Eine zukunftsweisende Theologie

Theologie: Über das Selbstverständnis des Theologieprofessors Joseph Ratzinger als „Mitarbeiter der Wahrheit“. Von Ralph Weimann
Kardinal Joseph Ratzinger
Foto: dpa | Am Schreibtisch: Der Theologieprofessor Joseph Ratzinger bei der Arbeit.

Die Theologie hat es heute nicht leicht. Nach außen lässt sich sagen, dass großen Teilen der Gesellschaft nicht mehr bewusst ist, wozu sie eigentlich dient und was sich mit ihr verbindet; nach innen ist eine gewisse Orientierungslosigkeit festzustellen, die von Selbstkritik bis Selbstzerstörung reicht, wie Papst Paul VI. schon 1968 bemerkte. Woran soll man sich orientieren, wer kann für eine Theologie bürgen, die zukunftsorientiert ist und zugleich einer immer säkularer werdenden Gesellschaft etwas zu sagen hat?

Sicher ist es nicht vermessen, in diesem Kontext jenen Theologen zu nennen, der in den letzten Jahrzehnten wie kaum ein anderer die Theologie mitgeprägt hat: Joseph Ratzinger, Benedikt XVI. Schon Papst Johannes XXIII. lobte seine theologische Expertise. Papst Paul VI. ernannte ihn auch aus diesem Grund zunächst zum Mitglied der Internationalen Theologenkommission und später zum Erzbischof und Kardinal. Auch für das Pontifikat von Papst Johannes Paul II. war er eine wichtige Stütze, in theologischen Fragen seine rechte Hand. Als Papst Benedikt XVI. hat er der Kirche wertvolle Lehrschreiben hinterlassen, die sicherlich noch große Kraft entfalten werden. Papst Franziskus schrieb über sein theologisches Werk, dass es ihm einen Platz unter so großen Theologen auf dem Petrusstuhl zuweisen werde „wie Leo dem Großen, heiliger Papst und Kirchenlehrer“.

Was ist eigentlich Theologie?

Was also kennzeichnet Joseph Ratzingers Theologie und was ist eigentlich Theologie? Eine Antwort auf diese Frage führt zum Zentrum dessen, womit sich Joseph Ratzinger zeitlebens beschäftigt hat. Das Wort „Theologie“ setzt sich aus den beiden griechischen Worten Theós (Gott) und Lógos (Wort, Rede, Vernunft, Lehre, Sinn) zusammen, dabei geht es – vereinfacht gesagt – um eine „vernünftige Lehre“ von Gott, durch die ein neuer Horizont erschlossen wird, der zwar auf der Vernunft gründet, aber diese übersteigt. Mit anderen Worten, es tut sich eine Perspektive auf, die gestützt auf die Offenbarung den Weg zum Ewigen Leben zeigt, ein Leben nach dem Tod. Die Aufgabe der Theologie besteht darin, wie Joseph Ratzinger schon in den sechziger Jahren festgestellt hat, diesen Glauben wissenschaftlich zu durchdringen.

Vom Wesen des Glaubens

Damit ist keineswegs eine rationale Re-Konstruktion des Glaubens gemeint, oder das Erfinden von klugen Theorien, sondern es geht darum, die rationale Verantwortbarkeit des Glaubens aufzudecken. Zugleich steht der Logos – eine feste Größe in der Theologie des Evangelisten Johannes, der als Synonym für den menschgewordenen Christus steht – im Gegensatz zum Mythos, er macht die Vernünftigkeit des Glaubens erst möglich. Das mag abstrakt klingen, sodass es hilfreich ist, noch etwas weiter auszuholen. Nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift ist der Dienst und das Zeugnis für den Glauben heilsnotwendig (vgl. Mt 10,32f). Wie lässt sich dies verstehen und was bedeutet „Glaube“? Vorab gesagt ist der Glaube eine göttliche Tugend, eine Fertigkeit im Guten, die man dadurch erlangt, indem man das Gute immer wieder tut. Das Adverb „göttlich“ weist darauf hin, dass der Glaube nicht selbst gemacht ist, sondern empfangen wird. Er ist eine Gabe des Heiligen Geistes, der das Herz des Menschen bewegen und Gott zuwenden will. Der Glaube führt dazu, an Gott und an all das zu glauben, was er offenbart hat und was durch die Kirche vermittelt wird. Dabei geht es nicht um Hypothesen, sondern – wie Joseph Ratzinger betont – um „die Bewältigung des Lebens durch das Bestehen des Sterbens“. Damit tut sich der „moderne Mensch“ schwer, weil er ganz im Hier und Jetzt lebt und oft nicht mehr über die großen Fragen des Lebens nachdenkt. Der Glaube will darauf Antwort geben.

Er ist vergleichbar mit einem Licht, durch das der Weg erkennbar wird und er führt zu einer neuen Logik (von Lógos), die das Leben auf Gott hin ausrichtet, der allein Ewiges Leben zu schenken vermag. Die Auferstehung von den Toten steht im Mittelpunkt der christlichen Botschaft. So heißt es im ersten Korintherbrief: „Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos. […] Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen“ (1 Kor 15,14.20). Der Glaube hat zum einen Geschenkcharakter, zum anderen bedarf es der bewussten Zustimmung zur offenbarten Wahrheit, er setzt Demut voraus, das von Gott Gegebene anzunehmen. Aus dieser Perspektive erhält der Mensch Antworten auf die großen Fragen im Leben.

Zum Mitarbeiter der Wahrheit werden

In einer Zeit, in der die Autonomie und das Selbermachen im Vordergrund stehen, ist es nicht leicht zu glauben, zumal der Glaube voraussetzt, dass man sich der Autorität des geoffenbarten Wortes unterordnet. Joseph Ratzinger/ Benedikt XVI. hatte dies jedoch zeitlebens zum bestimmenden Kriterium für sein Forschen und Arbeiten gemacht; er wollte kein eigenes theologisches System schaffen, sondern lediglich „Mitdenken“ mit dem Glauben der Kirche. Er sah sich als „Mitarbeiter der Wahrheit“ (Cooperatores Veritatis), wie er es in seinem Wahlspruch für seinen Hirtendienst als Bischof und Papst zum Ausdruck brachte, das schon lange vorher zu seinem Lebensprogramm geworden war. Schon als Präfekt der Glaubenskongregation trat er mutig und entschlossen für den Glauben der „Einfachen“ ein; derjenigen, die nicht den Luxus hatten, Theologie studieren zu können.

Er verstand das Adjektiv „einfach“ keineswegs im negativen Sinn, sondern als eine Grundbedingung für den Glauben. Zu Beginn seines Pontifikats hat Benedikt XVI. diesen Aspekt in seiner Predigt auf dem Islinger Feld bei Regensburg aufgegriffen und unterstrichen, dass Gott sich gerade den „Einfachen“ offenbart, jenen, die mit dem Herzen sehen können. Er unterstrich – sicher auch im Gegensatz zu Ansätzen einer verkopften Theologie, die in Zweideutigkeiten und komplizierten Hypothesen immer unverständlicher zu werden droht: „Der Glaube ist einfach. Wir glauben an Gott – an Gott, den Ursprung und das Ziel menschlichen Lebens. An den Gott, der sich auf uns Menschen einlässt, der unsere Herkunft und unsere Zukunft ist. So ist Glaube immer zugleich Hoffnung, Gewissheit, dass wir Zukunft haben und dass wir nicht ins Leere fallen. Und der Glaube ist Liebe, weil Gottes Liebe uns anstecken möchte. Das ist das Erste: Wir glauben einfach an Gott, und das bringt mit sich auch die Hoffnung und die Liebe.“

In dem beschriebenen Sinn ist Joseph Ratzinger/ Benedikt XVI. immer ein „einfach Glaubender“ geblieben, denn er stellte das von Gott Gegebene nicht in Frage oder ersetzte es gar durch eigene Spekulationen, sondern die offenbarte Wahrheit wurde zu seinem Orientierungspunkt, was seiner Theologie Lebendigkeit und Frische verleiht. Dem war ein innerer Reifungsprozess vorangegangen, in dem er sich – wie er in einem Interview mit Peter Seewald bekräftigt – zunächst mit dem Wahrheitsanspruch des Christentums schwer tat. Schließlich kam er zu der Erkenntnis, „dass wir in der Krise der Zeit […] die Suche nach der Wahrheit und den Mut zur Wahrheit wieder neu brauchen“. Ohne die Demut, auf Gottes Wort zu hören, kann es keine Erkenntnis der offenbarten Wahrheit geben. 1993 hat er diesen Aspekt wie folgt formuliert: „Aus dem Glauben den Anspruch auf Wahrheit, auf ausgesagte und verständliche Wahrheit wegnehmen, ist jene falsche Bescheidenheit, die das Gegenteil von Demut ist – Nichtannahme der condition humaine, sondern Verzicht auf die Würde des Menschseins, die seine Leiden erträglich und groß macht.“ Dabei geht es ihm nicht um eine abstrakte Buchwahrheit, sondern um eine personale Wahrheit, die wir nicht besitzen, sondern von der der Mensch „umgriffen“ wird.

Jesu Worte führen zur Wahrheit

Auf dieser Grundlage entsteht wahrer Dialog, der für Joseph Ratzinger Dia-Logos ist und Begegnung einschließt, die wiederum ihren Wert daher erhält, dass sie zur Erkenntnis der Wahrheit führt. Darin spiegeln sich die Worte Jesu wider, wie sie im Johannesevangelium Erwähnung finden: „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wirklich meine Jünger. Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch befreien“ (Joh 8,31f). Diese Wahrheit zu leugnen oder zu verwässern, auch wenn sie anstößig sein sollte, würde bedeuten, die Person Jesu Christi zurückzuweisen und damit der christlichen Botschaft ihre Kraft und Glaubwürdigkeit zu nehmen, denn eine nach menschlichen Kriterien zurechtgestutzte Wahrheit schläfert bestenfalls die Gewissen ein, überzeugt aber niemanden.

Der Kirche kommt es zu, wie es im zweiten Brief an Timotheus heißt, das Wort (den Logos) zu verkündigen, ob man es hören will oder nicht. „Denn es wird eine Zeit kommen, in der man die gesunde Lehre nicht erträgt, sondern sich nach eigenen Wünschen immer neue Lehrer sucht, die den Ohren schmeicheln; und man wird der Wahrheit nicht mehr Gehör schenken, sondern sich Fabeleien zuwenden“ (2 Tim 4,3f). Joseph Ratzinger/ Benedikt XVI. hat sich diese Ermahnung zu eigen gemacht und davon ausgehend bereits in den 1970er Jahren die Autorität des Lehramtes abgeleitet. Sie ist nicht der Willkür Einzelner ausgesetzt, sondern das Lehramt ist dadurch gekennzeichnet, dass es eine der Wahrheit dienende Autorität ist, eine gehorsame Autorität. Und er fügte hinzu, dass eine auf der Skepsis gründende Autorität selbstherrlich werde, während die demütige Annahme der Wahrheit die kirchliche Autorität davon befreie und die Brüder im Glauben stärke. Die kirchliche Verankerung des Glaubens ist für Joseph Ratzinger dabei grundlegend, denn der Christ glaubt nicht allein, sondern in der Gemeinschaft, die allerdings die sichtbare Gemeinschaft deutlich überschreitet..

All dies hat das Leben und Forschen Joseph Ratzingers/ Benedikt XVI. geprägt, der so zum Mitarbeiter der Wahrheit geworden ist, die von Gott ausgeht. Im Zeitalter eines extremen Individualismus und Relativismus wird die Sehnsucht vieler Menschen nach jener Wahrheit größer. Die Wahrheit Jesu Christi überschreitet den Charakter des Hypothetischen, sie vermittelt jene Botschaft, ohne die die Welt verarmen und zugrunde gehen würde. Seine Theologie zeigt einen Weg in die Zukunft, weil sie zuerst eine hörende Theologie ist. Sie will hinführen, wie es in der Enzyklika Deus Caritas est heißt, zum Grundentscheid des christlichen Lebens, zur Begegnung mit einer Person, „die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt“.

Der Autor ist Mitinitiator eines Master-Studienganges zum theologischen Werk Joseph Ratzingers in Rom.

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