Zurück zum Urknall

Eine Geburt, die die Welt verändert hat und heute Quelle eines Neuanfangs sein kann. Von Guido Horst

Die heilige Familie und die Krippenromantik haben auch heute noch einen Platz. Er ist nicht mehr allzu groß. Schwer lastet die Vermarktung des Weihnachtsfests samt Kaufrausch und dem obligatorischen Austausch (und Umtausch) von Geschenken auf dem eigentlichen Kernsymbol: dem Kind in den Windeln, umgeben von den Eltern, Ochs und Esel sowie einigen Hirten des Feldes.

Aber die Weihnachtskrippen, sei es die große auf dem Petersplatz in Rom, die vielen in den Kirchen und in den christlichen Familien, halten noch der Kommerzialisierung und völligen Sinnleere der postchristlichen Merry Christmas stand. Auch wenn sie kaum noch die prägende Kraft entfalten können, die das verweltlichte Weihnachten mit seinen bunten Schleifen, großen Kugeln und einem omnipräsenten Weihnachtsmann auf die virtuellen und realen Märkte oder die Medien hat. Wie zu Ostern ist auch die Symbolik der christlichen Weihnacht auf dem Rückmarsch. Ein nicht gerade neuer Befund, an den sich die Christen gewöhnt haben und der allenfalls noch als Einstieg in die Weihnachtspredigt dient.

Das Dumme ist nur, dass hinter diesem Kernsymbol, der Geburt eines Kindes, eine Wirklichkeit steht, die, wenn sie denn wirklich und wahr ist, heute noch wie vor 2 000 Jahren die Welt aus den Angeln heben kann. Sie ist das Ereignis, mit dem das Christentum in die Geschichte eingetreten ist und der Glaube des Einzelnen, die Kirche und die christliche Tradition stehen und fallen, wie Benedikt XVI. gleich zu Beginn seiner ersten Enzyklika „Deus caritas est“ schrieb: „Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person.“

Diese Person ist Jesus Christus, und ihr Erscheinen in der Welt, genauer gesagt im Schnittpunkt der drei damals bekannten Kulturen Europas, Nordafrikas und Asiens, löste die Wellenbewegung aus, die die Jahrhunderte bis heute durcheilen sollte. Nicht vorderasiatische Mythen, keine antike Philosophie, weder die Intuition eines religiösen Genies noch eine nachträgliche Konstruktion kirchlicher Machtträger standen am Anfang des Christentums, sondern die Inkarnation, verborgen bei der Verkündigung an Maria und dann „coram publico“ bei der Geburt Jesu in einem Stall.

Es ist erstaunlich, dass die katholische Kirche diesen Glauben durchgetragen hat bis in unsere Zeit, trotz aller dramatischen Verirrungen wie in der Zeit des Arianismus oder den Versuchen der modernen Theologie, den historischen Jesus im Säurebad der historisch-kritischen Exegese aufzulösen. Die Dokumente des Zweiten Vatikanums, der Katechismus der Katholischen Kirche und die Verkündigung der Päpste nach dem Konzil sprechen eine klare Sprache. Aber dennoch ist das Volk Gottes anfällig geworden dafür, die Menschwerdung, die Tatsache, dass das undurchdringliche Geheimnis Gott in Jesus Christus ein menschliches Antlitz angenommen hat, hinter einer Haltung zurücktreten zu lassen, die das Christentum eher als ein System von guten Werten oder eine Ethik beziehungsweise Morallehre versteht. Das ist das Erbe der Aufklärung, die jene Säkularisierung eingeleitet hat, an der die einst zutiefst christlich geprägte Kultur des Westens heute leidet.

Die Wasserscheide der Aufklärung

Dem Projekt der Aufklärer – Philosophen, Staatstheoretiker und Gelehrte wie Immanuel Kant, John Locke, Thomas Hobbes oder Jean-Jacques Rousseau – vorausgegangen war eine Katastrophe: Nach den zu Völkerschlachten ausgearteten Konfessionskriegen des 17. Jahrhunderts lag Europa ausgeblutet am Boden. Die Reformation hatte keine Reform der Kirche hervorgebracht, sondern eine Welle der Gewalt, die die Vordenker der Aufklärung dazu antrieb, Moral, Sitte und Zusammenhalt der Staatswesen nicht mehr aus dem Evangelium und der christlichen Verkündigung, sondern aus der „reinen Vernunft“ des Menschen abzuleiten.

Es war die Zeit der Gegenüberstellung der Konfessionen, wie Kardinal Joseph Ratzinger kurz vor seiner Wahl zum Papst bei einem Vortrag in Subiacco darlegte, eine Zeit, in der man versucht habe, die wesentlichen Werte der Moral aus den Widersprüchen herauszuhalten und eine Eindeutigkeit für sie zu finden, die sie von den zahlreichen Spaltungen und Unsicherheiten der verschiedenen Philosophien und Konfessionen unabhängig machen würde. So habe man die Grundlagen des Zusammenlebens sichern wollen. Aber es war gleichzeitig die Zeit, in der man die grundlegenden Errungenschaften des Christentums von dem Ereignis abtrennte, das zu ihrer Entstehung beigetragen hatte. Dieses Ereignis war die Geburt Jesu, der Eintritt Gottes in die Geschichte der Menschen.

Ratzinger führte damals weiter aus, dass der Versuch der Aufklärer zunächst zu gelingen schien, da die großen, vom Christentum geschaffenen Grundüberzeugungen zum großen Teil noch unbestreitbar schienen. Auf Dauer jedoch sei das Unterfangen gescheitert. Nicht einmal, so Kardinal Ratzinger weiter, die wenn auch großartige Bemühung eines Immanuel Kant sei in der Lage gewesen, die notwendige und von allen geteilte Gewissheit zu schaffen. Der zum äußersten geführte Versuch, die menschlichen Dinge unter vollständigem Verzicht auf die Offenbarung Gottes zu formen, habe immer näher an den Rand des Abgrunds und zur gänzlichen Zurückstellung des Menschen geführt.

Es kam die Französische Revolution mit ihren Folgen für die Kirche, es kamen die revolutionären Umbrüche des 19., schließlich die menschenverachtenden Ideologien des 20. Jahrhunderts und zwei Weltkriege, in denen eine auf der reinen Vernunft gründende menschliche Ordnung zusammenbrach.

In Subiacco hat Ratzinger damals am Beispiel des Begriffs „Freiheit“ aufgezeigt, wie sich mit der Wasserscheide der Aufklärung die wesentlichen Grundlagen und Werte der gesellschaftlichen Ordnung inhaltlich veränderten. Nicht mehr der Freiheitsbegriff des Evangeliums – „Die Wahrheit wird euch frei machen“ – prägt das heutige Verständnis, sondern eine Freiheit, die bis in unsere Tage hinein als Recht ausdifferenziert wird, alles zu tun, was man tun möchte, bis hin zu der „Freiheit“, einen Menschen gleichen Geschlechtes zu heiraten, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen, das Leben eines Ungeborenen zu beenden oder sein Geschlecht selbst zu wählen.

Die Kirche hat auf dem Zweiten Vatikanum sicher viel getan, um zu der durch die Aufklärung gewandelten Welt wieder eine Brücke zu schlagen. Aber es war offensichtlich zu spät. Seither setzt die Kirche auf „Neuaufbrüche“ in den eigenen Reihen. Die können aber nur dort gelingen, wo Christen zur Wurzel, zum „Urknall“ des Christentums zurückfinden. Und das war die Erscheinung Gottes in der Gestalt eines Neugeborenen in der Krippe zu Bethlehem.