Angesichts des bevorstehenden Ratzinger-Gedenkjahrs 2027 bestehe einerseits die Gefahr einer hagiographischen Verklärung, insbesondere bei einem Papst, den manche bereits als Kirchenlehrer sehen würden, andererseits die der Abrechnung. Demgegenüber wolle das Ratzinger-Symposion an der Universität Wien Joseph Ratzinger als bedeutenden Theologen des 20. Jahrhunderts ausleuchten, meinte der Augsburger Dogmatiker Thomas Marschler zu Beginn. Mit der doppelten personellen Besetzung der unterschiedlichen Aspekte im theologischen Werk Ratzingers gelang es dem dreitägigen Symposion tatsächlich, die theologische Innovation und Inspirationskraft Ratzingers wie auch die theologische Kritik an ihm auszuleuchten.
Der Freiburger Dogmatiker Helmut Hoping zeigte, dass Offenbarung für Ratzinger kein metaphysischer, sondern ein zutiefst geschichtlicher Vorgang ist. Die Heilige Schrift sei das lebendige Zeugnis der Offenbarung, aber nicht einfach mit dieser identisch. Christus selbst sei im eigentlichen Sinne die Offenbarung, von der die Schrift Zeugnis gibt. Demgegenüber vermisste der Kölner Dogmatiker Magnus Lerch einen legitimen und nützlichen Ort der methodisch autonomen Vernunft in der Offenbarungstheologie. Ratzinger habe zwar den neoscholastischen Rationalismus für gescheitert erklärt und sich zugleich gegen den Relativismus gewandt, aber keine Lösung für die Auseinandersetzung mit der religiösen Indifferenz unserer Zeit geboten, so Lerch.
Ein innovativer Theologe
Joseph Ratzinger habe „die Aporien einer verengten Exegese“ aufgesprengt und sich mit seinem kontemplativen Schriftverständnis als „innovativer Theologe“ erwiesen, lobte der emeritierte Wiener Exeget Ludger Schwienhorst-Schönberger. Für Ratzinger sei die historisch-kritische Exegese für das Verständnis der Heiligen Schrift zwar notwendig, aber nicht hinreichend. Er habe einem mystischen Verständnis den Weg bereitet, das dem entspricht, was mit Inspiration, Illumination und Offenbarung gemeint ist.
Ratzinger habe eine Schriftauslegung mit Rücksicht auf die Einheit der ganzen Schrift eingefordert und für ein „kontemplatives Schriftverständnis im Rahmen eines kontemplativen Lebens“ geworben. Neben dem Studium der entsprechenden Sprachen sei ein tiefes geistliches Leben notwendig, „weil man die Schrift nur verstehen kann, wenn man sie lebt“, so Schwienhorst-Schönberger. Dagegen warf der evangelische Hamburger Exeget Eckhart David Schmidt Ratzinger vor, „dass er sich in der Exegese seiner Zeit nicht auskennt“.
Offenbarung werde bei Joseph Ratzinger nicht als erfassbare Lehre verstanden, sondern als umfassende Christuswirklichkeit, deren Adressat jeder Mensch in jeder Zeit der Kirche sei, so Thomas Marschler. Die Kirche sei das lebendige Subjekt der Tradition, das „gemeinsame Wir“, das eine Christusbegegnung auch heute ermöglicht. Das Lehramt stehe bei Ratzinger unter dem Wort Gottes, so der in Augsburg lehrende Priester und Dogmatiker beim Ratzinger-Symposion in Wien. Glaube sei hier persönlich verantwortete Zeugenschaft, insbesondere wo die amtliche Zeugenschaft einzelnen anvertraut wird. So komme Unfehlbarkeit zunächst dem Gottesvolk als Ganzem zu, allerdings habe Ratzinger die Gefahr gesehen, dass Gemeinden ihre religiöse Erfahrung über die Tradition der Kirche stellen. Gemeinde definiere sich aber „durch das Hineinglauben in das Ganze der Kirche“. DT/sba
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