Rom-Touristen schenken dem Palast kaum Beachtung. Ihre Aufmerksamkeit gilt eher schon der direkt gegenüberliegenden Dominikanerkirche Sante Maria Sopra Minerva, dort liegt die heilige Katharina von Siena begraben, immerhin ein der Patroninnen Europas. An dem Gebäude vis-a-vis fallen vielleicht noch die Geschäfte auf, die sich im Erdgeschoss befinden. Das hier aber die älteste Diplomatenschule der Welt untergebracht ist bemerkt kaum jemand. Sie wurde im Jahre 1701 durch Papst Clemens XI. gegründet, auf sie ist zurückzuführen, dass die kirchlich Diplomatie bis heute einen einzigartigen Ruf geniest.
Nur wenige Jahre nach Gründung dieser Akademie musste Papst Clemens XI. selbst sein diplomatisches Geschick beweisen. Er befand sich nämlich in einer echten Zwickmühle. Am 1. November 1700 war der spanische König Karl II. (geboren 1661, er regierte seit 1666), ein Habsburger, ohne erbfolgeberechtigten Nachfolger verstorben. Der spanische Thron war also vakant und es entbrannte ein Streit um die Nachfolge Dabei gab es zwei Thronprätendenten: auf der einen Seite einen Habsburger, ebenfalls ein Karl, der spätere Karl VI., auf der anderen Seite hingegen einen Bourbonen, Philipp V. von Frankreich.
Keine Glaubensfrage
Der Papst mischte in diesem Streit nicht mit und behielt seine Neutralität. Es handelte sich um keine Glaubensfrage und beide Herrscher waren katholisch, sodass der Heilige Vater nicht um Kirche und Katholiken in Spanien fürchten musste, egal, wer letztendlich den Thron besteigen würde. Doch drohte ausgerechnet der Gedenktag an einen Heiligen, das Fest des heiligen Karl Borromäus am 4. November 1706, eben diesen Streit nach Rom zu bringen und die Neutralität des Papstes zu gefährden.
Wie in jedem Jahr fand auch 1706 diesem Fest in der Kirche der Heiligen Ambrosius und Karl am Corso, der Nationalkirche der Mailänder und Lombarden in Rom, in der auch das Herz des Heiligen aufbewahrt wird, eine feierliche Kardinalsmesse statt, um den großen Bischof Mailands gebührend zu feiern. Soweit kein Problem. Jedoch wollte die der Kirche angeschlossene Bruderschaft der Lombarden, sie existiert noch heute, zu diesem Anlass ein großes Porträt des Habsburger Thronprätendenten aufstellen, um ihre Loyalität ihm gegenüber im Erbstreit zu zeigen.

Der spanische Botschafter und einige Kardinäle hingegen bestanden darauf, dass das Porträt Philipps V. ausgestellt werden müsse. Das Herzogtum Mailand war zu diesem Zeitpus noch ein Nebenland der spanischen Krone und somit war die Frage des spanischen Thrones auch für die Lombarden von konkreter Relevanz.
Den Papst brachte diese Situation nun allerdings in Bedrängnis. Nicht einzugreifen bedeutete, mögliche Unruhen in Rom in Kauf zu nehmen, nicht wissend, was sich daraus entwickeln könnte. Auf der anderen Seite würde eine Intervention zur Folge haben, dass er zwingend seine Neutralität aufgeben würde. Und auch das wollte er auf jeden Fall vermeiden.
Clemens XI. war in der Zwickmühle
Und in genau dieser verzwickten Situation erwies sich Papst Clemens als würdiger Gründer seiner Diplomatenschule. Er entschied nämlich, einfach selbst an den Feierlichkeiten in der Kirche teilzunehmen. Das traditionelle päpstliche Zeremoniell verbot es nämlich, in den Kirchen Roms Porträts von anderen Fürsten auszustellen, sobald der Nachfolger des Apostelfürsten persönlich im Hause Gottes zugegen war. Damit war die Situation geschlichtet: Es wurden weder die Gemälde des Habsburgers noch des Bourbonen gezeigt und der Papst hatte seine Neutralität nicht aufgeben müssen.
Der Papst wiederholte seinen Besuch in der Kirche auch noch in den darauffolgenden Jahren, um von vornherein ein erneutes Aufflackern des Konflikts zu vermeiden. Ja, sogar noch im ersten Jahr nach Beilegung der Streitigkeit wollte sich Papst Clemens persönlich zum Gedenktag in die Kirche begeben, da er – wie er selbst erklärte – den heiligen Mailänder Bischof in all diesen Jahren im Gebet um Fürsprache für eine Beilegung des Thronstreites gebeten hatte und nun seine Dankbarkeit zeigen wollte.

Diesen päpstlichen Besuch musste er aufgrund gesundheitlicher Probleme dann aber in letzter Sekunde absagen.Der Papst versicherte jedoch den römischen Lombarden zum Trost in einem Breve, dass von nun an nicht nur er, sondern auch alle seine Nachfolger jedes Jahr am Fest des heiligen Karl in ihrer Kirche teilnehmen würden. Eine Tradition, die tatsächlich auch bis zum Fall des Kirchenstaats im Jahre 1870 aufrechterhalten wurde.
Nach der Auflösung der Papststaaten war der Papst bekanntlich Gefangener im Vatikan, ein Besuch in der Kirche am Corso demzufolge unmöglich.
Auch nach den Lateranverträgen im Jahre 1929, durch die der heutige Vatikanstaat entstand und der Papst seine Freiheit zurückerlangte, sind diese Besuche bis auf den heutigen Tag ausgeblieben. Diese päpstliche Tradition war in Vergessenheit geraten und niemand dachte daran, sie wieder aufleben zu lassen.
Als Kardinal zelebrierte Leo in der Kirche
Dies heißt aber nicht, dass das Fest des heiligen Karl Borromäus in seiner Kirche in Rom nicht mehr gebührend gefeiert wird. Alljährlich findet immer noch eine feierliche Kardinalsmesse statt, im Jahre 2024 tatsächlich durch den damaligen Kardinal Robert Prevost, der sich nur wenige Monate später auf dem Balkon des Petersdoms der Weltöffentlichkeit als Papst Leo XIV. präsentierte.
Ob er im November 2024 bei seiner Zelebration wohl von dieser päpstlichen Tradition wusste? Vielleicht. Es bleibt dennoch unwahrscheinlich, dass er als Papst persönlich zu den Festen des heiligen Karls in die Kirche zurückkehren wird.
Aber vielleicht wird er ja noch im Laufe seines Pontifikats beweisen können, das gleiche diplomatische Geschick wie Clemens XI. zu besitzen, auch ohne auf der von diesem gegründeten päpstlichen Diplomatenakademie ausgebildet worden zu sein. An Gelegenheiten wird es ihm sicherlich nicht mangeln.
Der Autor arbeitet als Rechtsanwalt in Rom und engagiert sich ehrenamtlich als Zeremonienmeister des römischen Großpriorats des Malteserordens.
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