Der Zölibat gilt vielen Menschen zunächst als Verzicht: auf Ehe, Partnerschaft, Sexualität und Familie. Pater Ambrosius Obermeier, Benediktiner im Dienst der Diözese Passau, erzählt eine andere Geschichte. Für ihn ist der Zölibat vor allem eine Lebensform der Freiheit und Hingabe – ein Weg, auf dem das Herz durch das Verschenken weiter werden kann. „Umso mehr ich Gott hingegeben, aber auch dann der Kirche und den Menschen hingegeben lebe, umso mehr ich mich verschenke, desto weiter, desto voller wird mein Herz.“
Für den Ordensgeistlichen, der in der Jugendarbeit tätig ist, beginnt die Geschichte des Zölibats lange vor der Frage, ob er auf Ehe und Partnerschaft verzichten möchte. Schon als Kind habe er gespürt, dass Gott ihn ruft: „Ich habe es schon als kleines Kind in meinem Herzen gespürt, und es hat mich nie losgelassen. Und nach vielem Hin und Her habe ich irgendwann mal Ja zu seinem Ruf gesagt – und ja, hier bin ich.“
Die Sehnsucht hinter dem Ruf
Hinter diesem Ruf stand für ihn eine tiefe Sehnsucht nach Gott – eine Sehnsucht, die in keiner äußeren Lebensform aufgehen konnte. Erst in der Beziehung zu Gott fand sie ihre eigentliche Richtung. Das Priestertum sei für ihn deshalb „mehr als ein Job“. Es gehe um eine „innere, exklusive Beziehung mit Gott“.
Der Zölibat erscheint in dieser Perspektive nicht als zusätzliche Bedingung für das Priestertum, sondern als Ausdruck der Berufung selbst. Sein zölibatäres Leben versteht Ambrosius als einen Weg, immer tiefer in die Liebe zu Gott und zum Nächsten hineinzuwachsen. Eine freie Entscheidung für Christus Heutzutage wird der Zölibat häufig als etwas verstanden, das man als Bedingung für das Priestertum hinnimmt. Pater Ambrosius empfindet diese Sichtweise als „eine tragische Verkehrung des Ganzen“.
„Jeder Zölibat sollte freiwillig sein“
Der Zölibat solle nicht etwas sein, das man eigentlich nicht wolle, aber für das Priestertum in Kauf nehme. Pater Ambrosius formuliert es bewusst provokant: „Jeder Zölibat sollte freiwillig sein.“ Jeder Weihekandidat unterschreibe vor der Weihe, dass er die Weihe mit den damit verbundenen Verpflichtungen aus freiem Willen empfange.
Der Zölibat könne nur „gut lebbar und erfüllt lebbar“ sein, wenn er aus einem tiefen inneren Ja dazu komme. Auf einer tieferen Ebene gehe es um die Frage, was Liebe bedeute. Das christliche Verständnis von Liebe setze der Selbstverwirklichung die Hingabe entgegen. Für Pater Ambrosius ist der Zölibat eine freie Entscheidung für Christus und ein Weg, sich der Kirche und den Menschen zu schenken. Seinen Weg mit Gott beschreibt Pater Ambrosius als ein großes Abenteuer: „Abenteuer im Sinn von der stetigen Suche nach dem Mehr des Lebens.“
Raum für Wachstum
Dieses Mehr sei das, was Gott einem noch bieten könne: seelisches und geistiges Wachstum und die Erfahrung, dass das Herz weit werden könne. „Der Zölibat ist für mich deswegen auch ein großer Rahmen von Freiheit, die es mir ermöglicht, ganz für Jesus zu leben, ganz für ihn da zu sein und mich auf dieses Abenteuer der immer größeren Tiefe des Lebens in Gott einlassen zu können.“ Diese Freiheit versteht Ambrosius nicht als Freiheit von Verantwortung oder Beziehungen, sondern als Freiheit für Christus, die Kirche und die Menschen. Wo er sich selbstvergessen verschenke, beginne er aufzublühen; dort wachse Liebe in ihm.
Dieses christliche Verständnis von Liebe gelte sowohl für die Ehe als auch für das zölibatäre Leben. Liebe entstehe nicht aus einem bloßen Nehmen, sondern aus einem Sich-Verschenken. In der ostkirchlichen Theologie sei ihm dafür der Ausdruck vom „gotthingegebenen“ oder „gottverschenkten Leben“ begegnet. Seine eigene Erfahrung beschreibt Ambrosius so: „Umso mehr ich Gott hingegeben, aber auch dann der Kirche und den Menschen hingegeben lebe, umso mehr ich mich verschenke, desto weiter, desto voller wird mein Herz.“
Ein Weg der Liebe
Der Zölibat ist für Pater Ambrosius ein Weg der Liebe: ein Weg, auf dem ein Mensch immer mehr lernt, was es bedeutet, sich selbst zu verschenken. Liebe besteht für ihn nicht darin, den anderen für die eigene Erfüllung verfügbar zu machen. Gerade darin liegt der Gegensatz zu jeder Form von Missbrauch. Wo der andere nicht mehr um seiner selbst willen geachtet wird, sondern zum Mittel für die eigene Befriedigung, Macht oder Bestätigung wird, ist Liebe fehlgeleitet.
Pater Ambrosius beschreibt diesen Verlust der eigentlichen Ausrichtung so: „Ein Aspekt von diesem ganzen komplexen Sachverhalt ist natürlich, dass ich nicht mehr für den anderen bin, und zwar selbstlos, sondern dass der andere für mich ist und dadurch zum Objekt wird.“ Der andere wird nicht mehr als freier und würdiger Mensch wahrgenommen, sondern für die eigenen Zwecke vereinnahmt.
Als Lebensform der Liebe soll der Zölibat das Herz nicht enger, sondern weiter machen. Wer sich verschenkt, lernt, die empfangene Liebe weiterzugeben. Ehe und Zölibat stehen für Pater Ambrosius nicht in Konkurrenz zueinander. Er beschreibt beide Berufungen als einander zugeordnet und als Lebensformen, die sich gegenseitig bereichern können: „Beide Lebensformen sind […] im Gesamten der Kirche, so glaube ich fest, aufeinander zugeordnet und können sich gegenseitig bereichern.“
Lebenslange Bekehrung
Trotz aller Freiheit spricht Pater Ambrosius auch von Anfechtungen, vom Ringen um die eigene Identität und von der Realität des Verzichts. Der Zölibat ist für ihn kein müheloser Zustand und keine Lebensform, in der alle Sehnsüchte und inneren Kämpfe verschwinden. Gerade darin liegt die Glaubwürdigkeit seines Zeugnisses. Pater Ambrosius stellt den Zölibat nicht als eine aus eigener Kraft vollkommene Lebensform dar. Er weiß um die eigene Begrenztheit und darum, dass sich diese Berufung nicht einfach durch Willenskraft verwirklichen lässt. Dass er sie dennoch als erfüllend erfahren kann, versteht er letztlich als Gnade: als Geschenk einer Beziehung zu Christus, die ihn trägt und immer wieder neu in seine Berufung hineinführt.

Der Lebensweg im Zölibat ist für ihn deshalb auch ein Weg der Bekehrung: die tägliche Bereitschaft, sich neu auf Christus auszurichten, die empfangene Liebe anzunehmen und das eigene Leben immer wieder neu in Gottes Hände zu geben. Der Zölibat muss deshalb täglich neu bejaht und gelebt werden.
Freiheit bedeutet nicht, dass Verzicht, Einsamkeit oder innere Kämpfe verschwinden. Sie bedeutet vielmehr, sich ihnen im Vertrauen auf Gott zu stellen und sich immer wieder neu zu ihm zu bekehren. „Möchtest du ein wirklich erfülltes Leben und das große Abenteuer der Freiheit Gottes erfahren, egal, ob verheiratet oder nicht verheiratet? Verschenke dich mutig selbst und Gott wird dein Herz um ein Vielfaches reicher, tiefer und weiter machen!“ Die Verfasserin studiert Journalistik & strategische Kommunikation an der Universität in Passau.
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