Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung 70 Jahre Ungarnaufstand

Panzer gegen die Freiheit

Der Aufstand in Ungarn 1956 wurde von der Sowjetunion blutig niedergeschlagen. Für das historische Selbstverständnis der Ungarn ist der Freiheitskampf bis heute zentral.
Budapest 1965
Foto: Imago/Cola Images | Sowjetische Panzer rollen durch die ungarische Hauptstadt Budapest.

Die nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzende Fremdherrschaft und Sowjetisierung waren dem bis dahin monarchischen, konservativen und katholischen Ungarn wesensfremd. Religions- und Versammlungsfreiheit wurden eingeschränkt, Familien massenweise deportiert, ein Überwachungsstaat mit Willkür, Terror und Schauprozessen etabliert. In dieser Gemengelage musste es wie ein Befreiungsschlag gewirkt haben, als nach dem Tod Stalins sein Statthalter Mátyás Rákosi abgesetzt wurde.

Lesen Sie auch:

Doch nach der putschmäßigen Rückkehr von Rákosi 1955 war die Angst vor einer Restauration des Terrorregimes groß, Unsicherheit und Zweifel blieben. Erst Chruschtschow leitete im Februar 1956 den Entstalinisierungsprozess ein. Die Minen an den westlichen Landesgrenzen wurden abgebaut, die Internierungslager aufgelöst, politische Gefangene freigelassen. Die Hoffnungen dürften sich gesteigert haben, als der 1949 hingerichtete frühere Außenminister László Rajk am 6. Oktober wiederbestattet wurde. 100.000 Trauergäste machten die Beerdigung zu einer Großdemonstration gegen das Regime.

16 Forderungen

Nachdem am 21. Oktober Wladyslaw Gomulka im polnischen Oktober zum Generalsekretär bestellt worden war, glaubten viele Ungarn an einen Kommunismus mit menschlichem Antlitz oder noch besser an die Überwindung des Kommunismus selbst. In studentischen Versammlungen wurden am 22. Oktober Forderungen in 16 Punkten ausgearbeitet wie: Abzug der Sowjettruppen, Imre Nagy als Ministerpräsident, Mehrparteiensystem oder Presse-, Rede- und Meinungsfreiheit. Diese Forderungen wurden am Abend des 23. Oktober am ikonischen Bem-Platz vorgetragen.

Dort steht die Statue des polnischen Generals Józef Bem, der im ungarischen Vormärz 1848 aktiv auf Seiten Ungarns gegen die Habsburger kämpfte. Für die jungen Revolutionäre von 1956 war die Bezugnahme auf das geistige Erbe von 1848 unverkennbar. Offiziell als Solidaritätsadresse an das polnische Volk gedacht, entwickelte die Kundgebung schnell eine eigene Dynamik. Die Menge von mehr als 100 000 Personen zog zum Parlament und wollte Imre Nagy sehen. Der Politiker, eilig herbeigerufen, adressierte die Versammelten als „Genossen“, was diese sprach- und ratlos zurückließ.

Parallel hierzu machte sich eine andere Abordnung auf den Weg zum Radiosender, um ihre 16 Punkte verlesen zu lassen. Doch die berüchtigte Staatsschutzeinheit ÁVH beschoss die Gruppe mit scharfer Munition, die ersten Toten waren zu beklagen. Die Hardliner in Budapest riefen die Sowjets um Hilfe bei der „Wiederherstellung der Ordnung“. Danach gab es kein Halten mehr: Reguläre ungarische Truppenverbände schlossen sich den Aufständischen an.

Gemeinsame Sache mit den Sowjets

Imre Nagy wurde am 24. Oktober zum Ministerpräsidenten ernannt, unverhofft musste er sich sodann in einen bewaffneten Aufstand gegen den bisherigen „großen Bruder“ Sowjetunion begeben. Während er und seine Regierung gemeinsam mit dem Volk gegen den Besatzer und Unterdrücker kämpften, machten Staatsschutz und die regierende Partei gemeinsame Sache mit den Sowjets. Nachdem ÁVH-Einheiten am 25. Oktober mehrere Dutzend unbewaffnete Zivilisten kaltblütig erschossen, wurde auf Seiten der Aufständischen Vergeltung mit gefassten ÁVH-Männern geübt. Mittendrin kämpften mutige ungarische Bürger gegen die einrückenden Sowjettruppen.

Doch der Verrat nahm konkrete Formen an: Während die Sowjets sich in den letzten Oktobertagen zum Schein auf Verhandlungen über den Truppenrückzug einließen, bereiteten sie schon im Geheimen die moskautreuen Kommunisten auf die Zeit nach der Niederschlagung des Aufstands vor. Eine Gruppe um János Kádár, den späteren Generalsekretär, wurde in den ersten Novembertagen klandestin nach Moskau eingeflogen. Währenddessen positionierten sich sowjetische Panzer an den zentralen Verkehrsknotenpunkten von Budapest.

Die ungarische Verhandlungsführung um Verteidigungsminister Pál Maléter wurde in der Nacht auf den 4. November am sowjetischen Militärstützpunkt Tököl festgenommen, nachdem ihr zuvor noch am selben Ort mit einem Galadinner eine baldige Einigung über den Truppenabzug vorgegaukelt worden war. Vor Morgengrauen überrollten die Sowjetpanzer das noch schlafende Budapest. Die Aufständischen waren völlig unterlegen und mussten schnell aufgeben.

Imre Nagy befand sich in den frühen Morgenstunden des schicksalhaften 4. November im Parlament. Von hier setzte er seine später weltberühmt gewordene Radioansprache ab, in der er von der sowjetischen Militärinvasion sprach und die Weltöffentlichkeit um Hilfe bat. Doch nichts geschah. Zu sehr war man mit der Suezkrise befasst.

Noch am Morgen brachen Tausende Ungarn auf, um über das modrige Marschgebiet des Süd-Waasens in das rettende Burgenland zu gelangen. Erst wenige Wochen vorher wurden dort die letzten Minen entfernt. Der Ministerpräsident begab sich in die jugoslawische Botschaft, in der er bis zum 22. November blieb. Kardinal Mindszenty, erst in den letzten Oktobertagen freigelassen, musste Zuflucht in der US-amerikanischen Gesandtschaft suchen, die er erst 1971 verlassen konnte.

József Kardinal Mindszenty
Foto: Imago/TT | József Kardinal Mindszenty (1892-1975), letzter Fürtprimas Ungarn, fand bis 1971 Asyl in der US-Botschaft in Budapest un wurde zur Symbolfigur.

Imre Nagy selbst musste persönlich auf schicksalhafte Weise erfahren, dass den Sowjets nicht zu trauen war. Obwohl ihm freies Geleit zugesichert worden war, wurde er beim Verlassen des Gebäudes unmittelbar festgenommen und nach einem Schauprozess am 16. Juni 1958 hingerichtet. Verrat und doppeltes Spiel waren in diesen Revolutionstagen ein stetes Element: Nachdem Kádár und seine Gruppe wieder in Ungarn waren, setzte der gewiefte Taktiker eine Radiobotschaft aus dem ostungarischen Szolnok ab, in der er die Regierungsgeschäfte für sich reklamierte. Am 7. November wieder zurück in Budapest, blieb Kádár bis Mai 1988 Generalsekretär der ungarischen Kommunisten. Er wurde wider Erwarten zu einem volkstümlichen „Vater der Nation“, doch die Ereignisse von 1956 prägten ihn sehr.

Jahrzehnte verpönt

In der Geschichtspolitik war es lange Jahrzehnte verpönt, 1956 überhaupt in den Mund zu nehmen. Von der kommunistischen Staatsmacht einfach als „Konterrevolution“ benannt, wagte es erst Staatsminister Imre Pozsgay, der spätere Schirmherr des Paneuropäischen Picknicks, im Januar 1989 von einem Volksaufstand zu sprechen. Erst am 31. Jahrestag der Exekution, am 16. Juni 1989, wurden Imre Nagy und die mit ihm Hingerichteten feierlich neubestattet. An diesem Ereignis nahmen mehr als 200 000 Ungarn teil, das Staatsbegräbnis wurde Geburtsort eines neuen Ungarn. Imre Nagy und seine Gefährten wurden am 6. Juli 1989 auch juristisch rehabilitiert – in denselben Stunden starb der Verräter János Kádár, nur wenige Kilometer vom Gerichtsgebäude entfernt.

Lesen Sie auch:

Nach der Wende stand zunächst die Person von Imre Nagy im Mittelpunkt, während einem parallelen Revolutionsnarrativ von den „Pester Jungs“ erzählt wurde, die oft ohne richtige Waffen und in völliger Unterlegenheit mutig den Kampf mit den sowjetischen Panzern aufnahmen. Beide Narrative sind richtig: Während die mutigen ungarischen Bürger einen heldenhaften Aufstand wagten, versuchte sich Imre Nagy vorsichtig durch das Dickicht diplomatischer und politischer Ränkespiele zu bewegen. Beide waren nur scheinbar erfolglos. Die Entwicklungen 1989 verhalfen den Idealen des Ungarnaufstandes von 1956 schließlich zum Sieg.


Der Autor leitet seit 2020 das Deutsch-Ungarische Institut für Europäische Zusammenarbeit. Im Oktober erscheint von ihm „Wege zum Paneuropäischen Picknick und zur Grenzöffnung 1989“ (Duncker & Humblot).

Katholischen Journalismus stärken

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Stärken Sie katholischen Journalismus!

Unterstützen Sie die Tagespost Stiftung mit Ihrer Spende.
Spenden Sie direkt. Einfach den Spendenbutton anklicken und Ihre Spendenoption auswählen:

Die Tagespost Stiftung-  Spenden

Jetzt die „Tagespost" abonnieren und nichts mehr verpassen.

Themen & Autoren
Bence Bauer Imre Nagy Josef Stalin Kardinäle Terrorismus

Weitere Artikel

Wie können seelische Leiden gelindert oder vielleicht sogar geheilt werden? Diese Frage diskutierten jüngst Referenten einer theologischen Tagung im österreichischen Gaming.
10.09.2026, 15 Uhr
Stefan Rehder

Kirche

Der Konflikt um die Neugestaltung des Altarraums der Basilika Weingarten geht in die nächste Runde: Neu aufgetauchte Unterlagen könnten die bisherigen Planungen infrage stellen.
23.10.2026, 14 Uhr
Meldung
Der Nationaldirektor scheidet nach nur wenigen Wochen aus gesundheitlichen Gründen aus. Die Arbeit für die Hilfsprojekte laufe dennoch ungehindert weiter.
22.10.2026, 14 Uhr
Meldung
Einer der 26 Passionisten, die im Spanischen Bürgerkriegt starben, ist der selige Justiniano Cuesta Redondo. Wegen eines Sprachfehlers wäre er zuvor fast kein Priester geworden.
23.10.2026, 05 Uhr
Claudia Kock