Zukunft des Planeten

Das Ausmaß der Zerstörung

In der Bibel trägt Gott selbst dem Menschen die Bewahrung seiner Schöpfung auf: "Gott, der Herr, nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden, damit er ihn bebaue und hüte" (Gen 2,15). Besonders clever hat sich der Mensch dabei offenbar jedoch nicht angestellt. Eine Inspektion.
Mensch und Klimawandel
Foto: Adobe stock | Der Mensch ist das einzige Wesen auf Erden, das etwas gegen die Folgen des Klimawandels zu unternehmen vermag.

Der Schauspieler William Shatner, vielen besser bekannt als "Captain James Tiberius Kirk", Kommandant des legendären Raumschiffs "U.S.S. Enterprise NCC-1701", war kürzlich tatsächlich im Weltraum. An Bord der "New Shepard" unternahm der Kanadier auf Einladung von Jeff Bezos Weltraumunternehmen "Blue Origin" einen Kurzausflug ins All. 107 Kilometer über der Erde konnte Shatner nicht nur einen Blick in die "unendlichen Welten" des Weltraums werfen, sondern auch einen auf die Erde. Als der 90-Jährige nach nur gut zehn Minuten wieder die texanische Wüste unter den Füßen hatte, war er sichtlich tief bewegt: Es sei ganz anders gewesen, als es immer beschrieben werde, und anders "als alles, was ich je gesehen oder erlebt habe. Man sieht dort draußen nur Schwarz - und auf der Erde sieht man Blau und Licht. Was ich wirklich jedem sagen will, ist, wie gefährdet und zerbrechlich alles ist - es gibt nur diese dünne Schicht von Atmosphäre, die uns am Leben hält."

Aus der Vogelperspektive, mit genügend Abstand also, sieht manches offenbar anders aus, klärt der von Interessen unverstellte Blick auf einmal, was andernfalls leicht unterzugehen droht. Etwa, dass wir dabei sind, dem "gemeinsamen Haus" (Papst Franziskus) irreparable Schäden zuzufügen. Noch dazu in einem Ausmaß, das nicht nur beunruhigen muss, sondern auch omnipräsent ist: zu Land, zu Wasser und zu Luft. Ein paar Daten und Fakten.

Land

Rund ein Drittel der weltweiten Landoberfläche besteht heute aus Wüsten. Jedes Jahr kommen rund 70.000 neue Quadratkilometer dazu. Das entspricht einer Fläche von der Größe Bayerns. Wird die Wüstenbildung durch menschliches Verhalten initiiert, spricht man von "Desertifikation" (Lat.: desertum facere = Wüste machen). Hauptursachen für die Desertifikation sind die Vernichtung von Wäldern, die Überweidung von Wiesen und die industrielle Intensivlandwirtschaft. Laut einer Studie von Wissenschaftlern um Nathalie Thomas und Sumant Nigam von der University of Maryland geht rund ein Drittel der jährlichen Wüstenneubildung inzwischen auf das Konto des Menschen.

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Zu große Viehherden fressen zu kleine Weiden zu leer. Dadurch verlieren die Böden ihre schützende Vegetationsschicht und erodieren leichter. Verkürzte Brachzeiten und der Unterhalt von Monokulturen, bei denen eine einzige Pflanzen- oder Getreidesorte (z.B. Soja, Mais oder Weizen) über viele Jahre auf demselben Feld angepflanzt werden, laugen die Böden übermäßig aus und führen zu einer nachhaltigen Erschöpfung der Nährstoffe. Laut dem von der Europäischen Kommission herausgegebenen "Weltatlas der Wüstenausbreitung" sind in Spanien inzwischen 75 Prozent des Landes von der Verwüstung bedroht. Weltweit hätten drei Viertel aller Böden in den vergangenen zwei Jahrzehnten in bedenklichem Ausmaß an Qualität eingebüßt. Am stärksten betroffen von diesem Problem sind Afrika und Asien.

Waldbestände gehen zurück

Während die Desertifikation voranschreitet, gehen die Waldbestände zurück. Laut dem Statistischen Bundesamt in Wiesbaden existieren weltweit noch etwa vier Milliarden Hektar Wald. Das entspricht etwa 31 Prozent der Landoberfläche. Mehr als die Hälfte der globalen Waldfläche befindet sich auf dem Territorium von nur fünf Staaten: Russland, Brasilien, Kanada, den USA und der Volksrepublik China. Während in Europa, Nordamerika und China der Waldbestand zunimmt, schreitet die Entwaldung in den Tropen massiv voran. Unter dem Strich beträgt der Rückgang der weltweiten Waldfläche 5,6 Millionen Hektar pro Jahr. Das entspricht in etwa der Größe Kroatiens.

Das Problem dabei: Wälder sind für das Leben auf der Erde unverzichtbar. Von den rund 1,3 Millionen beschriebenen Tier- und Pflanzenarten leben rund zwei Drittel in Wäldern. Wälder leisten jedoch weit mehr. Sie regulieren den Wasserhaushalt, dienen als Trinkwasserspeicher, schützen vor Erosion, Lawinen und Überschwemmungen. Als größter Speicher von Kohlenstoff wirken sie zudem dem Treibhauseffekt entgegen.

Besondere Bedeutung kommt dabei den Tropischen Regenwäldern zu. Laut dem "World Wide Fund for Nature" (WWF) bedecken Regenwälder zwar nur noch sieben Prozent der Erdoberfläche, beherbergen dennoch jedoch rund die Hälfte aller Tier- und Pflanzenarten. Des Weiteren vermögen sie rund 50 Prozent mehr Kohlenstoff pro Flächeneinheit zu speichern als Wälder außerhalb der Tropen.

Im Frühling dieses Jahres schockierten Wissenschaftler um den Franzosen Jean-Pierre Wigneron mit der Behauptung, der als "grüne Lunge" des Planeten bezeichnete Amazonas-Regenwald gebe mittlerweile mehr CO2 (Kohlendioxid) ab, als er aufnehme. Grund dafür seien massive Brandrodungen, die zuletzt einen Umfang von rund 3,9 Millionen Hektar pro Jahr erreicht hätten. Einer Fläche, die der Größe der Niederlande entspricht. Wie die Forscher in der Fachzeitschrift "Nature Climate Change" schreiben, habe das Amazonas-Becken zwischen 2010 und 2019 zwar rund 13,9 Milliarden Tonnen CO2 aufgenommen, im selben Zeitraum jedoch 16,6 Milliarden Tonnen abgegeben.

Wasser

70,8 Prozent der Erdoberfläche ist von Salzwasser bedeckt. Wissenschaftler unterscheiden zwischen dem Weltozean, zu dem der Atlantische, der Pazifische und der Indische Ozean sowie das Südpolarmeer zählen, und den Neben- und Randmeeren. Bei einer Gesamtfläche von 362 Millionen Quadratkilometern und einer durchschnittlichen Tiefe von 3.729 Metern ergibt das ein Gesamtvolumen von etwa 1,35 Milliarden Kubikmeter, rechnet Albert Gerdes von "MARUM", dem Zentrum für Marine Umweltwissenschaften in Bremen vor.

600.000 Kubikmeter Plastikmüll auf dem Grund der Nordsee

Jedes Jahr landen dort laut Schätzungen des WWF zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen Plastikmüll. Allein auf dem Grund der Nordsee befinden sich dem "Naturschutzbund Deutschland" (NABU) zufolge rund 600.000 Kubikmeter Plastikmüll. Im Nordpazifik, zwischen Nordamerika und Asien, treibt ein Teppich aus Mikroplastik. Biologisch nicht abbaubare Plastikteile, die weniger als fünf Millimeter groß sind und oft mit bloßem Auge nicht zu sehen sind. Der sogenannte "Great Pacific Garbage Patch", wie der Müllteppich auch genannt wird, hat eine Fläche von rund 20 Millionen Quadratkilometern. Eine Untersuchung im Auftrag der US-amerikanischen Umweltbehörde NOAA (National Ocean and Atmospheric Administration) ergab, dass 67 Schiffe ein Jahr benötigten, um weniger als ein Prozent des Müllteppichs zu beseitigen. Und der "Great Pacific Garbage Patch" ist nicht einmal der einzige seiner Art, sondern nur der größte.

Rund 80 Prozent des Plastikmülls im Meer stammt ursprünglich vom Land. Meist aus Regionen, die wie etwa Indonesien, Vietnam oder die Philippinen über keine oder nur eine nicht durchgängig funktionierende Infrastruktur für die Abfallentsorgung verfügen. Nicht selten gelangt der Müll dabei über die Flüsse ins Meer. Für die restlichen 20 Prozent sorgt die Schifffahrt. Obwohl längst verboten, entsorgen nach wie vor viele Schiffe ihren Plastikmüll weiterhin im Meer.

Dabei ist die zunehmende "Vermüllung" der Meere nur ein Problem. Ein anderes betrifft die sogenannte "Euthrophierung". Die Anreicherung von Seen und Gewässern mit Nährstoffen durch die massive Überdüngung landwirtschaftlich genutzter Flächen ist auch für die Meere vielerorts zu einer ernsten Angelegenheit geworden. Die enormen Nährstoffmengen, die über die Flüsse in die Meere gelangen, führen dort zu einem explosionsartigen Algenaufwuchs und   in der Folge   zu sauerstofffreien Todeszonen. 2018 identifizierten Wissenschaftler im Atlantik mit Hilfe eines Satelliten der NASA einen fast 9.000 Kilometer langen Gürtel, der aus mehr als 20 Millionen Tonnen des Seetangs "Sargassum" bestand und sich von Westafrika bis zum Golf von Mexiko erstreckte. Laut dem Bundesumweltamt werden mittlerweile 80 Prozent aller marinen Ökosysteme durch Euthrophierung in Mitleidenschaft gezogen. Der traurige Rekordhalter befindet sich ausgerechnet vor unserer Haustür: Mit einer Fläche von 84.000 Quadratkilometern verfügt die Ostsee derzeit über die größte tote Zone weltweit.

Luft

Die Belastung von Böden und Meeren hat auch Auswirkungen auf die Qualität der Atmosphäre und damit für den Schutz sämtlicher Lebewesen vor der kosmischen Strahlung. 2020 betrugen die weltweiten CO2-Emissionen rund 36 Milliarden Tonnen. In der Vergangenheit haben Böden und Wälder rund 30 Prozent dieser Emissionen absorbiert. Weitere 20 Prozent banden die Ozeane. Mit der Zerstörung der Ökosysteme nimmt diese Fähigkeit ab.

Laut dem Statistischen Bundesamt verursachen die G20-Staaten etwa 80 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen. Als die größten CO2-Emittenten gelten China, die USA und die Europäische Union. Berücksichtigt man hingegen die Einwohnerzahl, ergibt sich ein anderes Bild. Dann führt Saudi-Arabien mit 17 Tonnen pro Einwohner die Liste der CO2-Emittenten an, gefolgt von Australien (15,2 t), Kanada (14,4 t) und den USA (13,7 t).

Nur der Mensch kann einschreiten

Ein weiteres Problem stellt die Belastung der Luft mit Schadstoffen wie Sulfat, Nitrat und Ruß dar. Während sich in Deutschland die Qualität der Luft laut dem Bundesumweltamt seit den 1990er-Jahren stetig verbessert hat, nimmt die Verschmutzung der Luft in vielen anderen Teilen der Welt weiter zu. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO atmen neun von zehn Menschen Luft mit einem gefährlich hohen Schadstoffgehalt ein. Schätzungen zufolge verursacht die hohe Schadstoffbelastung jährlich rund sieben Millionen vorzeitige Todesfälle.

Hauptursache für die Schadstoffbelastung der Luft sind laut der WHO die ineffiziente Nutzung von Energie durch Haushalte, Industrie, Landwirtschaft und Verkehr sowie Kohlekraftwerke. In einigen Regionen kämen Sand und Wüstenstaub, Müllverbrennung und Abholzung als zusätzliche Quellen der Luftverschmutzung hinzu. Allerdings würden auch natürliche Faktoren wie geografische, meteorologische und saisonale Faktoren die Luftqualität nachteilig beeinflussen.

Auch wenn sich trefflich darüber streiten lässt, wie groß der Anteil des Menschen an dem gegenwärtigen Klimawandel ist, eines lässt sich nicht bestreiten: Der Mensch ist das einzige Wesen auf Erden, das etwas gegen die Folgen des Klimawandels zu unternehmen vermag. Sägt er weiter an dem Ast, auf dem er und alle anderen Spezies sitzen, wird Leben auf der Erde vielerorts unmöglich werden. 

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