Diese Arche Noah ist rund. Manche Kinder sehen darin ein UFO, andere einen Donut oder Bagel. Tatsächlich verweist ihre Form auf alte mesopotamische Überlieferungen von einem runden Flutboot. Entworfen wurde sie vom amerikanischen Architektur- und Ausstellungsbüro Olson Kundig aus Seattle. Aber kaum ein Kind - sie sind die eigentliche Zielgruppe - dürfte sich lange mit der Architektur beschäftigen. Denn überall warten Tiere.
Das ANOHA in Berlin ist eine Entdeckung für jede Familie: die Arche-Kinderwelt des Jüdischen Museums auf der anderen Straßenseite des Museums in der ehemaligen Blumengroßmarkthalle in Kreuzberg. Fast eine halbe Million Besucher konnte das Haus inzwischen begrüßen. Der Eintritt ist frei. Rund neun Millionen Euro Bundesmittel flossen in Bau und Ausstellung, weitere Gelder kamen durch Spenden hinzu.
Bevor man in das Innere gelangt, muss man wie am Flughafen durch eine Sicherheitsschleuse gehen, und das Gepäck wird kontrolliert. Drinnen empfangen Museumsmitarbeiter die Gäste und erklären ein paar Besonderheiten. Erwachsene ziehen die Schuhe aus oder benutzen Überzieher - Kinder dürfen nur in Rutsche-Socken rein. Dann kann das Abenteuer beginnen.
Zunächst geht es durch einen abgedunkelten Raum, an dessen Wänden Regen und Wasser zu sehen sind. Das führt unmittelbar zur Geschichte, um die sich hier alles dreht: die Sintflut und die Arche Noach aus der Tora. Danach öffnet sich die große Halle - und mitten darin steht eine riesige Arche aus Holz. Sieben Meter ist sie hoch, 28 Meter misst sie im Durchmesser. Doch sie sieht überhaupt nicht so aus, wie man sich ein Schiff aus biblischer Zeit vorstellen würde.
Elefant, Mammut und Kakerlake
Das Ganze ist schon für Erwachsene sehenswert. Die riesige Holzkonstruktion steht frei in einer Halle aus Beton. Der ehemalige Blumengroßmarkt wurde 1963 nach Plänen des Berliner Architekten Bruno Grimmek errichtet. Olson Kundig setzte die Arche wie ein Haus in die vorhandene Großmarkt-Halle. Die umgebende Architektur blieb dabei erkennbar. Die eingesetzten Materialien wurden bewusst gewählt. Für die Konstruktion verwendete man vor allem Holz aus heimischen, nachwachsenden Rohstoffen. Auf eine aufwendige Vollklimatisierung wurde weitgehend verzichtet; die Halle wird überwiegend natürlich be- und entlüftet. Nachhaltigkeit sollte schon beim Bau eine Rolle spielen. Es geht schließlich um die Arche Noah.
150 Tierskulpturen aus wiederverwendeten Materialien sind inzwischen auf der Arche versammelt. Da gibt es Elefanten und Eisbären, Pinguine, Katzen, Hühner, Mäuse, ein Mammut, einen Orang-Utan, einen Nacktmull und sogar eine Kakerlake. Auch ein Einhorn ist an Bord. Die Tiere wirken auf den ersten Blick erstaunlich lebendig. Erst wenn man näher herantritt, erkennt man ihre Zusammensetzung. Sie wurden aus Fundstücken, alten Gebrauchsgegenständen und wiederverwerteten Materialien gebaut. Da werden Schuhlöffel zu Ohren, Behälter zu Körpern oder ausgediente Gegenstände zu Beinen und Köpfen. Besonders schön ist die Aufgabe, herauszufinden, was sich in einem Tier alles versteckt. Die Plastiken stehen in der Tradition der Assemblage, bei der vorgefundene Dinge aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang genommen und neu zusammengesetzt werden.
Der 1,80 Meter große Orang-Utan entstand unter anderem aus einem Korbsessel, zusammengerollten Sisalteppichen, einem Basketball und Holzperlen. Für das drei Meter hohe Mammut wurden Schiffsruder, Fischernetze und sogar Stoßstangen eines VW Käfers verwendet. Eine winzige Kakerlake besteht aus einem alten Löffel, Nägeln und Stecknadeln. Diese Tiere sind kleine Kunstwerke, aber keineswegs zum ehrfürchtigen Anschauen gedacht. Man darf sie anfassen und darf mit ihnen spielen. Das unterscheidet ANOHA von anderen Museen.
Anfassen ausdrücklich erlaubt
Kinder kriechen durch eine riesige Schlange, klettern auf Tiere oder rutschen über eine Giraffe. Andere Tiere werden mit Bällen gefüttert oder gepflegt. Auf einem Faultier kann man sich ausruhen. Und es gibt immer wieder etwas zu entdecken, weil die Materialien, aus denen die Tiere gebaut wurden, sichtbar geblieben sind. Die ersten Entwürfe der Tierskulpturen stammen von Olson Kundig selbst. Gebaut und weiterentwickelt wurden sie in Berlin von der Firma kubix zusammen mit Künstlerinnen und Künstlern. Anne Metzen hatte die künstlerische Leitung bei der Entwicklung der Tierskulpturen. Auch Klang, Film und Illustrationen gehören zur Ausstattung. Wolfram Spyra entwickelte die Soundgestaltung und interaktive Klanginstallationen, Dieter Braun Wandillustrationen.
Am meisten beglückt die Kinder offenbar, dass sie hier nicht ständig ermahnt werden, Abstand zu halten. Es gibt keine Vitrinen und kaum Absperrungen. Stattdessen Werkbänke, Rutschen, Klettergelegenheiten und Wasser. Besonders beliebt ist die Wasserstrecke. Die Kinder können aus verschiedenen Materialien kleine Boote bauen und anschließend ausprobieren, ob sie tatsächlich schwimmen. Auf einer 14 Meter langen Wasserbahn werden sie durch Schleusen geschickt und müssen sich schließlich bei einer kleinen Sintflut bewähren. Das Museum nennt dieses Prinzip „Hands-On - Minds-On“. Der pädagogisch klingende Begriff beschreibt, was hier passiert. Kinder sollen Dinge selbst herausfinden. Viele von ihnen können noch gar nicht lesen, lange Erklärungstafeln würden wenig nützen. Die Arche funktioniert deshalb über Bewegung und Neugier. „ANOHA, das ist ein ganzes Haus für eine Geschichte - die Geschichte der Arche Noah“, sagte die Leiterin des Kindermuseums Ane Kleine-Engel. Kinder sollten diese Geschichte in ihre eigene Lebenswelt übertragen und weiterentwickeln.
Eine Geschichte aus der Tora
Hinter dem Spiel steht die Erzählung von Noach aus dem ersten Buch der Tora. Gott sieht die Gewalt und Verderbtheit der Menschen und schickt eine große Flut. Noach soll eine Arche bauen, seine Familie und die Tiere retten. Nach der Flut schließt Gott einen Bund mit ihm. Der Regenbogen wird zum Zeichen dieses Bundes. Die Geschichte kennen Christen als Erzählung von Noah und seiner Arche. Flutgeschichten gibt es auch in anderen Religionen. Das Jüdische Museum greift diese verschiedenen Überlieferungen bewusst auf. Im Zentrum bleibt jedoch die Geschichte aus der Tora.
ANOHA macht daraus keinen Religionsunterricht. Es geht um Fragen, die sich aus der alten Geschichte ergeben. Wie gehen Menschen mit Tieren um? Was passiert mit unserer Umwelt? Was ist schützenswert? Und was kann jeder selbst tun? Dabei spielt ein Begriff aus der jüdischen Tradition eine wichtige Rolle: Tikkun Olam, wörtlich „die Welt reparieren“. Dahinter steht im ANOHA die Aufforderung, über das eigene Handeln nachzudenken und Verantwortung zu übernehmen.
Das erklärt auch, warum die Tiere aus alten Materialien gebaut wurden. Ein ausgedienter Gegenstand muss nicht im Müll landen. Bei der Auswahl der Tiere wird die biblische Geschichte frei behandelt. Sie stehen nicht paarweise auf der Arche. Neben beliebten Tieren gibt es solche, vor denen sich Kinder vielleicht ekeln oder fürchten. Der Nacktmull darf ebenso mit wie die Kakerlake oder die Maus und Ratte. Das Mammut erinnert an bereits ausgestorbene Arten, Eisbär und Orang-Utan an heute bedrohte Tiere. Die Museumspädagogen können daran Gespräche über Umwelt, Artensterben, Fremdheit und Toleranz anknüpfen.
Die Idee für dieses ungewöhnliche Kindermuseum entstand nicht ausschließlich in Berlin. Ein wichtiges Vorbild war „Noah’s Ark“ im Skirball Cultural Center in Los Angeles. Auch dort wird die Geschichte der Arche mit Tieren aus wiederverwendeten Materialien erzählt.
Ein Ort, der irgendwo zwischen Museum und riesigem Spielraum
Ein Kinderbeirat begleitete mit 20 Mädchen und Jungen aus sechs Berliner Grundschulen die Entstehung. Sie testeten geplante Installationen und brachten eigene Vorstellungen ein. Damit wurde schon vor der Eröffnung ausprobiert, was später zum Grundprinzip des Hauses werden sollte: Erwachsene geben nicht alles vor. Das Ergebnis ist ein Ort, der irgendwo zwischen Museum und riesigem Spielraum liegt. Gerade die Tiere machen den besonderen Reiz aus. Man kann auf ihnen herumklettern. Beim zweiten Blick entdeckt man, aus welchen Dingen sie gebaut wurden. Und irgendwann stellt sich vielleicht die Frage, warum ausgerechnet eine Kakerlake auf die Arche durfte.
So kommt man der biblischen Geschichte näher, ohne dass sie einem erklärt werden muss. Man kann rutschen, klettern, Boote bauen, Tiere untersuchen oder sich einfach irgendwo verstecken. Und nebenbei entdeckt man, dass in einer alten Stoßstange noch ein Mammut stecken kann.
ANOHA - Die Kinderwelt des Jüdischen Museums Berlin befindet sich am Fromet-und-Moses-Mendelssohn-Platz 1 in Berlin-Kreuzberg. Das Museum richtet sich vor allem an Kinder im Kita- und Grundschulalter. Der Eintritt ist frei. Für den Besuch wird ein Zeitfenster-Ticket empfohlen.
Der Autor ist Historiker und schreibt zu Kunst und Kultur.
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