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Kirchenkrise als Christuskrise

Ein Mensch, der nicht gezeugt wurde? Ein Leichnam, der aus dem Grab kam?
Das Jesus-Foto oder das Geheimnis von Manoppello
Foto: Zdfdokukanal_Friedrich_Klütsch (ZDFdokukanal) | Jesus von Nazareth: Als wahrer Mensch Gottes Sohn. Ikone von Manoppello.

In der kirchlichen Situation heute ist viel von Krisen die Rede. Zumeist wird eine tiefe Kirchenkrise diagnostiziert und mit dem Slogan „Jesus ja – Kirche nein“ artikuliert. Die Gründe für diese Krise sind gewiss sehr vielfältig. Ein wesentlicher Grund liegt jedoch in dem genannten Slogan selbst. Denn es gibt im christlichen Glauben keinen Zugang zu Jesus ohne jene Wirklichkeit, die er selbst geschaffen hat und in der er sich uns mitteilt, nämlich die Kirche.

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Kein Gegensatz

Trotz der vielen Sünden der Menschen, die die Kirche bilden, kann kein Gegensatz zwischen Christus und Kirche als seinem Leib bestehen. Zwischen dem Fleisch gewordenen Sohn Gottes und seinem Leib gibt es vielmehr eine untrennbare Kontinuität, aufgrund der Christus auch heute in der Kirche gegenwärtig ist. Der Slogan leugnet folglich die leibliche Dimension der Gegenwart Christi in seiner Kirche und reduziert sie auf das rein Geistige.

Von daher ist hinter der heute viel besprochenen Kirchenkrise eine noch viel tiefere Krise verborgen, die als „Gotteskrise“ namhaft gemacht worden ist und in der Kurzformel verdichtet werden kann: „Religion ja – ein geschichtlich handelnder Gott nein“. Die eigentliche Glaubenskrise heute liegt in einem weitgehenden Verblassen des biblisch-christlichen Verständnisses Gottes als eines in der Geschichte gegenwärtigen und handelnden Gottes. Denn zum christlichen Glauben gehört die Überzeugung, dass Gott lebendig ist, was bedeutet, dass er ein in der Geschichte handelnder Gott ist, und zwar sowohl als Schöpfer, der die ganze Welt geschaffen hat, als auch als Erlöser, der in der Menschwerdung seines Sohnes in der Geschichte das Heil der Menschen gewirkt hat.

Deismus als Ursache der Glaubensnot

Die Krise des biblischen Gottesglaubens ist nicht leicht zu diagnostizieren, zumal sie heute in einer sehr religionsfreundlichen Atmosphäre stattfindet. In ihr kommt aber auf jeden Fall zum Ausdruck, dass man sich einen Gott weithin nicht mehr vorstellen kann, der in seiner Schöpfung handelt und sich in der Geschichte um den einzelnen Menschen kümmert. Wenn es überhaupt Gott gibt, dann mag er zwar den Urknall angestoßen haben, mehr  bleibt ihm jedoch in der aufgeklärten Welt von heute nicht.

Damit kommt an den Tag, dass sich der seit der europäischen Aufklärung aufgekommene Deismus praktisch im allgemeinen Bewusstsein bis in die Kirche hinein durchgesetzt hat; und darin liegt zweifellos die tiefste Glaubensnot in der heutigen Zeit. Diese Glaubensnot findet ihre radikalste Zuspitzung in einer elementaren Krise des Christusglaubens, die man auf die Kurzformel bringen kann: „Jesus ja – Sohn Gottes nein“. Viele Menschen und selbst Christen lassen sich durchaus berühren von allen menschlichen und historischen Dimensionen an Jesus von Nazareth, sie haben aber große Mühe mit dem Bekenntnis, dass dieser Jesus der eingeborene Sohn Gottes ist, der als der Auferweckte unter uns gegenwärtig ist, und insofern mit dem kirchlichen Christusglauben.

 

Mosaik aus der Basilika San Prassede in Rom.
Foto: Ivan Vdovin / imago-images.de | Mosaik aus der Basilika San Prassede in Rom.

Nur mit dem Leib

Wenn der Glaube an Jesus Christus als Sohn Gottes ins Wanken gerät, bleibt den Menschen der Zugang vor allem zu den im Glaubensbekenntnis ausgesprochenen Überzeugungen von der Geburt Jesu aus der Jungfrau Maria und seiner leiblichen Auferstehung weithin verschlossen. Zumal im Blick auf die Jungfrauengeburt ist dann der Vorwurf schnell zur Hand, dieser Glaubenssatz sei ein typischer Ausdruck einer leib- und sexualfeindlichen Einstellung im Christentum. Sieht man freilich genauer hin, trifft genau das Gegenteil zu. Denn hinter der Ablehnung der Jungfrauengeburt steht letztlich die Annahme, Gott könne allein in den Geist der Menschen hinein handeln, mit allem Leiblichen und Materiellen wolle und könne Gott aber nichts zu tun haben. Während Gottes Wirken auf die Innerlichkeit der menschlichen Subjektivität reduziert wird, hat er in der Welt der Materie nichts zu suchen, da die objektive Welt anderen Gesetzen gehorche.

Diese Mentalität, die auch in der neuzeitlichen Theologie weit verbreitet ist und die das Handeln Gottes nur im Geistigen zulässt, ihm aber das Leibliche und Materielle nicht zugesteht, hat Papst Benedikt XVI. treffend als „subtilen neuen Gnostizismus“ beurteilt, der Gott und seiner Macht die Materie prinzipiell entzieht und heute ausgerechnet trotz und bei aller Lobpreisung des Leiblichen und Materiellen  propagiert wird. Ein Gott, der nur im Geistigen wirkt und an der Materie prinzipiell nicht handeln kann, wäre jedoch ein ohnmächtiger Gott. Er ist aber nicht Gott, wie ihn uns der christliche Glaube verkündet.

Geheimnis der Fleischwerdung Gottes

Es ist nicht einzusehen, wie mit solchen weltanschaulichen Vorentscheidungen überhaupt noch von Wundern und erst recht vom größten Wunder der Auferstehung Jesu Christi aus dem Tod gesprochen werden kann. In der Konsequenz rechnet man dann auch im Blick auf die Auferstehung des Herrn nur noch mit dem göttlichen Einwirken auf den Geist und verkündet nicht mehr, dass der auferstandene Christus als Person lebt, sondern redet nur noch davon, dass „die Sache Jesu weitergeht“. Mit solchen problematischen Behauptungen wird jedoch nicht mehr der biblische Glaube wiedergegeben, wie ihn bereits Petrus in seiner Pfingstpredigt verkündet, wenn er über die Auferstehung Christi spricht: „Er gibt ihn nicht der Unterwelt preis, und sein Leib schaut die Verwesung nicht“ (Apg 2, 31).

Die frühe Kirche ist überzeugt gewesen, dass der Leib Jesu nicht im Grab geblieben und nicht der Verwesung ausgeliefert ist, sondern dass sein Leib durch die Lebenskraft Gottes in die neue Leiblichkeit des Auferstandenen umgewandelt ist. Von ihr sagt Paulus, dass sie vom Heiligen Geist durchdrungen ist: „Was gesät wird, ist verweslich, was auferweckt wird, unverweslich“. Denn „gesät wird ein irdischer Leib, auferweckt ein überirdischer Leib“ (1 Kor 15, 42 und 44). Die Bewahrung des Leibes Jesu vor der Verwesung gehört elementar zum biblischen Auferstehungsbekenntnis, dass Jesus wirklich leiblich auferstanden ist, eben weil das Handeln Gottes bis in den Leib hinein reicht.

Auch die Glaubensüberzeugung von der Jungfrauengeburt, dass Maria Jesus in ihrem Leib empfangen und geboren hat und dabei Jungfrau gewesen und geblieben ist, ist um des authentischen Glaubens der Kirche an Jesus Christus als den Sohn Gottes willen elementar wichtig. Denn Mariologie steht im Dienst der Christologie, und Marienverehrung ist Christusverehrung. Die Glaubensgewissheit der Kirche, dass Jesus nicht aus der Verbindung eines Mannes und einer Frau, konkret von Josef und Maria hervorgegangen ist, sondern dass Gott in Maria den ganz neuen Menschen, biblisch gesprochen: den „zweiten Adam“ geschaffen hat, bringt den Glauben der Kirche zum Ausdruck, dass Jesus Sohn einer menschlichen Mutter und deshalb wahrhaft Mensch und zugleich der Sohn Gottes und damit der Beginn einer neuen Schöpfung ist.

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Die Kraft des Höchsten 

Dies ist jedoch nur möglich, wenn Jesus nicht als eine Person betrachtet wird, die zunächst von Josef gezeugt und von Maria geboren wäre, um dann anschließend die Person des Sohnes Gottes zu werden. Denn Jesus ist, gerade weil er wahrhaft Mensch geworden ist, von allem Anfang an die Person des Sohnes Gottes. Der heilige Augustinus hat dieselbe Glaubensüberzeugung einmal dahingehend zum Ausdruck gebracht, dass Christus zwar eine menschliche Mutter, aber keinen menschlichen Vater gewollt hat, um seine Sohnschaft Gottes sichtbar zu halten.

Gemäß biblischer Überzeugung ist Jesus die Frucht der „Kraft des Höchsten“, der Maria „überschattet“ hat (Lk 1, 36). Dieses Geheimnis darf nicht dahin missverstanden werden, als hätte Gott statt eines menschlichen Mannes Jesus gezeugt. Die Jungfrauengeburt redet nicht von Zeugung, sondern von Schöpfung: Gottes Handeln in und an Maria ist kein Akt von Zeugung, sondern ein Schöpfungsakt. Die Schöpfung Jesu durch Gott aus der leiblichen Disposition Marias oder, wie die Kirchenväter sagten, aus der „heiligen Erde ihres Leibes“ ist dabei gewiss ein ebenso radikaler Neubeginn wie die Schöpfung aus dem Nichts. Der Glaube an die Empfängnis Jesu in der Jungfrau Maria bringt somit zum Ausdruck, dass der Geist Gottes in der Geschichte Neues auch dadurch schafft, dass er in die Welt der Leibhaftigkeit hinein wirkt.

Empfängnis und Auferstehung

So zeigt sich, dass die Empfängnis Jesu in der Jungfrau Maria und seine leibliche Auferstehung unlösbar zusammengehören und die christliche Glaubensüberzeugung konkretisieren, dass der biblisch offenbare Gott in der Geschichte gegenwärtig ist und handelt und dabei auch in die Leiblichkeit und Materialität seiner Schöpfung hinein wirkt, zumal wenn er Neues schafft. Die beiden Glaubensgeheimnisse fordern uns heraus, nicht nur von Menschwerdung, sondern wirklich von Fleischwerdung Gottes zu sprechen und wieder neu zu entdecken, dass das Geheimnis der „Inkarnation“ Gottes, wie Karl-Heinz Menke in seinem gleichnamigen Buch eindrücklich gezeigt hat, das „Ende aller Wege Gottes“ ist. Denn mit der Überzeugung, dass Gott in seinem Sohn Jesus in das Fleisch eingetreten ist und sein Handeln bis in den Leib hinein wirkt, steht und fällt der christliche Glaube an den lebendigen Gott.


Kardinal Kurt Koch
Foto: Gerd Neuhold | Kardinal Kurt Koch ist Präsident des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen.

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