Zukunft des Planeten

Umweltschutz auf katholisch

Der Schutz unserer natürlichen Umwelt ist seit den 1970er-Jahren nicht nur ein Anliegen der Gesellschaft, sondern auch der Kirche. Verlautbarungen der letzten drei Päpste Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus zeigen dies deutlich.
Benedikt XVI. und der Umweltschutz
Foto: Harald Oppitz | Benedikt galt als "grüner Papst": So nannten ihn zumindest US-Diplomaten hinter vorgehaltener Hand, wie die Plattform "Wikileaks" enthüllte.

Wir schreiben den 8. Mai 1993. Papst Johannes Paul II. spricht im sizilianischen Forschungszentrum "Ettore Maiorana" vor Wissenschaftlern. Er beschwört in seiner Rede die Gefahr eines "olocausto ambientale" ("Umwelt-Holocaust"), welche die zu Zeiten des "Kalten Krieges" herrschende Bedrohung eines "olocausto nucleare" ("nuklearer Holocaust") abgelöst habe.

Diese hochbrisante Diktion - an einem 8. Mai verwendet - macht deutlich, wie ernst das Umweltthema für Johannes Paul II. gewesen ist, für den Papst, der mit vielem anderen in Verbindung gebracht wird, nicht jedoch mit Umweltschutz. Dabei sollte die Schärfe der Rhetorik nicht verwundern. Umweltschutz ist seit den 1970er-Jahren ein Kernanliegen kirchlicher Verkündigung, basierend auf dem Motiv der Bewahrung der Schöpfung als Auftrag Gottes an den Menschen: "Gott, der Herr, nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden, damit er ihn bebaue und hüte" (Gen 2,15).

Papst Paul VI. und die Weltbischofssynode in Rom 1971

Bereits Papst Paul VI. hat in Octogesima adveniens (1971) und Populorum progressio (1976) Motive des Umweltschutzes (etwa die intergenerationale Gerechtigkeit) adressiert, während die Weltbischofssynode in Rom 1971 die Erklärung De iustitia in mundo ("Über die Gerechtigkeit in der Welt") verabschiedete, die den engen Zusammenhang von Gerechtigkeit, Naturerhalt und Lebensstil betont. 

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Darin heißt es etwa: "Wir müssen noch auf ein neues weltweites Problem hinweisen, auf die Frage des Umweltschutzes, worüber zum ersten Mal auf einer internationalen Konferenz im Juni 1972 in Stockholm verhandelt werden soll". Noch vor der Staatengemeinschaft spricht die Katholische Kirche also das für die Industrieländer so unbequeme Thema an. Und das in beachtlicher Klarheit: "Es ist unverständlich, wie die reichen Nationen sich anmaßen können, die materiellen Güter so zu mehren, dass entweder die übrigen Völker weiter in Elend und Armut leben oder die Gefahr entsteht, daß die physischen Grundlagen des Lebens in der Welt zerstört werden. Die Reichen müssen einen materiell weniger anspruchsvollen Lebensstil annehmen und sollen weniger verschwenden, damit das gottgeschenkte Erbe nicht zerstört wird, das sie mit allen anderen Menschen gerecht teilen müssen." Die Verbindung von Ökologie und Ökonomie, von Umweltschutz und Gerechtigkeit bildet fortan in der Katholischen Soziallehre einen roten Faden, bis zu Franziskus' Laudato Si  (2015), der diesen Konnex umfassender als je zuvor entfaltet. Doch zwischen Paul VI. und Franziskus stehen mit Johannes Paul II. und Benedikt XVI. zwei Umweltaktivisten ganz besonderer Art. 

Papst Johannes Paul II.

Schon in seiner ersten Enzyklika Redemptor hominis (1979) kritisiert Papst Johannes Paul II. das verantwortungslos gelebte Mensch-Natur-Verhältnis: "Der Mensch scheint oft keine andere Bedeutung seiner natürlichen Umwelt wahrzunehmen, als allein jene, die den Zwecken eines unmittelbaren Gebrauchs und Verbrauchs dient. Dagegen war es der Wille des Schöpfers, daß der Mensch der Natur als  Herr  und besonnener und weiser  Hüter  und nicht als  Ausbeuter  und skrupelloser  Zerstörer  gegenübertritt." In Laborem exercens (1981) geht es auch um die im Zuge der Arbeitstätigkeit des Menschen erfolgte Naturbeherrschung: "Diese Universalität und zugleich diese Vielfalt im Prozeß des  Untertanmachens der Erde  werfen Licht auf die menschliche Arbeit; denn die Herrschaft des Menschen über die Erde vollzieht sich durch die Arbeit und in der Arbeit." Arbeit hängt also eng mit Natur zusammen.

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Die Technik, von der die Arbeit immer mehr geprägt wird, steht für Johannes Paul II. ebenfalls im Dienst des Schöpfungsauftrags: "Wenn die Bibelworte  macht euch die Erde untertan , die seit dem Anfang an die Menschen gerichtet sind, von der gesamten modernen industriellen und nachindustriellen Zeit her verstanden werden, schließen sie zweifellos auch eine Beziehung zur Technik ein, zu jener Welt der Mechanismen und Maschinen, die eine Frucht der Verstandesarbeit des Menschen und eine geschichtliche Bestätigung seiner Herrschaft über die Natur sind."

"Besorgniserregend" nennt Papst Johannes Paul II. die "Frage der Ökologie" in seiner Enzyklika Centesimus annus (1991): "Der Mensch, der mehr von dem Verlangen nach Besitz und Genuß als dem nach Sein und Entfaltung ergriffen ist, konsumiert auf maßlose und undisziplinierte Weise die Ressourcen der Erde und selbst ihre Existenz. Der unbesonnenen Zerstörung der natürlichen Umwelt liegt ein heute leider weitverbreiteter anthropologischer Irrtum zugrunde. Der Mensch, der seine Fähigkeit entdeckt, mit seiner Arbeit die Welt umzugestalten und in einem gewissen Sinne neu zu  schaffen , vergißt, daß sich das immer nur auf der Grundlage der ersten Ur-Schenkung der Dinge von seiten Gottes ereignet. Der Mensch meint, willkürlich über die Erde verfügen zu können, indem er sie ohne Vorbehalte seinem Willen unterwirft, als hätte sie nicht eine eigene Gestalt und eine ihr vorher von Gott verliehene Bestimmung, die der Mensch entfalten kann, aber nicht verraten darf. Statt seine Aufgabe als Mitarbeiter Gottes am Schöpfungswerk zu verwirklichen, setzt sich der Mensch an die Stelle Gottes und ruft dadurch schließlich die Auflehnung der Natur hervor, die von ihm mehr tyrannisiert als verwaltet wird."

In seiner Enzyklika Evangelium vitae (1995) greift Johannes Paul II. die Idee der "Humanökologie" auf und findet darin den Schlüssel zu einer katholischen Umweltethik: das Leben ist zu schützen und der Mensch steht dabei im Mittelpunkt: "Der Mensch, der berufen wurde, den Garten der Welt zu bebauen und zu hüten (vgl. Gen 2,15), hat eine besondere Verantwortung für die Lebensumwelt, das heißt für die Schöpfung, die Gott in den Dienst seiner personalen Würde, seines Lebens gestellt hat: Verantwortung nicht nur in Bezug auf die gegenwärtige Menschheit, sondern auch auf die künftigen Generationen. Die ökologische Frage - von der Bewahrung des natürlichen Lebensraumes der verschiedenen Tierarten und der vielfältigen Lebensformen bis zur  Humanökologie  im eigentlichen Sinne des Wortes - findet in dem Bibeltext eine einleuchtende und wirksame ethische Anleitung für eine Lösung, die das große Gut des 
Lebens, jeden Lebens, achtet." Das "Evangelium des Lebens" umfasst das Leben als solches, ohne dabei die besondere Stellung des Menschen aufzugeben.

Papst Benedikt XVI.

Papst Benedikt XVI. knüpft daran an   und intensiviert die Bemühung um eine katholische Antwort auf die ökologische Frage. Benedikt galt sogar als "grüner Papst"   so nannten ihn US-Diplomaten hinter vorgehaltener Hand, wie die Plattform "Wikileaks" enthüllte. In der Botschaft zum Weltfriedenstag 2008 formuliert er ein Motiv, das sein Nachfolger im Amt, Papst Franziskus, in Laudato Si  aufgreifen wird: die Erde als "unser Haus", Ökologie als Ableitung von 
oikos. Die "Menschheitsfamilie" wohne "in jenem gemeinsamen Haus, das die Erde ist", denn: "Die Familie braucht ein Heim, eine ihr angemessene Umgebung, in der sie ihre Beziehungen knüpfen kann. 

Für die Menschheitsfamilie ist dieses Heim die Erde, die Umwelt, die Gott, der Schöpfer, uns gegeben hat, damit wir sie mit Kreativität und Verantwortung bewohnen." Daraus folgt: "Wir müssen für die Umwelt Sorge tragen: Sie ist dem Menschen anvertraut, damit er sie in verantwortlicher Freiheit bewahrt und kultiviert, wobei sein Orientierungsmaßstab immer das Wohl aller sein muß." Und Benedikt lässt Worten Taten folgen: Er lässt eine Solarstromanlage von der Größe eines Fußballfeldes im Vatikan errichten. Jedes Jahr werden damit rund 225 Tonnen Kohlenstoffdioxid eingespart. Der Vatikan erhielt dafür den "Europäischen Solarpreis 2008".

Papst Franziskus

Papst Franziskus trat also auch in Fragen der Ökologie in die großen Fußstapfen seiner beiden Vorgänger, als er 2013 das Petrusamt übernahm. Dennoch setzte er neue Akzente und Maßstäbe. Mit Laudato Si - erschienen 2015, im Jahr der Pariser Klimakonferenz - schreibt Papst Franziskus die Katholische Soziallehre ökologisch fort. Damit brachte der Papst weniger die Ökologie in die Kirche (da war sie - wie angedeutet - längst angekommen), sondern vielmehr die christliche Spiritualität in den ökologischen Diskurs der säkularen Gegenwartsgesellschaft. So kann dieser ein Dialog im Geist der Liebe werden, die sich auf Gott, den Menschen und die Natur richtet. Mit anderen Worten: Umweltschutz auf katholisch.

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