Kirchenrecht

Den Sinn des Sonntagsgebots richtig verstehen

Ein innerer Drang nach der Eucharistie muss das äußere Pflichtgefühl ablösen.
Das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern
Foto: (274056587) | Das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern.

Großer Gott, darum kommen wir vor dein Angesicht und feiern in der Gemeinschaft mit der ganzen Kirche den ersten Tag der Woche als den Tag, an dem Christus von den Toten erstanden ist.“

„Im Mittelpunkt des christlichen Glaubens und seiner Liturgie
steht das Paschamysterium,
das Geheimnis von Tod und Auferstehung Jesu Christi

Diese Worte spricht der Priester in der sonntäglichen Eucharistiefeier am Beginn des Eucharistischen Hochgebetes und bringt damit betend zum Ausdruck, was wir vollziehen, wenn wir zur Feier der Eucharistie versammelt sind. An erster Stelle ist wichtig, dass wir vor Gottes Angesicht treten an dem „Tag, an dem Christus von den Toten erstanden ist“. Denn im Mittelpunkt des christlichen Glaubens und seiner Liturgie steht das Paschamysterium, das Geheimnis von Tod und Auferstehung Jesu Christi. Diese Überzeugung bildet den Kerninhalt des christlichen Glaubens, mit dem er steht oder fällt. Bereits Paulus hat diesen Ernstfall den Korinthern, die den Glauben an ihre eigene Auferstehung offensichtlich nicht annehmen wollten, mit aller nur wünschbaren Deutlichkeit in Erinnerung gerufen: „Wenn Tote nicht auferweckt werden, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos, und ihr seid immer noch in euren Sünden“ (1 Korinther 15, 16-17). Dieselbe Glaubensüberzeugung hat die frühe Kirche in der Kurzformel verdichtet: „Nimm die Auferstehung hinweg, und auf der Stelle zerstörst du das Christentum.“

Der Sonntag kennzeichnet den Beginn der neuen Schöpfung

Der Tag, an dem die Auferstehung Jesu Christi gefeiert wird, ist der Sonntag, der bereits früh den Namen „Tag des Herrn“ erhalten hat. Ignatius von Antiochien hat die Christen schlicht als diejenigen bezeichnet, die „gemäß dem Herrentag leben“. Dabei ist von Bedeutung, dass der Sonntag als der „erste Tag der Woche“ bezeichnet wird. Im Licht des christlichen Glaubens ist der Sonntag gerade nicht der letzte Tag der Woche, gleichsam das freie Wochenende, das nach der Mühsal der Arbeitswoche als Belohnung gegeben ist. Die Woche beginnt vielmehr mit dem Sonntag und steht deshalb im Zeichen des Primats des Handelns Gottes in der Geschichte vor allem Leisten von uns Menschen; und dieser Primat ist sichtbar geworden in der Auferstehung Jesu Christi als dem Beginn der Neuen Schöpfung Gottes. Sie ist der tiefste Grund der gottesdienstlichen Feier am Sonntag, den das Zweite Vatikanische Konzil als „Ur-Feiertag“ bezeichnet.

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Der Herrentag hat seinen schönen und sinnvollen Namen vom Herrenmahl erhalten, das an diesem Tag gefeiert wird. Denn in der sonntäglichen Eucharistie erfahren die Christen den auferstandenen Christus als gegenwärtig, der mit ihnen das Brot bricht, wie er es mit den Jüngern in Emmaus getan hat. Diese Gegenwart des Auferstandenen, der sich in den Zeichen der Hingabe selbst schenkt, feiern die Christen am Sonntag in der Eucharistie, die sie als Feier des Dankes und des Lobes Gottes begehen.

Die Eucharistie ist so sehr Gegenwart des Auferstandenen, dass sie der Inbegriff des Herrentages und damit „Herrentag“ selbst ist. Denn das Herrenmahl macht den Sonntag zum Tag des Herrn. Bereits in der apostolischen Zeit ist der Auferstehungstag der Tag der christlichen Versammlung zum Gottesdienst, wie Justinus in der Mitte des zweiten Jahrhunderts bezeugt: „Am sogenannten Sonntag findet eine Zusammenkunft aller, die in Städten oder auf dem Land wohnen, an einem Ort statt.“ Deshalb ist es wichtig, dass der Sonntag „in der Gemeinschaft mit der ganzen Kirche“ gefeiert wird.

Kirche ist vor allem dort, wo Christen zur Feier der Eucharistie kommen

Wenn Paulus vom „Herrenmahl“ spricht, beginnt er stets mit dem Satz: „Wenn ihr als Gemeinde zusammenkommt“ (1 Korinther 11, 18). In ihrem wesentlichen Kern ist Kirche „ekklesia“, nämlich „Ruf“ zum Gottesdienst: Kirche ist vor allem dort, wo sich Christen zur Feier der Eucharistie versammeln. Die Kirche ist die Gemeinschaft derer, die sich vom auferstandenen Christus zusammenrufen lassen, um seinen eucharistischen Leib zu empfangen und von der Eucharistie her immer neu und immer mehr Leib Christi zu werden.

Damit zeigt sich, wie sehr Auferstehung – Sonntag – Eucharistie – Kirche unlösbar zusammengehören. Nur wenn wir diese Glaubenswirklichkeiten symphonisch zusammen sehen, wird verstehbar, dass die Kirche daran festhält, dass der Sonntag, an dem das österliche Geheimnis gefeiert wird, gemäß apostolischer Tradition in der ganzen Kirche als „gebotener ursprünglicher Feiertag“ gehalten werden soll, und deshalb als eines der Kirchengebote bestimmt: „Am Sonntag und an den anderen gebotenen Feiertagen sind die Gläubigen zur Teilnahme an der Messfeier verpflichtet; sie haben sich darüber hinaus jener Werke und Tätigkeiten zu enthalten, die den Gottesdienst, die dem Sonntag eigene Freude oder die Geist und Körper geschuldete Erholung hindern“ (CIC 1983, Can 1247).

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Dieses Kirchengebot wird heute selbst von vielen Katholiken als eine gesetzliche Last des kirchlichen Lebens empfunden und wird nicht als Ausdruck evangelischer Freude wahrgenommen. Es bleibt so lange ein rein äußerliches „Muss“, als der tiefere Sinn, gleichsam das innere „Muss“ nicht mehr verstanden wird. Von daher dürfte die Einschärfung des Sonntagsgebotes allein nicht weiterhelfen; es ist vielmehr notwendig, den Kirchengliedern zu helfen, den inneren Sinn dieses Gebotes wieder wahrzunehmen. Dann könnte in neuer Weise einleuchten, dass das Kirchengebot etwas im Glauben Selbstverständliches in Erinnerung ruft, auch wenn es sich heute weithin nicht mehr von selbst versteht.

Ohne die Eucharistie stirbt das christliche Leben

In dieser Situation können Zeugnisse von Christen helfen, die dieses innere „Muss“ erfahren haben. Ein sehr tiefes Zeugnis ist uns am Beginn des vierten Jahrhunderts überliefert.

Damals verbot Kaiser Diokletian im Rahmen der von ihm angeordneten Christenverfolgung unter Androhung der Todesstrafe den Christen, die Heilige Schrift zu besitzen und am Sonntag zur Feier der Eucharistie zusammenzukommen. Als jedoch in Abitene, in einem kleinen Dorf im heutigen Tunesien, 49 Christen im Haus des Octavius Felix versammelt waren, um die Eucharistie zu feiern, wurden sie festgenommen und nach Karthago vor den Prokonsul Anulius zum Verhör gebracht. Als er sie befragte, warum sie dem klaren und strengen Befehl des Kaisers zuwider gehandelt hätten, antworteten sie: „Sine dominico non possumus.“ Nach grausamer Folter wurden die 49 Märtyrer von Abitene getötet. Treffender und tiefer kann man wohl die grundlegende Bedeutung der eucharistischen Versammlung am Sonntag und der liturgischen Verehrung Gottes im Leben des Christen und der Glaubensgemeinschaft der Kirche nicht ausdrücken als mit der Antwort der Märtyrer von Abitene: „Sine dominico non possumus“ – „Ohne den Sonntag können wir nicht leben.“ Wenn wir am Sonntag nicht die Eucharistie feiern können, können wir nicht leben, sondern müsste das christliche Leben sterben.

Kirche entsteht immer wieder neu von der Eucharistie her

Wie weit von einem solchen Zeugnis sind wir in der heutigen pastoralen Situation entfernt, in der nur ein kleiner Bruchteil der Kirchenglieder das innere „Muss“ des Kirchengebotes versteht und lebt, in der der stets zunehmende Priestermangel die Bischöfe in die Pflicht ruft, Sorge dafür zu tragen, dass an jedem Sonntag Eucharistie gefeiert werden kann, und in der die Covid-Pandemie während des Lockdown die Teilnahme an der Feier der Eucharistie zu einem beträchtlichen Teil verhindert hat. Wenn wir diese Situation mit den Zeugnissen aus der frühen Zeit der Kirche konfrontieren, dann müssen wir die dramatische Verringerung der Teilnahme der Getauften an der sonntäglichen Feier der Eucharistie in den vergangenen Jahrzehnten als eine Entwicklung beurteilen, die die Kirche in ihrem innersten Kern trifft. Denn die Kirche feiert nicht nur die Eucharistie, sondern entsteht immer wieder neu von ihr her.
Den inneren Sinn des Sonntagsgebotes in frischer Weise erschließen zu helfen, ist in der heutigen pastoralen Situation deshalb eine vordringliche Aufgabe.

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