Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Sonntagslesung

Eine günstige Stunde zum Heiligwerden

Heiligkeit: kein Privileg, sondern die Berufung aller Christen. Warum Allerheiligen nicht zur moralischen Höchstleistung aufruft, sondern zur Freiheit, Christus nachzufolgen.
ITALY - POPE - SURGERY - October 14, 2026
Foto: Imago | Als Programm für Heiligsein wagt das Evangelium Haltungen der Milde zu proklamieren, wie man sie vom heiligen Johannes Paul II. kennt.

Es muss etwas verblüffen, mit welcher Großzügigkeit das Neue Testament über „Heilige“ spricht, denn es ist dort die gängige Bezeichnung für Christen in der Urkirche. Schon im Alten Testament erscheint der Ausdruck in Bezug auf das Volk Israel und insbesondere auf die messianische Gemeinde.

Lesen Sie auch:

Die Grundbedeutung von „heilig“ ist „verschieden“, und wie Gott von der Welt verschieden ist, so sollen sich auch seine „Heiligen“ von ihr unterscheiden. Stand aber im Alten Testament zunächst die kultische Dimension des Heiligseins im Fokus, so setzte sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass die Heiligkeit die moralische Entsprechung zu Gott bedeutet, die dem Neuen Testament zufolge nach dem Maßstab Jesu Christi zu erfolgen hat. Das grundsätzliche Heiligsein durch die taufbegründete Zugehörigkeit zum heiligen Volk Gottes soll also im persönlichen Lebenswandel verwirklicht werden, wie Paulus den Römern (6, 19) einschärft.

Vor diesem Hintergrund sind die Seligpreisungen des heutigen Evangeliums keine realitätsfremden Empfehlungen für abgehobene Schöngeister oder moralische Hochstabspringer. Vielmehr sind diese Worte Glückwünsche, die denen zuteilwerden, die wagen, gemäß ihrer tiefsten Berufung zu leben: Gottes Liebe, in verschiedenen Lebenssituationen durchbuchstabiert, nachzuahmen.

Johannes Paul II. hatte vom Heiligsein etwas verstanden

So lässt sich das Hochfest „Allerheiligen“ nicht als Feier des Moralismus, sondern als Befreiung zum Wesentlichen begehen. Zu diesen „allen“ gehören nämlich nicht bloß die durch die Kirche Heiliggesprochenen, sondern alle unzähligen namenlosen Freunde Christi, darunter vielleicht unsere Angehörigen, auf deren Vollendung bei Gott wir hoffen. Und als Programm für flächendeckendes Heiligsein wagt das Evangelium – gerade angesichts der Brutalität der Welt – Haltungen der Milde zu proklamieren, welche die Fähigkeit besitzen, an dieser Brutalität etwas zu ändern. Allerdings geht es nicht darum, heute Zertifikate des bereits vollendeten Heiligseins zu erwerben; vielmehr kommt es aufs tägliche Heiligwerden mithilfe der Gnade an.

Entscheidend ist, dass unser Maßstab der himmlische Mensch bleibt und nicht etwa die vielbeschworene irdische „Lebenswirklichkeit“, deren Diktat eher aus Resignation angesichts des eigenen moralischen Scheiterns entspringt und zur Anpassung an die „konkreten Möglichkeiten“ auffordert. „Aber worin bestehen konkret die konkreten Möglichkeiten des Menschen? Und von welchem Menschen ist die Rede? Von dem Menschen, der von der Begierde beherrscht wird, oder von dem Menschen, der von Christus erlöst wurde?“ (Veritatis splendor, 103) – fragte einst ein inzwischen heiliggesprochener Nachfolger Petri. Papst Johannes Paul II. hat offensichtlich vom Heiligsein etwas verstanden und den Menschen die richtige Richtung gezeigt.

Offenbarung 7, 2–4.9–14
1 Johannes 3, 1–3
Matthäus 5, 1–12a
Zu den Lesungen des Hochfestes Allerheiligen 2026 (Lesejahr A)

Jetzt die „Tagespost" abonnieren und nichts mehr verpassen.

Themen & Autoren
Andrzej Kucinski Allerheiligen Hochfeste Jesus Christus Johannes Paul II. Päpste

Weitere Artikel

Die Heiligen, die am Hochfest Allerheiligen gefeiert werden, sind keine Superhelden. Es sind Menschen, die Gott vertraut haben. Die Auflösung des Bibel-Quiz findet ihr hier.
29.10.2026, 10 Uhr
Martin Linner
Das Hochfest am 1. November erinnert daran, dass Heiligkeit nicht wenigen Auserwählten vorbehalten ist. Jeder Getaufte ist berufen, in der Liebe zu wachsen.
01.11.2025, 10 Uhr
Dorothea Schmidt
Was ist Fasten? In erster Linie ein Weg der Liebe und eine Einladung zur Umkehr. Es lohnt sich, sie anzunehmen.
18.02.2026, 15 Uhr
Redaktion

Kirche

Halloween wurde zum Filmthema – und machte den Grusel-Tag hierzulande populär. Ein Horrorfilm spiegelt gesellschaftliche Verhältnisse und hinterfragt Selbstverständliches.
31.10.2026, 11 Uhr
Fabian Bell
Es gibt ab Samstag neue US-amerikanische Selige: Fünf Franziskaner, die 1957 von Ureinwohnern in Georgia ermordet wurden. Der Grund: Sie verteidigten die monogame Ehe.
31.10.2026, 05 Uhr
Claudia Kock
Trotz Widerstand stellt der Kirchengemeinderat von St. Martin in Weingarten seine Pläne zur Neugestaltung des Altarraums vor. Doch es kommt zu einer überraschenden Wendung.
30.10.2026, 15 Uhr
Jakob Naser
Ist es falsch, dass die Kirche sich gegen die Todesstrafe stellt? Nein, denn jeder Mensch hat eine unantastbare Würde. Und zwar nicht erst seit Papst Franziskus.
29.10.2026, 21 Uhr
Maximilian Welticke
Die Texte, mit denen das Glaubensdikasterium auf die Bischofsweihen der Piusbruderschaft reagierte, sind mangelhaft. Aber den Präfekten scheint das nicht zu interessieren.
30.10.2026, 09 Uhr
Guido Horst