Die nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzende Fremdherrschaft und Sowjetisierung waren dem bis dahin monarchischen, konservativen und katholischen Ungarn wesensfremd. Religions- und Versammlungsfreiheit wurden eingeschränkt, Familien massenweise deportiert, ein Überwachungsstaat mit Willkür, Terror und Schauprozessen etabliert. In dieser Gemengelage musste es wie ein Befreiungsschlag gewirkt haben, als nach dem Tod Stalins sein Statthalter Mátyás Rákosi abgesetzt wurde.
Doch nach der putschmäßigen Rückkehr von Rákosi 1955 war die Angst vor einer Restauration des Terrorregimes groß, Unsicherheit und Zweifel blieben. Erst Chruschtschow leitete im Februar 1956 den Entstalinisierungsprozess ein. Die Minen an den westlichen Landesgrenzen wurden abgebaut, die Internierungslager aufgelöst, politische Gefangene freigelassen. Die Hoffnungen dürften sich gesteigert haben, als der 1949 hingerichtete frühere Außenminister László Rajk am 6. Oktober wiederbestattet wurde. 100.000 Trauergäste machten die Beerdigung zu einer Großdemonstration gegen das Regime.
16 Forderungen
Nachdem am 21. Oktober Wladyslaw Gomulka im polnischen Oktober zum Generalsekretär bestellt worden war, glaubten viele Ungarn an einen Kommunismus mit menschlichem Antlitz oder noch besser an die Überwindung des Kommunismus selbst. In studentischen Versammlungen wurden am 22. Oktober Forderungen in 16 Punkten ausgearbeitet wie: Abzug der Sowjettruppen, Imre Nagy als Ministerpräsident, Mehrparteiensystem oder Presse-, Rede- und Meinungsfreiheit. Diese Forderungen wurden am Abend des 23. Oktober am ikonischen Bem-Platz vorgetragen.
Dort steht die Statue des polnischen Generals Józef Bem, der im ungarischen Vormärz 1848 aktiv auf Seiten Ungarns gegen die Habsburger kämpfte. Für die jungen Revolutionäre von 1956 war die Bezugnahme auf das geistige Erbe von 1848 unverkennbar. Offiziell als Solidaritätsadresse an das polnische Volk gedacht, entwickelte die Kundgebung schnell eine eigene Dynamik. Die Menge von mehr als 100 000 Personen zog zum Parlament und wollte Imre Nagy sehen. Der Politiker, eilig herbeigerufen, adressierte die Versammelten als „Genossen“, was diese sprach- und ratlos zurückließ.
Parallel hierzu machte sich eine andere Abordnung auf den Weg zum Radiosender, um ihre 16 Punkte verlesen zu lassen. Doch die berüchtigte Staatsschutzeinheit ÁVH beschoss die Gruppe mit scharfer Munition, die ersten Toten waren zu beklagen. Die Hardliner in Budapest riefen die Sowjets um Hilfe bei der „Wiederherstellung der Ordnung“. Danach gab es kein Halten mehr: Reguläre ungarische Truppenverbände schlossen sich den Aufständischen an.
Gemeinsame Sache mit den Sowjets
Imre Nagy wurde am 24. Oktober zum Ministerpräsidenten ernannt, unverhofft musste er sich sodann in einen bewaffneten Aufstand gegen den bisherigen „großen Bruder“ Sowjetunion begeben. Während er und seine Regierung gemeinsam mit dem Volk gegen den Besatzer und Unterdrücker kämpften, machten Staatsschutz und die regierende Partei gemeinsame Sache mit den Sowjets. Nachdem ÁVH-Einheiten am 25. Oktober mehrere Dutzend unbewaffnete Zivilisten kaltblütig erschossen, wurde auf Seiten der Aufständischen Vergeltung mit gefassten ÁVH-Männern geübt. Mittendrin kämpften mutige ungarische Bürger gegen die einrückenden Sowjettruppen.
Doch der Verrat nahm konkrete Formen an: Während die Sowjets sich in den letzten Oktobertagen zum Schein auf Verhandlungen über den Truppenrückzug einließen, bereiteten sie schon im Geheimen die moskautreuen Kommunisten auf die Zeit nach der Niederschlagung des Aufstands vor. Eine Gruppe um János Kádár, den späteren Generalsekretär, wurde in den ersten Novembertagen klandestin nach Moskau eingeflogen. Währenddessen positionierten sich sowjetische Panzer an den zentralen Verkehrsknotenpunkten von Budapest.
Die ungarische Verhandlungsführung um Verteidigungsminister Pál Maléter wurde in der Nacht auf den 4. November am sowjetischen Militärstützpunkt Tököl festgenommen, nachdem ihr zuvor noch am selben Ort mit einem Galadinner eine baldige Einigung über den Truppenabzug vorgegaukelt worden war. Vor Morgengrauen überrollten die Sowjetpanzer das noch schlafende Budapest. Die Aufständischen waren völlig unterlegen und mussten schnell aufgeben.
Imre Nagy befand sich in den frühen Morgenstunden des schicksalhaften 4. November im Parlament. Von hier setzte er seine später weltberühmt gewordene Radioansprache ab, in der er von der sowjetischen Militärinvasion sprach und die Weltöffentlichkeit um Hilfe bat. Doch nichts geschah. Zu sehr war man mit der Suezkrise befasst.
Noch am Morgen brachen Tausende Ungarn auf, um über das modrige Marschgebiet des Süd-Waasens in das rettende Burgenland zu gelangen. Erst wenige Wochen vorher wurden dort die letzten Minen entfernt. Der Ministerpräsident begab sich in die jugoslawische Botschaft, in der er bis zum 22. November blieb. Kardinal Mindszenty, erst in den letzten Oktobertagen freigelassen, musste Zuflucht in der US-amerikanischen Gesandtschaft suchen, die er erst 1971 verlassen konnte.

Imre Nagy selbst musste persönlich auf schicksalhafte Weise erfahren, dass den Sowjets nicht zu trauen war. Obwohl ihm freies Geleit zugesichert worden war, wurde er beim Verlassen des Gebäudes unmittelbar festgenommen und nach einem Schauprozess am 16. Juni 1958 hingerichtet. Verrat und doppeltes Spiel waren in diesen Revolutionstagen ein stetes Element: Nachdem Kádár und seine Gruppe wieder in Ungarn waren, setzte der gewiefte Taktiker eine Radiobotschaft aus dem ostungarischen Szolnok ab, in der er die Regierungsgeschäfte für sich reklamierte. Am 7. November wieder zurück in Budapest, blieb Kádár bis Mai 1988 Generalsekretär der ungarischen Kommunisten. Er wurde wider Erwarten zu einem volkstümlichen „Vater der Nation“, doch die Ereignisse von 1956 prägten ihn sehr.
Jahrzehnte verpönt
In der Geschichtspolitik war es lange Jahrzehnte verpönt, 1956 überhaupt in den Mund zu nehmen. Von der kommunistischen Staatsmacht einfach als „Konterrevolution“ benannt, wagte es erst Staatsminister Imre Pozsgay, der spätere Schirmherr des Paneuropäischen Picknicks, im Januar 1989 von einem Volksaufstand zu sprechen. Erst am 31. Jahrestag der Exekution, am 16. Juni 1989, wurden Imre Nagy und die mit ihm Hingerichteten feierlich neubestattet. An diesem Ereignis nahmen mehr als 200 000 Ungarn teil, das Staatsbegräbnis wurde Geburtsort eines neuen Ungarn. Imre Nagy und seine Gefährten wurden am 6. Juli 1989 auch juristisch rehabilitiert – in denselben Stunden starb der Verräter János Kádár, nur wenige Kilometer vom Gerichtsgebäude entfernt.
Nach der Wende stand zunächst die Person von Imre Nagy im Mittelpunkt, während einem parallelen Revolutionsnarrativ von den „Pester Jungs“ erzählt wurde, die oft ohne richtige Waffen und in völliger Unterlegenheit mutig den Kampf mit den sowjetischen Panzern aufnahmen. Beide Narrative sind richtig: Während die mutigen ungarischen Bürger einen heldenhaften Aufstand wagten, versuchte sich Imre Nagy vorsichtig durch das Dickicht diplomatischer und politischer Ränkespiele zu bewegen. Beide waren nur scheinbar erfolglos. Die Entwicklungen 1989 verhalfen den Idealen des Ungarnaufstandes von 1956 schließlich zum Sieg.
Der Autor leitet seit 2020 das Deutsch-Ungarische Institut für Europäische Zusammenarbeit. Im Oktober erscheint von ihm „Wege zum Paneuropäischen Picknick und zur Grenzöffnung 1989“ (Duncker & Humblot).
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