Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Buchrezension

Streifzug durch theologische Schatzkammern

Ein Sammelband sucht traditionsgemäße Wege zur missionarischen Kirche.
Subiaco heilige Höhle
Foto: imago stock&people | Kleines Kloster, weltweite Wirkung: In der „Heiligen Höhle“ bei Subiaco erprobte der heilige Benedikt die mönchische Lebensweise und legte damit das Fundament des abendländischen Mönchtums.

Wie kann die Kirche heute noch missionarisch sein, ohne sich selbst zu verleugnen und ohne dem Zeitgeist hinterherzulaufen? Genau in diese offene Wunde legt der Sammelband „Ich bin der Weinstock“ seinen Finger, der 2025 im EOS Verlag erschienen ist, herausgegeben von Kirchenhistoriker Mariano Delgado.

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Er nimmt die gegenwärtige Situation der Weltkirche zum Anlass, einen Blick zurück und nach vorn zu wagen: zurück auf die historischen Formen christlicher Sendung, nach vorn auf die spirituelle Haltung, die Mission überhaupt erst ermöglicht. Ein zeitgemäßes Thema: In seiner ersten Ansprache hatte Papst Leo XIV. dazu ermutigt, gemeinsam nach Wegen zu suchen, „wie wir eine missionarische Kirche sein können.“ 

Mission beginnt mit Verwurzelung

Der Anlass für diesen Band ist kein geringerer als die zunehmende Verunsicherung in weiten Teilen der Kirche: Die einen fordern mehr Anpassung, die anderen mehr Unterscheidung; manche sprechen von einem notwendigen „kulturellen Reset“, andere vom Verlust des eigenen Profils.

Delgado und seine Mitautoren suchen eine theologische Antwort, die nicht primär strukturell ist, sondern geistlich: Mission beginnt nicht mit Strategien, sondern mit Verwurzelung. So erklärt sich auch der Titel – eine Rückbesinnung auf das Johanneswort vom Weinstock (Joh 15, 5), das Wachstum und Fruchtbarkeit nur aus einer lebendigen Verbindung zu Christus verspricht.

Der Band umfasst eine Vielzahl von Stimmen aus verschiedenen theologischen Disziplinen. Die Spannbreite reicht von historischen Studien über die Missionsgeschichte der Orden bis hin zu gegenwartsbezogenen Reflexionen über die geistlichen Quellen christlicher Sendung. 

Mission früher und heute

Besondere Aufmerksamkeit verdient der Aufsatz Cyrill Schäfers OSB, der sich mit der missionarischen Spiritualität der frühen Benediktiner beschäftigt. Es handelt sich gleichsam um eine kleine theologische Schatzkammer, weil der Beitrag präzise herausarbeitet, warum die große Missionsgeschichte Europas eben nicht von Aktivismus lebte, sondern von einer Existenzform, die sich radikal auf Gott ausrichtete.

Die Benediktiner „missionierten“ nicht im modernen Sinn – sie gründeten Klöster, und aus diesen Orten der Stabilitas strahlte eine Anziehungskraft aus, die Kultur, Bildung und Glauben prägte.

Anregend setzt sich Paul Metzlaff mit der missionarischen Spiritualität des „Mission Manifest“ auseinander. Anders als die historische Perspektive der Benediktiner richtet Metzlaff den Blick auf die gegenwärtige Gestalt von Mission: Sie ist weniger ein strategisches Unterfangen als ein geistlicher Lebensstil, der alle Getauften in die Sendung einbezieht.

Mission durch Heiligkeit

Zugleich betont der Beitrag die ökumenische Dimension: Das Manifest ist katholisch verankert, öffnet sich jedoch für Impulse aus anderen christlichen Traditionen, die Mission als geistliche Praxis und Jüngerschaft verstehen. Die Stärke des Beitrags liegt gerade darin, dass er Mut zur Evangelisierung und geistliche Erneuerung verbindet, ohne die Tiefe der katholischen Tradition zu verwässern.

So ergänzt er die historische Perspektive des Sammelbands um eine zeitgenössische, praxisnahe Dimension von Mission, die zum Nachdenken und Handeln zugleich anregt und mit den Grundlagen von Synodalität in Verbindung bringt. Es ist der vielleicht unbequemste, aber zugleich inspirierendste Gedanke des Buches: Mission geschieht zuerst durch Heiligkeit.

Gerade für Leser, die angesichts kirchlicher Reformdebatten eine Verwässerung katholischer Identität befürchten, bietet dieser Beitrag ein wohltuendes, weil nüchternes Gegengewicht. Er erinnert daran, dass die großen missionarischen Aufbrüche nie aus organisatorischen Kraftakten entstanden, sondern aus Orten der Sammlung, des Gebets und der Treue zum Evangelium.

Vielschichtige Perspektiven 

Delgado selbst zeichnet in seiner Einleitung die gegenwärtige Lage der Weltkirche mit hoher Sensibilität nach – ohne Alarmismus, aber auch ohne Illusionen. Er spricht von „missionarischer Spiritualität“ als einer doppelt gerichteten Bewegung: hin zu Gott und hin zur Welt. Wer das eine ohne das andere betont, verliert den inneren Zusammenhang.

Die Beiträge des Bandes zeigen dann je auf eigene Weise, wie diese doppelte Bewegung in Geschichte und Gegenwart verstanden wurde: in der franziskanischen Weltzugewandtheit, im ignatianischen Sendungsbewusstsein, in der caritativen Mission der neuzeitlichen Frauenorden oder in der ökumenischen Öffnung mancher Missionsgesellschaften der Moderne. Auch protestantische Perspektiven fehlen nicht, was dem Band eine erfreuliche Weite verleiht, ohne seine katholische Grundhaltung aufzugeben.

Geistliche Grundhaltung, die Kirche zu Kirche macht

Besonders wohltuend ist, dass die Autoren nicht in die Falle eines rein funktionalen Missionsbegriffs tappen. Es geht ihnen nicht um „kirchliches Wachstum“, sondern um die geistliche Grundhaltung, die Kirche überhaupt erst zu Kirche werden lässt. Der Band liest sich deshalb – trotz seines akademischen Profils – an vielen Stellen wie ein stilles geistliches Buch. Er gibt Impulse, die nicht nur für Theologen, sondern auch für Priester, Ordensleute und engagierte Laien fruchtbar sind.

„Ich bin der Weinstock“ ist kein Buch, das mit provokanten Thesen Schlagzeilen machen will. Es ist ein Buch, das mit theologischer Tiefe und historischer Weite eine Frage aufnimmt, die im katholischen Raum oft zu kurz kommt: Wie sieht Mission aus, wenn sie nicht durch Programme, sondern durch Spiritualität getragen wird?

Das „Warum“ der Mission neu durchdenken

Dieser Sammelband ist kein Werkzeugkasten für missionarische Innovationen, sondern eine geistliche Standortbestimmung für eine Kirche, die um ihre Zukunft ringt. Besonders der Beitrag über die benediktinische Missionsspiritualität macht deutlich: Die Kirche gewinnt ihre missionarische Kraft nicht durch Anpassung, sondern durch Verwurzelung.

Wer das „Warum“ der Mission neu durchdenken möchte und wer eine theologische Vertiefung sucht, die weder modisch noch nostalgisch ist, findet in diesem Band eine anspruchsvolle, aber sehr lohnende Lektüre.


Mariano Delgado (Hg.): Ich bin der Weinstock. Formen missionarischer Spiritualität EOS Verlag, Sankt Ottilien 2025, 304 Seiten, EUR 29,95

Die Rezensentin ist promovierte Theologin und bloggt.

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