„Du wirst zu dem, was du feierst“, sagt man. Dann würde man an Allerheiligen heilig. Man mag das als Unsinn abtun. Ganz abwegig ist es aber nicht, denn Heiligkeit ist zuerst ein Geschenk, das in der Taufe beginnt und dann wachsen soll. Papst Benedikt XVI. erklärte, Christen seien bereits heilig, weil die Taufe sie mit Jesus und seinem Pascha-Mysterium vereint. Zugleich müssten sie es werden, indem sie sich ihm immer inniger anschließen. Daran erinnert Allerheiligen. Und die Heiligen zeigen uns, was Gottes Gnade Großartiges bewirken kann.
Wenn Paulus Christen in seinen Briefen „Heilige“ nannte, meinte er nicht, sie hätten das Ziel erreicht und könnten sich zurücklehnen. Auch er erinnerte immer wieder an die Berufung zur Heiligkeit, die das Zweite Vatikanische Konzil in der Dogmatischen Konstitution „Lumen gentium“ als Berufung aller Gläubigen beschrieben hat. Sie ist mehr als ein Anspruch: Gott hat sie in uns bereits begonnen. Das Reich Gottes lässt sich schon auf der Erde erfahren. Es kann „gegenwärtig sein, wenn die Seele durch die Gnade mit Gott, ihrem tiefsten Grund, verbunden ist“, wie Benedikt es formulierte.
Halloween spielt mit dem Grusel, Allerheiligen feiert das Licht
Seit Jahrzehnten schiebt sich Halloween in die Tage rund um Allerheiligen. Doch beide sind miteinander nicht kompatibel und schon gar nicht austauschbar: Halloween spielt mit dem Grusel und dem Dunklen, Allerheiligen feiert das Licht, das Christus in die Welt gebracht hat. Es erinnert daran, dass die Welt nicht dem Dunkel gehört. Christus hat den Tod überwunden und uns den Himmel geöffnet, und dessen Licht scheint schon jetzt in diese Welt hinein. Nicht erst für später, sondern sofort. Jesus verkündete nicht bloß eine bessere Welt nach dem Tod, sondern das Reich Gottes, das mit ihm angebrochen ist. Er heilte Kranke, vergab Sünden und befreite Menschen aus innerer und äußerer Gefangenschaft. Dieses Reich ist gegenwärtig, aber noch nicht vollendet. In dieser Spannung lebt die Kirche.
Seine Wunder waren Zeichen einer neuen Wirklichkeit, die bis in unsere Zeit und in alle Ewigkeit hineinreicht; Wunder gab es zu allen Zeiten und gibt es auch heute. Denn durch Christus hat jeder Getaufte Zugang zum Vater, zum „Abba“, unserem lieben Papa, wie Jesus ihn nennt. Als Kinder Gottes sind wir Miterben Christi (Röm 8,15–17). „Seht, welche Liebe uns der Vater geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es“, heißt es in der Lesung des Hochfestes (1 Joh 3,1).
Als Kind Gottes leben
Aus dieser Identität zu leben, ist heute nicht leicht. Oft zählt Leistung, und wir bemessen unseren Wert an dem, was wir schaffen. Doch die Kirche lehrt: Du bist wertvoll, weil du Kind Gottes bist, nicht weil du etwas vorweisen kannst. Das kann fast nur ein Mensch glauben, der dem lebendigen Jesus Christus begegnet. Er spricht dem Menschen die Wahrheit über seine Identität zu, verändert Denken, Herz und Leben und führt ihn auf den Weg der Heiligkeit. Nur er kann bewirken, dass der Mensch ihm immer ähnlicher wird.
Die Apostel Jesu und viele Heilige haben das vorgelebt. Sie waren alles andere als perfekt. Doch sie ließen sich von Christus rufen und vertrauten darauf, dass Gottes Kraft auch durch ihre Schwäche wirkt. Jesus hat sie schließlich nicht berufen, weil sie bereits heilig, vollkommen und perfekt waren, sondern damit sie es werden. Mit seiner Kraft wurden sie dann zu Zeugen seiner Auferstehung, und in ihrem Dienst geschahen Zeichen und Wunder.
Kühn bitten ist erlaubt
Doch geistliche Gaben messen sich nicht an spektakulären Erfahrungen, sondern an der Frucht eines Lebens: an Liebe, Treue, Barmherzigkeit, Wahrhaftigkeit und Hingabe. Heiligkeit zeigt sich ebenso in der Treue des Alltags, in der Vergebung und darin, trotz eigener Schwäche immer wieder zu Christus zurückzukehren. Die Seligpreisungen, das Evangelium dieses Tages (Mt 5,1–12a), sind dafür eine wunderbare Hilfe. Wer weiß, dass er Kind Gottes ist, kann kühn bitten, auch um Heilung.
Papst Franziskus erinnerte 2015 zum 500. Geburtstag der heiligen Teresa von Ávila an ihr Verständnis des Gebets, sinngemäß: Beten heißt, oft allein bei dem zu verweilen, von dem wir wissen, dass er uns liebt (Leben 8,5). Denn „wenn nun schon ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben versteht, wie viel mehr wird der Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten“ (Mt 7,11). Außerdem lehrte sie, dass man Gott ein Kompliment mache, wenn man um Großes bitte. Bei Lukas wird deutlich, was er vor allem immer schenken will: den Heiligen Geist (Lk 11,13).
Vielleicht müssten wir öfter Gebetserhörungen teilen, damit wir und andere neu zu einem dankbaren Gebet finden. Natürlich bleibt Gott souverän und erhört nicht jedes Gebet so, wie wir es uns wünschen. Heilung bleibt ein Geschenk, und medizinische Hilfe wird durch Gebet nicht überflüssig. Warum Gott manche schnell heilt und andere später oder gar nicht, wissen wir nicht. Aber auch, wo die erhoffte Heilung ausbleibt, ist Gott nicht fern, sondern schenkt sich selbst, seine Nähe und seine Kraft. So wächst in uns die Bereitschaft zur Umkehr und der Wunsch, Christus ähnlicher zu werden.
Darum feiert die Kirche an Allerheiligen nicht nur die unzähligen Heiligen im Himmel, jene „große Schar, die niemand zählen konnte“ (Offb 7,9), sondern erinnert auch an die Berufung jedes Christen zur Heiligkeit. Denn der Mensch soll werden, was er feiert. So wird sichtbar, dass Christus lebt und der Himmel schon heute die Erde berühren kann.
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