ Und trunken von Küssen/ Tunkt Ihr das Haupt/ Ins heilignüchterne Wasser.“ Und kaum ein moderner Poet hatte instinktiv ein so enges Verhältnis zur Kultur der alten Griechen wie Friedrich Hölderlin oder hat die antiken Odenmaße und die freirhythmische Hymnenform nach dem Vorbild Pindars so souverän gehandhabt wie er. Vor 250 Jahren, am 20. März 1770 wurde er in Lauffen am Neckar geboren.

Der früh vaterlose Hölderlin wurde in Nürtingen, Denkendorf und Maulbronn auf das Studium der evangelischen Theologie vorbereitet, dem er ab 1788 an der Universität zu Tübingen nachging. Zu seinen Freunden im dortigen Stift gehörten unter anderen Hegel und Schelling. Für Hölderlin stand früh fest, dass er nicht Geistlicher werden wollte. Der Dichter verließ die Bahnen traditioneller Frömmigkeit und nahm eine pantheistische Weltanschauung an. Rousseaus „Contrat social“ begeisterte ihn als Studenten ebenso wie Schillers „Don Carlos“. Der als Freiheitsbewegung verstandenen Französischen Revolution stand er daher zunächst positiv gegenüber, bis aufgrund ihres blutigen Verlaufs bei ihm eine gewisse Ernüchterung eintrat. Seine Magisterarbeit schrieb er über die „Geschichte der schönen Künste unter den Griechen“. Das idealisierte Traumbild der untergegangenen hellenischen Kultur wurde für sein Denken und Dichten bestimmend.

Mit dem Verzicht auf eine geistliche Laufbahn verurteilte Hölderlin sich zu einer Hauslehrerexistenz, zumal er es nicht über sich brachte, den ihm zustehenden Anteil am väterlichen Erbe für sich einzufordern (der ihm ein zwar bescheidenes, aber sorgenfreies Dasein als Privatier ermöglicht hätte). Seine ersten Stellen hatte Hölderlin ab 1793 in Thüringen, nicht zuletzt durch Vermittlung des von ihm verehrten Schillers. Der druckte auch 1794 in seiner Zeitschrift „Thalia“ ein Fragment aus Hölderlins Roman „Hyperion“ ab. Eine Freundschaft resultierte daraus nicht. Schiller hielt Hölderlin für einen „überspannten Subjektivisten“ (Häussermann), während der sich von Schillers vermeintlicher Überlegenheit erdrückt fühlte. Er reagierte auf diese innere Bedrängnis schließlich mit einer überstürzten Abreise.

Der Freiheitskämpfer und die Häusliche

Schicksalshaft wurde für Hölderlin die Hauslehrerstelle im Hause der Bankiersfamilie Gontard in Frankfurt am Main, die er 1796 antrat. Die Hausherrin, Susette Gontard, kannte das in der Thalia veröffentlichte „Fragment von Hyperion“ und erwies sich als Seelenverwandte. Hölderlin erkannte in ihr die weibliche Hauptfigur seines Romans, die er nach einer in Platons „Symposion“ auftretenden Priesterin „Diotima“ genannt hatte.

Der Briefroman „Hyperion oder der Eremit in Griechenland“ bildet gleichsam den Mittelpunkt von Hölderlins Schaffen. Die im Rückblick erzählte Handlung entfaltet sich vor dem Hintergrund des modernen, osmanisch besetzten Griechenland zwischen 1768 und 1772. Der junge Grieche Hyperion schreibt nach seiner Heimkehr aus dem Ausland Briefe an seinen dortigen Freund Bellarmin. Er erinnert sich: Sein Lehrer Adamas lehrte ihn die Herrlichkeit des Altertums und den traurigen Kontrast der griechischen Gegenwart dazu. In Smyrna lernte er Alabanda kennen, der einem Geheimbund angehörte, der die Befreiung Griechenlands anstrebte. Für ein ganz anderes, besinnliches, sich aufs Häusliche beschränkendes Menschentum stand Diotima, in die er sich in Kalaurea verliebte. Sie wollte ihn zum Erzieher der modernen Griechen machen, doch er folgte Alabandas Aufruf zum Befreiungskampf. Die Gewalt, deren Zeuge er wurde, ernüchterte ihn, doch eine Rückkehr zu Diotima vereitelte deren überraschender Tod. Hyperion entschloss sich, nach Deutschland zu reisen, um sich dort auf die ihm von der Geliebten zugedachte Rolle als Volkserzieher vorzubereiten. Aber auch hier erfuhr er Enttäuschung: Die gegenwärtigen Deutschen erschienen ihm„dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes“. Trost findet er in der zur Frühlingszeit aufblühenden Natur.

Die Krankheit stellte sein Werk zu sehr in den Schatten

Hölderlins Beziehung zu seiner realen Diotima endete unglücklich, da deren Mann für das idealistische Verhältnis kein Verständnis zeigte. Unter demütigenden Umständen musste Hölderlin 1798 seine Dienststelle verlassen. Im Hause seines Freundes Isaac von Sinclair in Homburg widmete er sich seinem in drei Fragmenten vorliegenden Drama „Empedokles“. Hölderlin griff hier die antike Legende auf, der vorsokratische Naturphilosoph habe sich in den Ätna gestürzt. Im Sinclairschen Hause entstanden bis 1800 einige von Hölderlins schönsten Gedichten, darunter „Heidelberg“ und „Archipelagus“.

Im Dezember 1801 ging Hölderlin als Hauslehrer nach Bordeaux, aus dem er schon im Sommer 1802 mit Anzeichen geistiger Verwirrung nach Nürtingen zurückkehrte. Seine Erkrankung wird von der modernen Medizin in der Regel als Schizophrenie gedeutet. Zwei Jahre pflegte ihn seine Mutter, dann übernahm das sein treuer Freund Sinclair in Homburg. Noch immer war Hölderlin tätig, übersetzte mehrere Tragödien des Sophokles und schuf große Hymnen wie „Der Rhein“ oder „Patmos“ („Nah ist/ Und schwer zu fassen der Gott./ Wo aber Gefahr ist, wächst/ Das Rettende auch.“). Der Dichter empfand sich als Künder des Göttlichen, er verband miteinander Dionysos und Christus, Antike und Christentum.

Die Krankheit aber verschlimmerte sich. Nach einem kurzen Intermezzo in der Tübinger Irrenanstalt (1806) verbrachte Hölderlin den Rest seines Lebens ebendort bei der Familie des Tischlers Zimmer. Hier lebte er mehrere Jahrzehnte als gut betreuter Pflegefall in dem berühmten, noch heute zu besichtigendem „Hölderlinturm“ oberhalb des Neckars. Am 7. Juni 1843 erlöste ihn der Tod. Dass seine Krankheit die Aufmerksamkeit der Nachwelt bisweilen ungebührlich von seinen Werken abgelenkt hat, ist wohl bis heute ihre schmerzlichste Folgeerscheinung.

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