Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?“ Mit dieser Frage konfrontiert im kommenden Sonntagsevangelium ein pharisäischer Gesetzeslehrer Jesus. Dieser hat zuvor die Sadduzäer „zum Schweigen gebracht“ (Mt 22, 34). Matthäus sagt ausdrücklich: Die Pharisäer wollen Jesus „versuchen“, das heißt, ihm eine Falle stellen. Diese besteht darin, Jesus als Gesetzesbrecher zu überführen, sollte er ein Gebot herausheben und ein anderes relativieren. Doch der Versuchte entzieht sich der List, indem er als frommer Jude eine klassische Antwort gibt: Er zitiert das Sch’ma Israel (Dtn 6, 5) und sodann das Liebesgebot aus Levitikus 19, 18. Zunächst: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken.“ Das bedeutet, Gott mit allen Facetten des Menschseins zu lieben, ihm das ganze Leben hinzugeben. In Levitikus 19 heißt es: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Jesus gibt eine klassisch-rabbinische Antwort. Indem er Deuteronomium 6, 5 und Levitikus 19, 18 miteinander verknüpft, bedient er sich des anerkannten Auslegungsprinzips der Analogie aufgrund gleicher Begriffe. Auch die Hierarchisierung von Geboten ist eine verbreitete Praxis. Der Gesetzeslehrer, der Jesus „versuchen“ wollte, wird so mit seinen eigenen Waffen geschlagen, denn Jesus sagt lediglich, was der Fragesteller selbst hätte kennen müssen.
Begriffspaar „Gesetz und Propheten” ist die Zusammenfassung
Die Goldene Regel, in der die ganze Tora zusammengefasst ist, geht bereits auf Rabbi Hillel zurück, war also bereits etabliert. Und doch: Jesus bringt durchaus etwas Neues, indem er die Nächstenliebe durch die untrennbare Verknüpfung mit der Gottesliebe verbindet. Jesus möchte die Menschen wieder auf den Kern fokussieren, ohne die Tora aufzuheben. Deshalb schließt er: „An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ Das Begriffspaar „Gesetz und Propheten“ ist die Zusammenfassung des Alten Testaments.
Die erste Lesung aus dem Bundesbuch (Ex 22,20–26) zeigt, was Nächstenliebe konkret bedeutet: Fremde nicht ausbeuten, Witwen und Waisen nicht bedrängen, keine Zinsen fordern, den Mantel als Pfand noch am selben Tag zurückgeben. Diese Gebote entspringen der Barmherzigkeit Gottes: „Wenn er zu mir schreit, höre ich es, denn ich habe Mitleid.“ Das Doppelgebot der Liebe als hermeneutischer Schlüssel des Schriftverständnisses hat weitreichende Folgen: Es verwandelt auch die Zehn Gebote in eine Beziehungssache: Wer jemanden liebt, tut alles, um ihn nicht zu verletzen. Die Liebesbeziehung des Menschen zu Gott wird in den ersten drei, die Nächstenliebe in den weiteren sieben Geboten konkretisiert. Nach ihnen zu leben, ist die „größere Gerechtigkeit“ der Bergpredigt und gelebte Jüngerschaft.
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