Es muss etwas verblüffen, mit welcher Großzügigkeit das Neue Testament über „Heilige“ spricht, denn es ist dort die gängige Bezeichnung für Christen in der Urkirche. Schon im Alten Testament erscheint der Ausdruck in Bezug auf das Volk Israel und insbesondere auf die messianische Gemeinde.
Die Grundbedeutung von „heilig“ ist „verschieden“, und wie Gott von der Welt verschieden ist, so sollen sich auch seine „Heiligen“ von ihr unterscheiden. Stand aber im Alten Testament zunächst die kultische Dimension des Heiligseins im Fokus, so setzte sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass die Heiligkeit die moralische Entsprechung zu Gott bedeutet, die dem Neuen Testament zufolge nach dem Maßstab Jesu Christi zu erfolgen hat. Das grundsätzliche Heiligsein durch die taufbegründete Zugehörigkeit zum heiligen Volk Gottes soll also im persönlichen Lebenswandel verwirklicht werden, wie Paulus den Römern (6, 19) einschärft.
Vor diesem Hintergrund sind die Seligpreisungen des heutigen Evangeliums keine realitätsfremden Empfehlungen für abgehobene Schöngeister oder moralische Hochstabspringer. Vielmehr sind diese Worte Glückwünsche, die denen zuteilwerden, die wagen, gemäß ihrer tiefsten Berufung zu leben: Gottes Liebe, in verschiedenen Lebenssituationen durchbuchstabiert, nachzuahmen.
Johannes Paul II. hatte vom Heiligsein etwas verstanden
So lässt sich das Hochfest „Allerheiligen“ nicht als Feier des Moralismus, sondern als Befreiung zum Wesentlichen begehen. Zu diesen „allen“ gehören nämlich nicht bloß die durch die Kirche Heiliggesprochenen, sondern alle unzähligen namenlosen Freunde Christi, darunter vielleicht unsere Angehörigen, auf deren Vollendung bei Gott wir hoffen. Und als Programm für flächendeckendes Heiligsein wagt das Evangelium – gerade angesichts der Brutalität der Welt – Haltungen der Milde zu proklamieren, welche die Fähigkeit besitzen, an dieser Brutalität etwas zu ändern. Allerdings geht es nicht darum, heute Zertifikate des bereits vollendeten Heiligseins zu erwerben; vielmehr kommt es aufs tägliche Heiligwerden mithilfe der Gnade an.
Entscheidend ist, dass unser Maßstab der himmlische Mensch bleibt und nicht etwa die vielbeschworene irdische „Lebenswirklichkeit“, deren Diktat eher aus Resignation angesichts des eigenen moralischen Scheiterns entspringt und zur Anpassung an die „konkreten Möglichkeiten“ auffordert. „Aber worin bestehen konkret die konkreten Möglichkeiten des Menschen? Und von welchem Menschen ist die Rede? Von dem Menschen, der von der Begierde beherrscht wird, oder von dem Menschen, der von Christus erlöst wurde?“ (Veritatis splendor, 103) – fragte einst ein inzwischen heiliggesprochener Nachfolger Petri. Papst Johannes Paul II. hat offensichtlich vom Heiligsein etwas verstanden und den Menschen die richtige Richtung gezeigt.
Offenbarung 7, 2–4.9–14
1 Johannes 3, 1–3
Matthäus 5, 1–12a
Zu den Lesungen des Hochfestes Allerheiligen 2026 (Lesejahr A)
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