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Aus Protest wird Gebet

Der Gang zum Friedhof an Allerseelen kann schmerzlich sein. Doch Christen haben eine Hoffnung. Die Geschichte vom Ackermann aus Böhmen zeigt, wie Klage und Glaube zusammenfinden können.
Allerseelen: Aus Protest wird Gebet
Foto: Alun Richardson (imago stock&people) | Mann muss Trauer nicht verdrängen, um glauben zu können. Die Hoffnung des christlichen Glaubens trägt über so manche Abgründe hinweg.

Um 1400 lässt Johannes von Tepl in seinem Werk „Der Ackermann aus Böhmen“ einen Mann auftreten, der gegen den Tod seiner Frau aufbegehrt. Sie ist früh gestorben, und das geht ihm gehörig gegen den Strich. Er empfindet ihren Tod als unerträglichen Verlust und als Unrecht, mit dem er sich nicht abfinden kann und will. Aus Trauer wird Wut, und er liefert sich eine verbale Schlacht mit dem personifizierten Tod. Seine Reaktion ist menschlich und nachvollziehbar. Im Mittelalter war eine solche Auflehnung jedoch keineswegs selbstverständlich. 

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Der Ackermann hat seine Frau sehr geliebt und spricht voller Zärtlichkeit von ihrer Schönheit und Würde und von dem gemeinsamen Leben, das er mit ihr führen durfte. Der Tod lässt sich jedoch nicht zurücknehmen. Am Ende greift Gott in den Streit ein und beendet ihn. Der Ackermann aber bleibt untröstlich und gibt sich nicht einfach geschlagen. Dann findet in ihm ein Wandel statt, der auch für heutige Trauernde Orientierung bietet.

Streit zwischen dem Ackermann und dem Tod

Ausgangspunkt des Streitgesprächs ist die Weigerung des Ackermanns, sich damit abzufinden, dass der Tod über seine Frau verfügen durfte. Deshalb verklagt er den Tod, der als Person auftritt, fordert von ihm Rechenschaft und verlangt Gerechtigkeit. Er verflucht ihn und wünscht ihm, dass Gott ihn hasse und alles Unglück über ihn komme.

Der Tod wiederum sieht keine Schuld bei sich. Mit kalter Logik und einer Prise Zynismus argumentiert er, alles Lebendige sei vergänglich. So habe Gott es gefügt; er selbst erfülle lediglich die ihm zugewiesene Aufgabe. Der Ackermann hält dagegen: Selbst wenn der Tod einer göttlichen Ordnung folge, mache das den Verlust seiner Frau nicht weniger schmerzlich. Und es beantworte nicht die Frage, warum gerade sie sterben musste.

So geht es hin und her, bis Gott eingreift und den Streit beendet. Er gibt beiden in gewisser Weise Recht: dem Ackermann die Ehre, dem Tod den Sieg. Der Tod behält Macht über das irdische Leben und den Leib, nicht aber über die Seele. Sie gehört Gott. Die Verstorbene ist dem Tod also nicht verfallen, sondern in Gottes Hand. Der Ackermann muss anerkennen, dass der Tod zum menschlichen Leben gehört, ohne deshalb seine Liebe und seine Trauer verleugnen zu müssen.

Trauer braucht Raum

Damit ist der Ackermann noch nicht am Ende seiner Trauer. Aber seine Wut bleibt nicht das letzte Wort. Am Schluss betet er für die Seele seiner verstorbenen Frau und lobt Gott. Man kann sagen: Aus Protest wird Gebet. Warum seine Frau sterben musste, wird damit nicht beantwortet. Doch der Ackermann wendet sich wieder Gott zu. Seine Fürbitte ist Ausdruck einer Hoffnung, die über den Tod hinausreicht. Das zeigt: Christlicher Glaube verlangt nicht, den Schmerz über den Tod zu verdrängen. Er darf Raum bekommen – auch in Form von Klage und Anklage.

Johannes von Tepl trägt mit seinem Werk einem sich verändernden Blick auf den Menschen und auf Gott Rechnung. Während im mittelalterlichen Denken die göttliche Weltordnung und das Seelenheil einen zentralen Stellenwert einnahmen, tritt um 1400 die menschliche Erfahrung stärker in den Vordergrund: Nicht allein die Stellung des Menschen in der göttlichen Ordnung zählt, sondern auch seine Gefühle, seine Empfindungen und seine individuelle Würde. Der Ackermann lässt sich nicht einfach mit dem Hinweis auf Gottes Willen vertrösten. Er beharrt auf seinem Schmerz und auf seiner Liebe zu seiner verstorbenen Frau. Damit verschiebt sich der Akzent: Es zählt nicht nur der Platz des Leids in der göttlichen Ordnung, sondern auch der leidende Mensch in seiner konkreten Erfahrung.

Der „Ackermann“ zeigt, wie sich beides im besten Fall durchdringen muss: Trauer darf sein, man muss durch sie hindurch. Der christliche Glaube schenkt zusätzlich die erlösende Liebe Gottes und die Hoffnung, dass mit dem Tod nicht alles verloren und der Mensch zur vollendeten Gemeinschaft mit Gott berufen ist. Dies macht das Trauern nicht leichter, lässt den Verlust aber in einem anderen Licht erscheinen. Was heißt das für Allerseelen?

Die Ordnung des Shalom-Friedens

Zu Allerseelen gedenken viele Christen ihrer Verstorbenen, beten für sie und bringen ihre Trauer vor Gott. Sie müssen ihre Trauer nicht verdrängen, um glauben zu können. Sie dürfen ihre Toten vermissen, Gott ihre Fragen hinhalten und – ja, auch das – wütend und enttäuscht sein. Gott kann man ohnehin nichts vormachen. Sie dürfen, wie der Ackermann, ehrlich sein, auch Gott gegenüber.

Aus christlicher Sicht lässt sich in Gebet und Fürbitte des Ackermanns die Hoffnung auf Auferstehung erkennen. Und die Ordnung, die der Tod als Argument anführt, wird abgelöst durch eine neue Wirklichkeit: die Ordnung des Shalom-Friedens, der Ganzheit, Heil und eine wiederhergestellte Beziehung zu Gott und den Menschen meint. Das Unrecht vor Gott zu bringen, kann helfen, sich für seinen Frieden zu öffnen, der tiefer reicht als alle Erklärungen dieser Welt.

Wir werden unsere Verstorbenen weiterhin vermissen. Doch wir müssen an der Trauer nicht zerbrechen. Der „Ackermann aus Böhmen“ zeigt, dass Klage und Glaube einander nicht ausschließen. Die Hoffnung des christlichen Glaubens trägt uns über so manche Abgründe hinweg.

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