Trappist im Rampenlicht

Vor 50 Jahren, am 10. Dezember 1968, starb Thomas Merton. Papst Franziskus hat ihn bei seiner Rede vor der UNO 2015 neben Lincoln, Martin Luther King und Dorothy Day als Vorbild bezeichnet. Von Bodo Bost

Der Kontakt mit der Außenwelt war ihm wichtig: Thomas Merton. IN Foto: Foto:

Das Jahr 1968 war mit den großen Studentenprotesten ein Jahr des großen Aufbruchs, aber auch ein Jahr des abrupten Abbruchs großer Hoffnungen in Gesellschaft und Kirche. Schuld daran waren zwei Morde in den USA, nämlich die an Martin Luther King und Robert Kennedy, die das Leben von zwei Gallionsfiguren dieses gesellschaftlichen Aufbruchs, die weit über die USA hinaus Anklang gefunden hatten, beendeten. Am 10. Dezember 1968 starb auch Thomas Merton, eine weitere Identifikationsfigur des gesellschaftlichen und kirchlichen Aufbruchs, im Alter von nur 53 Jahren in Bangkok eines unnatürlichen Todes.

Thomas Merton war am 31. Januar 1915 in Südfrankreich in Prades am Fuße der Pyrenäen in einer amerikanisch/neuseeländischen, protestantischen Künstlerfamilie geboren. Sein Vater malte wie Paul Cézanne und verfügte über eine ausgewogene Weltsicht, er war tief beeindruckt von der Integrität aller geschaffenen Materie. Seinen Eltern gelang es, ihm etwas von der Ganzheitlichkeit und Ehrfurcht einer künstlerischen Sicht der Dinge zu vermitteln. Wegen des 1. Weltkrieges verlegte die Familie bereits 1916 ihren Wohnsitz in die Vereinigten Staaten, kehrte allerdings später wieder für mehrere Jahre nach Europa zurück. Nach dem Tod seiner Eltern und Jahren in Internaten, denen wilde Studienjahre an der Columbia University in New York und in Cambridge, wo er auch ein Kind zeugte, und einer vielversprechenden Studienkarriere in Literatur folgte, konvertierte Merton 1938 in die katholische Kirche. Er überlegte zunächst, als Sozialarbeiter im New Yorker Armenviertel Harlem zu arbeiten, aber 1941 trat er in das Trappistenkloster Gethsemani in Kentucky, dem ältesten heute noch existierenden Kloster in den USA, ein. Als Brother Louis, so sein Ordensname, verpflichtete sich der 27-jährige Merton zu einem kontemplativen Leben nach strengen Vorschriften. 1949 wurde er zum Priester geweiht. Allerdings war er schon ein Jahr zuvor, nach der Veröffentlichung seines autobiografischen Buches „Der Berg der sieben Stufen“, in dem er seine Bekehrung und seinen Eintritt in Gethsemani beschreibt, in der westlichen Welt berühmt geworden. Ans Ende dieses Buches hatte er den kleinen lateinischen Satz gestellt, der übersetzt lautet: „Das Buch mag zu Ende sein, die Suche geht weiter“. An diesen Schlusssatz hielt er sich sein ganzes Leben.

Über das Buch von Etienne Gilson „Geist der mittelalterlichen Philosophie“ hatte Merton zu einem „intellektuell redlichen Glauben“ und zu einer Beziehung zur katholischen Kirche gefunden. Allerdings blieb Thomas Merton auch noch nach seiner Konversion von großen Zweifeln und inneren Kämpfen geplagt, er hatte erkannt, dass das Gebäude der scholastischen Theologie unvollendet war. Noch ein Jahr vor seinem Tod sagte er: Er habe keine Antworten, sondern „er fange erst an, die Fragen zu suchen“. Zeitlebens war er von Skrupel, Ängstlichkeit und Schuldgefühlen geplagt. Die Vorschriften seines strengen Ordens und die Lehre der Kirche machten ihm oft zu schaffen. Einladungen durfte er nicht nachkommen, seine Bücher wurden von seiner Ordensleitung zensiert.

Monastische Distanz zur Welt und Ratschläge

Neben Theologie und Philosophie beschäftigte sich Merton auch zunehmend mit Psychologie, Literatur und Politik. Als er sich kritisch zur atomaren Aufrüstung, für die Friedensbewegung und gegen den Vietnamkrieg äußerte, wurde ihm von seinen Ordensoberen zunächst ein Publikationsverbot erteilt, weil derartige Fragen angeblich kein Thema für Mönche seien. Dies minderte jedoch nicht seine Schreiblust. Seine Schriften erreichten die Lebenswirklichkeit des nach Inspiration suchenden modernen Menschen. Der in der christlichen Mystik hervorragend bewanderte Merton interessierte sich auf seiner spirituellen Suche zunehmend auch für andere Religionen und Spiritualitäten, für den Taoismus und den Sufismus, für den Hinduismus und vor allem den Buddhismus. Bei allem sah er das Gebet als grundlegende Dimension menschlicher Existenz: „How I pray is breathe – Ich bete, indem ich atme.“ Gerade weil er als Trappist auch das Schweigegelübde abgelegt hatte, waren ihm das Gebet und die Korrespondenz so wichtig. Er korrespondierte mit zwei Päpsten, Kardinälen und Bischöfen, mit den Schriftstellern Boris Pasternak, Henry Miller, Czeslaw Milosz und anderen und mit den Theologen, etwa Paul Tillich, Abraham Joshua Heschel, Karl Rahner, Jean Leclercq; aber auch mit vielen seiner einstigen Studienfreunde aus Columbia und Cambridge blieb er in Kontakt.

Die Aufgabe und Berufung eines Mönchs, aber auch die Frage des Mönchtums in der Dritten Welt und Fragen der sozialen Gerechtigkeit beschäftigten ihn immer mehr. Er sah sich in der Rolle eines prophetischen Zeugen. In der Weltflucht des Mönchs (fuga mundi) sah er keinen Egotrip nach Innen im Sinne der Hippies, mit denen er sympathisierte, sondern eine monastische Distanznahme von der Welt, um diese auf ihre Defizite hinzuweisen und so einen positiven Impuls zur Lebensänderung zu geben. Die Sprache und die Begriffe der Theologie schienen ihm zu unpräzise, um die Wirklichkeit Gottes auszudrücken. Er suchte immer mehr ein demütiges Schweigen, in intellektueller Einsamkeit und innerer Armut. Merton fühlte sich zu einem noch abgeschiedenerem Leben berufen. 1965 erhielt Merton von seinem Abt die Erlaubnis, in einer zehn Gehminuten vom Kloster entfernten Einsiedelei zu leben. Hier konnte er „nur von Gott besetzt sein, einfach in seiner Gegenwart sitzen“, wie er einem Freund schrieb. Diese kontemplative Haltung eines auf eine unbeschreibbare Weise zutiefst von Gott Angesprochenen zieht sich durch viele seiner Bücher. Im Schweigen wurden ihm die Solidarität mit seinen Mitmenschen und das Eingebundensein in Gottes gute Schöpfung in aller Deutlichkeit bewusst.

Merton nutzte die neue Offenheit für fremde Religionen, wie er für den Aufbruch des 2. Vatikanischen Konzil unter Papst Johannes XXIII. kennzeichnend war. Er nahm an interreligiösen Kongressen von christlichen und nichtchristlichen Mönchen in Asien teil. In diese Zeit fallen auch erste Versuche europäischer und nordamerikanischer Priester und Mönche, etwa in Indien, nach der Art hinduistischer Mönche zu leben. Wenige Tage vor seinem Tod während eines interreligiösen Kongresses in Bangkok, hatte ihn der Dalai Lama, den er kurz zuvor noch besucht hatte, als den besten westlichen Kenner des Buddhismus bezeichnet. An dem Kongress in Bangkok nahmen 70 Mönche aus 22 Ländern teil. Am 7. Dezember 1968 war Thomas Merton nach Zwischenstationen in Alaska, Indien und Sri Lanka in Bangkok angekommen. Mertons Vortrag bei dem Kongress hatte den Titel: „Marxismus und Perspektiven des Mönchtums bei Herbert Marcuse“. Merton hielt den Marxisten Marcuse für einen „monastischen Denker“. Denn Mönch sei „jeder, der einen kritischen Blick auf die Strukturen der Welt habe“. Der Marxismus, insofern er gegen Entfremdung kämpft, sei im Grunde eine christliche Idee, weil auch das Christentum den Menschen frei mache. Das war die Quintessenz im letzten Vortrag von Thomas Merton. Wenige Stunden nach dem Vortrag wurde Merton am 10. Dezember tot in seinem Zimmer gefunden, gestorben an einem Stromschlag, nach der offiziellen Version. Der Flügel eines Ventilators lag auf seinem Körper. Pater Jean Leclercq aus Luxemburg, der Organisator des Kongresses, fragte: „Wurde er ermordet, wie man auch Martin Luther King ermordete?“ Das hielt auch der Theologe Matthew Fox, ebenfalls ein Freund Mertons, für möglich. Merton war eine entschiedene Stimme gegen den Vietnamkrieg, so wie Martin Luther King eine entscheidende Stimme gegen die Rassentrennung war. Sein Tod wurde von der Berliner Ordensfrau und Ärztin Edeltrud Weist festgestellt. Eine Autopsie gab es nicht. Der Orden wollte keine weiteren Nachforschungen anstellen. Am 11. Dezember feierten die versammelten christlichen und buddhistischen Mönche in Bangkok sein Requiem, anschließend brachte ein US-Militärflugzeug, das gerade seine Mission in Vietnam beendet hatte, den großen Pazifisten zu seiner letzten Ruhestätte, die er auf dem Klosterfriedhof von Gethsemani in Kentucky fand.

Um seinen Tod bildeten sich Verschwörungstheorien

Jean Leclercq OSB sah in Thomas Merton einen Heiligen Bernhard des 20. Jahrhunderts, weil seine spirituelle Lehre, wie bei Bernhard, in seiner eigenen Person verwurzelt war. Wie der Heilige Bernhard war sich auch Thomas Merton seiner Talente und seiner Macht über die Menschen bewusst. Merton spürte jedoch auch, dass im Rampenlicht zu stehen auch zur Bürde werden kann. Trotz des Rampenlichts lag ihm nichts an Ruhm und Wichtigkeit. Keiner seiner klösterlichen Mitbrüder sah in ihm eine berühmte Persönlichkeit, weil auch er sich nicht so wichtig nahm. Merton wollte einfach nur er selbst sein; trotz des Rampenlichts blieb er einfach witzig und liebenswürdig.

Neben dem kontemplativen Leben kamen in ihm immer wieder auch die künstlerische und die schriftstellerische Seite wieder hoch. Nach der Begegnung mit einer Krankenschwester während einer Behandlung in einem Krankenhaus meldete sich 1966 auch sein erotisches Verlangen zurück und brachte ihn in Bedrängnis. Thomas Merton war ein Mönch, ein genialer Mensch. der einer Generation, einer Kultur und einem Jahrhundert seinen Stempel aufprägte. Sein Leben war voller Widersprüche und in einem ständigen Prozess, er war „eine Ikone spiritueller Ganzheit“. Papst Franziskus hat ihn in seiner Rede 2015 vor der UNO als Vorbild dargestellt, weil er auf vielfältige Weise die Radikalität des Christseins suchte. Wegen seines friedenspolitischen Engagements angesichts der Atomfrage, des Vietnamkriegs et cetera ist er eine weltweit beachtete Stimme geworden. Thomas Merton gehörte auch zu den Vorkämpfern der Rassengleichberechtigung in den USA und war so ein Wegbereiter der 68er Bewegung. Befreiungstheologen aus Südamerika, wie Ernesto Cardenal aus Nicaragua, gehörten zu seinen Schülern in Gethsemani. Thomas Merton hat sich von einem engen, römisch-katholischen Gläubigen zu einem weiten ökumenischen Denker entwickelt, der auch auf andere Religionen ausstrahlte, weit über die katholische Kirche hinaus gilt er als „der religiöse Prophet des 20. Jahrhunderts“.