Zwei klar denkende Diskutanten und ein Thema, über das hinaus nichts Wichtigeres gedacht werden kann: Im Rahmen der Wiener Buchmesse trafen im Herbst 2025 Konrad Paul Liessmann, emeritierter Professor für Philosophie und Ethik, und Johannes Hartl aufeinander, der Gründer des Augsburger Gebetshauses, der sich besonders für die Wirksamkeit religiöser Sprache interessiert. Die Ausgangsfrage für ihr vor übervollem Haus geführtes Gespräch lautete: Gibt es vernünftige Gründe, an Gott zu glauben, oder beginnt Glaube dort, wo das Denken an seine Grenzen stößt?
Beide positionierten sich klar: Liessmann, für den Gott als kulturelles Phänomen spannend ist, der Glaube aber eine fremde Welt darstellt, und Hartl, der auf die persönliche Erfahrung setzt. Liessmann ließ Søren Kierkegaard, den dänischen Philosophen, zu Wort kommen, der mit der real existierenden Kirche große Probleme hatte und sich den Akt des Glaubens nur als Abkehr von der Vernunft und risikobehafteten Sprung vorstellen konnte. Hartl setzt einen Dreiklang dagegen: die Erfahrung des Lebens, die rationale Reflexion über die Vernünftigkeit des Glaubens sowie die „Früchte“ des Glaubens, also, wie er sich im Leben von Menschen und Völkern bemerkbar macht. Er wandte gegen die von Professor Liessmann für sich in Anspruch genommene „religiöse Unmusikalität“ ein, dies könne man nur sein, wenn es Musik gäbe. Er fragt, „ob nicht manchen Atheismen auch diese subjektive Weigerung zugrunde liegt: anzuerkennen, dass ich halt doch nicht Herr im Haus bin, dass es doch noch etwas über mir gibt, etwas Größeres und Höheres“. Liessmann dagegen stört sich am Ansatz der Gottesbeweise, die als Fundament die Annahme hätten, bei eingehender Reflexion käme „man irgendwann einmal zwangsläufig auf eine Gotteskonzeption“.
Fairer Streit - ohne Samthandschuhe
So sehr ihm die drei Zugänge von Hartl gefielen, sieht er doch nicht, dass es „existenziell“ sei, sich zu Gott zu positionieren: „Das mag für Sie zutreffen, aber warum sagen Sie, dass das allgemein so sei? Es gibt Menschen, die (…) Lebenskonzepte entwerfen können und realisieren können, ganz ohne Gott oder ohne diesen Gott“. Hier gibt ihm Hartl nicht nach und nennt es „Erfahrungsarmut“, wenn jemand generell keinen Zugang zum Thema Religion findet. Liessmann hält dagegen: „Das mag schon sein, dass alle Menschen Gottesvorstellungen haben, aber die kreieren sie selbst“. Seinen Einwand, die Gottesvorstellungen hätten sich allezeit geändert – „Was ist das dann für eine Ewigkeit?“ – und dass diese vor allem aktuelle Machtverhältnisse legitimieren sollten, weist der Theologe zurück: Auch die Konzeptionen zum Staat hätten sich stets geändert, und doch gäbe es immer noch Staaten; zur Feststellung, dass Religion ein Herrschaftsinstrument sein könne, träte zwingend, dass sie ebenso Instrument zur Herrschaftskritik sei. Zudem hätten gottlose Staatswesen, von Stalin über Hitler hin zu Mao Zedong, despotische Macht ohne Kontrolle ausgeübt.
Die beiden Gesprächspartner schenken einander nichts, bleiben aber immer fair. Wenn Hartl einen Klassiker der Gottesbeweise anführt, dass nämlich nichts aus dem Nichts kommen könne, gibt Liessmann Kontra und sagt, dies funktioniere nur unter Annahme eines Kausalitätsprinzips, dass alles einen Grund haben müsse. Aber: „Wenn alles einen Grund haben muss, muss die Existenz Gottes auch einen Grund haben“. Dann könne man fragen: Wer hat Gott geschaffen? Liessmann lässt Sympathien für die astrophysikalische Überlegung erkennen, dass das Universum einer unendlichen Bewegung gleich sei, sich ausdehne, wieder zusammenfalle, um von vorne zu beginnen.
Die Frage nach Gott ist lebendig
Einen neuen Anlauf nimmt der Philosoph, wenn er seinen verstorbenen Wiener Kollegen Rudolf Burger zitiert, der Religion als „organisiertes Transzendenzversprechen“ definierte. Religion sei nie privat und umgebe sich mit einem Apparat, dessen Notwendigkeit aber nicht zwingend sei. Wenn es nur um das Verhältnis der Person zu Gott ginge, bedürfte es gar keiner hierarchisch gegliederten Einrichtung. Hartl behauptet dagegen eine gegebene „Grund-Religiosität“ des Menschen, „und wenn er Gott vom Thron stürzt und was auch immer er dann auf den Thron setzt, wird noch viel despotischer (sein) als der echte Gott. Das nennt man die Götzen“. Doch scheinen beide Gesprächspartner darin übereinzustimmen, dass es um alles geht, wenn es um das Thema Gott geht, auch wenn Liessmann kritisch ergänzt, die Frage sei eigentlich: „Wer hat den privilegierteren Zugang zur Wahrheit?“. Der Professor weiter: „Das Kennzeichen dogmatischer Wahrheiten ist, dass ein anderer sie nicht bezweifeln darf, sonst wären sie keine dogmatischen Wahrheiten. Das ist eigentlich für ein liberales Denken unerträglich“. Doch sei das Christentum, so wiederum Hartl, „die erste Religion, die Frauenrechte gedacht hat. Die erste Religion, die universelle Menschenrechte gedacht hat, war das Christentum, und zwar nicht erst in der Aufklärung, sondern schon im Hochmittelalter“. Gesellschaften ohne Gott seien nicht deswegen menschlicher, moralischer, freier. Worauf Liessmann etwas gallig reagiert: „Der Vatikan hat bis heute die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte nicht unterzeichnet. Er wird wissen, warum“.
Wie dieses Match ausgegangen ist, darüber wird man verschiedener Meinung sein können. Bei Treffen dieser Art dürfte es schwer sein, einen klaren Sieger auszumachen. Hier begegneten sich zwei auf Augenhöhe und verhandelten in großer Ehrlichkeit die letztlich unvereinbaren Standpunkte. Patrick Zöhrer, Programmleiter der „Buch Wien“, schreibt im Nachwort: „Man kann an Gott zweifeln. Aber man kann nicht mehr daran zweifeln, dass die Frage nach Gott lebendig ist. Lebendig heißt aber nicht einhellig“. Er flicht beiden Diskutanten Kränze, dass sie ohne Polemik und ohne moralische Aufladung, in nüchternem Ton und respektvoll miteinander gerungen haben.
Johannes Hartl/Konrad Paul Liessmann: Gott? – Ein Streitgespräch, Freiburg: Herder, 2026, 76 Seiten, Klappenbroschur, EUR 14,–
Der Rezensent ist Augustiner-Chorherr.
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