Nabil betreibt eine kleine Werkstatt im verwahrlosten Industrieviertel von Aleppo. In einem rußgeschwärzten Kellerabteil fertigt der Schmied Vogelkäfige. Der syrisch-orthodoxe Christ wird von seiner Kirche unterstützt, damit er irgendwie überleben kann. Seine Tochter ist in Belgien verheiratet; der Sohn arbeitet ebenfalls als Schmied – in Dubai. Nabil versteht, dass seine Kinder das Land für immer verlassen haben. Und er ist kein Einzelfall. In den verschlungenen Gassen der Altstadt von Damaskus präsentiert uns ein vornehm gekleideter älterer Textilhändler seine erlesenen Stoffe. Nach wenigen Minuten gibt er sich als melkitischer Christ zu erkennen, führt uns in einen Nebenraum, wo er wertvolle Ikonen und Bilder aus Privatbesitz zum Verkauf anbietet. Bereits sein Großvater habe das Geschäft aufgebaut, Patriarchen und Regierungschefs hätten einst hier eingekauft, erzählt er stolz. Eine Familientradition? Ja, aber seine drei Söhne sind ins Ausland gegangen. Ob er auf die Heimkehr zumindest eines Sohnes hoffe? Auf die Heimkehr aller, sagt er mit tapferem Lächeln. Die Hoffnung ist gering, aber sie hält ihn aufrecht.
Spricht man mit christlichen Schülern und Studenten in Syrien, dann wird rasch klar, dass sie nur einen Traum haben: auswandern. Auf die Frage, wie viele seiner Altersgenossen die erste Chance zur Emigration ergreifen würden, lacht ein Student in Homs kurz auf und sagt laut: Jeder! In Syrien gebe es für junge Christen keinerlei Perspektive. Von den 1,5 Millionen Christen Syriens, die vor 2011 im Land waren, leben nur mehr rund 350.000 in ihrer Heimat, die bereits in apostolischer Zeit blühende christliche Gemeinden hatte. 250.000 Christen lebten vor Beginn des 14-jährigen Krieges, der nie ein Bürgerkrieg war, in Aleppo; jetzt sind es noch 20.000.
„Die Quantität der Christen ist weniger wichtig als ihre Qualität"
„Wir waren überzeugt, dass unsere Anwesenheit hier wichtig ist, deshalb sind wir während des Kriegs geblieben“, sagt Bruder Georges Sabé von den „Blauen Maristen“ in Aleppo. Mit ihren Hilfs- und Bildungsprojekten unterstützen sie Christen aller Konfessionen, aber auch muslimische Kinder. „Die Quantität der Christen ist weniger wichtig als ihre Qualität. Und die misst sich am Umgang mit den anderen“, meint Bruder Georges. „Die Meinung in unserer Familie ist gespalten: Einige wollen bleiben, andere auswandern“, berichtet eine Mitarbeiterin. „Es ist eine traurige Wahl – zwischen dem Ort unserer Kindheit und dem Platz, von dem wir denken, dass er der beste für unsere eigenen Kinder wäre“, sagt eine andere.

Die christliche Gemeinschaft ist überaltert. In Aleppo sind zwei Drittel nicht mehr arbeitsfähig. Sie leben von der Hilfe der Kirchen und den Überweisungen ihrer Kinder aus dem Ausland. Der Krieg gegen das Assad-Regime, der 2011 begann und am 8. Dezember 2024 mit der Machtübernahme der islamistischen HTS-Milizen von Ahmed al-Sharaa endete, hat im Land tiefe Narben hinterlassen. Zu den Millionen, die ins Ausland flohen, kommen Millionen Binnenflüchtlinge, die vor unterschiedlichen Terroristen, islamistischen Milizen, ausländischen Söldnern oder auch Regierungstruppen Zuflucht in anderen Landesteilen suchten. Viele von ihnen wagen sich jetzt zögerlich in ihre Heimatorte zurück.
Aus dem Ausland will kaum einer heimkehren. „Die wollen eher, dass wir zu ihnen kommen“, meint ein älterer Herr heiser. Nur aus der Türkei, die zeitweise bis zu 3,7 Millionen Flüchtlinge aufnahm, kehren jetzt viele zurück – „ob freiwillig, das weiß man nicht“, sagt ein syrisch-orthodoxer Christ. Und auch die ausländischen Söldner aus Tschetschenien, Afghanistan, Pakistan und anderen Ländern – Zehntausende, die in Syrien jahrelang ihr blutiges Unwesen trieben, ohne das Land und seine Kultur überhaupt zu kennen – ziehen jetzt weiter. Gut informierte Syrer wollen wissen, dass die vielfach sprachunkundigen Söldner jetzt im saudischen Kampf gegen die jemenitischen Houthis eingesetzt werden sollen.
„Wir sind im Überlebensmodus“
Von dem im Westen propagierten Wiederaufbau Syriens ist wenig zu sehen. Ganze Stadtteile liegen weiter in Schutt und Asche. Fährt man von Damaskus Richtung Norden, sind kilometerlange Ruinenlandschaften zu sehen. In Aleppo und Homs haben sich die Wunden des Kriegs ins Gesicht der Altstadt eingebrannt. Jugendliche verkaufen Habseligkeiten in Häuserruinen. Gebäude ohne Fenster, mit desolaten Dächern und zahllosen Einschusslöchern werden teilweise bewohnt. „Wenn es regnet, leben die Menschen tagelang im kniehohen Schlamm“, erzählt der österreichische Jesuit Gerald Baumgartner, der seit 2021 in Homs und Aleppo wirkt.
Immer wieder fällt der Strom aus, doch Energie ist für viele Syrer ohnedies fast unbezahlbar geworden, seit die Regierung die Stromversorgung „privatisierte“, also an türkische Unternehmen verscherbelte. Neun von zehn Syrern leben an der Armutsgrenze. Viele können sich ihre Wohnungsmieten nicht mehr leisten. Selbst das tägliche Brot ist für viele zur finanziellen Belastung geworden. Kaum jemand hat eine Krankenversicherung, viele Autos und Motorräder sind ohne Nummernschild unterwegs – und ohne Versicherung.
Die wirtschaftliche Lage ist horribel, die Inflation ist hoch, das monatliche Durchschnittseinkommen liegt bei umgerechnet 150 US-Dollar, aber selbst mit 500 Dollar kann ein Ehepaar kaum durchkommen. Die Arbeitslosigkeit schnellt in die Höhe, die Schattenwirtschaft ist für viele der einzige Ausweg. Beim Abendessen erzählt ein Mitarbeiter der syrisch-orthodoxen Kirche, dass die Bauern der Regierung im Juli den Weizen ablieferten, aber bis heute dafür nicht bezahlt wurden. Am Nachbartisch tafeln hörbar lebensfrohe Mitarbeiter des „World Food Programme“. Mit ihrer Suppenküche in Aleppo geben die Franziskaner 1.500 Menschen täglich eine warme Mahlzeit und 30 Mitarbeitern einen fairen Lohn. „Wir sind derzeit im Überlebensmodus“, sagt der syrisch-orthodoxe Bischof Joseph Bali im Gespräch in Damaskus. „Die Menschen wachen jeden Tag mit denselben Sorgen auf: Essen, Mieten, Renten.“
Der maronitische Erzbischof von Aleppo, Joseph Tobji, kann das erklären, denn er ist zugleich Präsident der syrischen Caritas: „Es gibt viele Faktoren, die es gerade der Jugend erschweren, im Land zu bleiben. Dazu zählt vor allem die wirtschaftliche Lage. Die Lebenshaltungskosten sind zuletzt drastisch gestiegen, während die Einkommen nicht Schritt gehalten haben. Die Menschen leiden unter einem enormen wirtschaftlichen Druck – auch, weil der lokale Markt mit ausländischen Waren aus der Türkei überschwemmt wird. Da diese Produkte oft qualitativ hochwertiger und zugleich günstiger sind, haben sie der heimischen Industrie die Existenzgrundlage entzogen.“ So mussten in Aleppo heimische Textilfabriken schließen. Noch aus einem ganz anderen Grund träumen junge Syrer von der Emigration, wie der Erzbischof weiß: „In einigen Teilen des Landes sind Racheakte, Kriminalität und Diebstähle an der Tagesordnung. Es herrscht Misstrauen gegenüber der Zukunft, sollte die Korruption so weitergehen wie bisher – ebenso wie die offensichtliche Unfähigkeit zu regieren.“ Die neue Regierung stütze sich auf ihre früheren Erfahrungen bei der Verwaltung der einstigen Terrorhochburg Idlib, die flächenmäßig kaum zwei Stadtvierteln von Aleppo entspricht.
„Wir wollen als Bürger respektiert werden“
Doch es sind nicht nur der Wirtschaftskollaps, die Armut, die sich ausbreitende Anarchie und ausufernde Kriminalität, die die Menschen in die Resignation und damit in die Emigration treiben. Syrien, das vor 2011 stolz darauf war, die Heimat von drei „himmlischen Religionen“ (Islam, Christentum und Judentum) zu sein, ist einer brutalen Islamisierung ausgesetzt. Erzbischof Tobji formuliert das im Gespräch mit der „Tagespost“ in eher diplomatischem Ton: „Syrien unterstand zivilen Gesetzen, nicht der Scharia. Heute jedoch machen sich im gesellschaftlichen Leben wie in der öffentlichen Verwaltung islamisch-fundamentalistische Strömungen bemerkbar.“ Deshalb würden Drusen, Alawiten, Christen und andere Minderheiten, aber auch viele Sunniten die Entwicklung des Staates mit Sorge betrachten. „Ein Großteil der Bevölkerung wünscht sich einen zivilen Staat, der auf gerechten Gesetzen und dem Prinzip der Staatsbürgerschaft basiert und der klare Rechte und Pflichten festlegt.“ Stattdessen tragen immer mehr Frauen den Ganzkörperschleier, in Parlamentssitzungen werden Koranverse verlesen, in Kasernen finden islamische Religionskurse statt.
Anders als in der noch immer recht bunten Hauptstadt Damaskus oder in der Küstenstadt Latakia sind Frauen ohne Verschleierung in Aleppo sichtlich in der Minderheit. Wer sich nicht anpasst, riskiert, auf der Straße angepöbelt zu werden. Der Jesuit Gerald Baumgartner erzählt von Motorradgangs, die Christen auf dem Weg zur Kirche belästigen, und davon, dass qualifizierte Menschen willkürlich ihren Job verlieren und durch Leute aus dem Umfeld des Präsidenten ohne irgendeine Qualifikation ersetzt werden. Ja, es gebe viele Racheakte gegen Alawiten, also Angehörige jener schiitischen Splittergruppe, der der Assad-Clan angehörte. Aber nicht jede Dorf-Fehde habe einen religiösen Hintergrund.
Der syrisch-orthodoxe Priester Michael al-Khalil berichtet, wie die Regierung zunächst versucht habe, die Scharia allgemein durchzusetzen. Dann aber habe das Ausland Druck gemacht. Mittlerweile gebe es bewaffnete Checkpoints vor Kirchen, um die Christen zu schützen. „Wir Christen haben immer Angst, denn dass es uns jetzt gut geht, ist nur dem Druck aus Europa und den USA zu verdanken“, sagt der Pater. Die Radikalen, die jetzt an der Macht sind, würden die Lebensform der Christen, Alawiten und Drusen ablehnen. „Wir wollen keine Privilegien, sondern als Bürger respektiert werden.“
Dafür ist in dem Syrien, von dem Präsident Al-Sharaa träumt, ganz offensichtlich kein Platz. Die neuen Lehrpläne, die im Land gerade für Aufregung sorgen, machen die Islamisierung sichtbar: Da werden selbst phönikische Statuen in den Schulbüchern „angezogen“, kommen Lehrerinnen grundsätzlich nur mehr mit Schleier vor, wurde vermeintlich Heidnisches aus der Antike ebenso gestrichen wie vermeintlich Unzüchtiges aus der Gegenwart. Eine junge Frau erzählt, dass sie ihr Studium abbrach, weil sie sich als Christin an der Universität nicht mehr sicher fühlte. Eine zweite sagt, sie habe Angst auf der Straße, weil viele Frauen entführt werden. Auf Ämtern und Behörden höre man Frauen gar nicht zu, da müssten sie schon ihren Ehemann oder Bruder mitbringen. Einer meint ironisch: „Seit der Befreiung ist die Situation für alle normalen Menschen gefährlicher.“ Befreiung, so wird im offiziellen Sprachgebrauch die Machtergreifung Al-Sharaas genannt.
„Wir sind Kinder der Märtyrer“
Noch bekommt man in vielen Restaurants in Damaskus, Homs, Latakia und sogar Aleppo Bier und den Anisschnaps Arak, aber vielen Bars wurde einfach die Lizenz entzogen. Alteingesessene Restaurants dürfen Alkohol ausschenken, neu eröffnete nicht mehr. Alkohol darf nicht mehr importiert, im Land selbst aber noch produziert, verkauft und getrunken werden. Was, wenn die Regierung den Wein ganz verbietet? „Das ist gegen unsere Kultur“, empört sich ein syrischer Mitarbeiter der Franziskaner. „Wir haben den Weinanbau doch erfunden!“ Die schrittweise Einführung der Scharia beschränke nicht nur die Rechte der Christen, sagt ein Priester, sondern auch die Freiheit der Muslime.
Derzeit sind vor allem die Alawiten im Fadenkreuz, also jene Religionsgemeinschaft, der Bashar al-Assad und sein Vater Hafiz angehörten, die Syrien insgesamt von 1970 bis 2024 regierten. Eine junge Alawitin erzählt, dass ihr Mann nicht mehr aus dem Haus gehe – nur noch zur Arbeit und wieder zurück. Andere würden aus ihren Dörfern nach Latakia ziehen, um in der Anonymität der Stadt unterzutauchen. Racheakte an den Alawiten sind häufig – und meist unter der Wahrnehmungsschwelle der Weltöffentlichkeit.

Am 22. Juni 2025 wurde in Damaskus die orthodoxe Mar-Elias-Kirche überfallen. Mehrere Gläubige versuchten noch, den Selbstmordattentäter abzudrängen, erzählt Abuna Hannah, während er durch die renovierte Kirche führt. 25 Menschen riss der Fanatiker mit in den Tod, weitere 150 wurden schwer verletzt. Ein Gedenkstein mahnt „die Leute, die mit Feuer kämpfen“ und würdigt „die Märtyrer, die hier ihr Ostern feiern“. Abuna Hannah hofft, dass der neue Ikonostas bis Weihnachten fertig ist, denn bis zur Renovierung feiert die Gemeinde ihre Messen im Pfarrsaal. Die seelische Renovierung dauert länger: „Wir versuchen, den Menschen die Angst zu nehmen. Wir bleiben bei ihnen!“
Die islamistische Regierung will Negativschlagzeilen im Westen vermeiden
Nicht nur in der orthodoxen Mar-Elias-Kirche investiert man in Sicherheit, etwa in Überwachungskameras. Sogar die islamistische Regierung will Negativschlagzeilen im Westen vermeiden. Vor der Hananias-Kirche, wo Paulus nach seiner Bekehrung auf dem Weg nach Damaskus vom Vorsteher der christlichen Gemeinde getauft wurde, lungern zwei schwarz gekleidete Gestalten mit Maschinenpistolen herum. Das soll Sicherheit vermitteln. Aber wenn den Bauern im „Tal der Christen“ die Werkzeuge und Traktoren gestohlen werden, sagt die Polizei, sie könne da nichts machen.

Die Stimmung unter der christlichen Jugend beschreibt ein Franziskaner so: „Wir gehören nicht mehr zu diesem Land.“ Deshalb gebe es für sie nur einen Traum: die Auswanderung. „Und bei vielen zivilisierten Muslimen ist es ebenso“, fügt er an. Syriens Jugend weiß, dass Europa, Kanada und die USA sie nicht haben wollen – aber ihr eigenes Land auch nicht mehr. „Wer die Gelegenheit hat, verlässt das Land“, sagt der Pater. Das spalte die Familien, denn während die Jungen gehen, bleiben die Alten zurück.
Nicht grundlos haben die Christen Angst vor neuen Massakern, wie es sie im ersten Jahr nach der „Befreiung“ bereits gab. Denn neben den Terroristen im schwarzen Anzug, die – geschult und dirigiert von der türkischen Regierung – so tun, als würden sie das Land regieren, gibt es allerlei Milizen, denen selbst Al-Sharaa nicht radikal genug ist. Mindestens fünf Attentatsversuche auf den aktuellen Präsidenten gab es bereits. Mag sein, dass Gewalt jetzt gerade nicht im Interesse der Regierung ist, wie der melkitische Pfarrer Sami Hosni in Damaskus meint. Er rechnet dennoch mit allem: „Als Christen sind wir die Kinder der Märtyrer.“ Die Weltpolitik dürfe nicht länger schweigen. „Wir erwarten, dass sie die Wahrheit sagen“, fordert der mutige Priester, der sich noch immer wundert, wie ein Clan, der zuvor auf allen westlichen Terrorlisten stand, an die Macht gelangen konnte. Er ist überzeugt: „Was derzeit in Syrien geschieht, ist für die Zukunft der ganzen Welt gefährlich.“ Nach einigem Nachdenken setzt er hinzu: „Sie werden Europa mit ihrem Islam zerstören.“
Einige Gesprächspartner wurden aus Sorge um ihre Sicherheit anonymisiert.
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