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Hexerei für Augen und Ohren: Klingende KI im Museum

Welche Rolle spielt die künstliche Intelligenz in der Kunst der Zukunft? Das Künstlerkollektiv Holly Herndon und Mat Dryhurst präsentiert KI - Klanginstallationen.
Die KI hilft, der Mensch entscheidet: In Düsseldorf wirken Künstler und Maschinen gemeinsam an bildmächtigen und klangvollen Performances.
Foto: Holly Herndon & Mat Dryhurst | Die KI hilft, der Mensch entscheidet: In Düsseldorf wirken Künstler und Maschinen gemeinsam an bildmächtigen und klangvollen Performances.

Das Düsseldorfer Museum K21 zeigt Gegenwartskunst der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Fragen unserer Zeit als Kunstwerke: Der Betrachter selbst ist gefordert – und der Zuhörer auch. Die visuell-akustische Ausstellung „Starmirror“ ist ein passendes Beispiel für eine Kunstschau, die Tendenzen der Zeit nicht nur inhaltlich aufnimmt, sondern auch technisch. Gezeigt werden Werke des britischen Klangkünstlers Mat Dryhurst (*1984) und der aus Tennessee stammenden Komponistin Holly Herndon (*1980). Als Duo haben sich die in Berlin lebenden Kreativen, die im Flyer der Ausstellung ausdrücklich auch als Technologen bezeichnet werden, der Arbeit mit künstlicher Intelligenz verschrieben. Die Kontrolle über den Entstehungsprozess genuin menschlicher Hervorbringungen wollen sie der Technik nicht überantworten – ganz im Gegensatz zu einigen anderen Projekten, wo die KI schon Herrschaft dokumentiert.

Ein KI-Chor entsteht

Stattdessen werben sie für eine gemeinsame Kunstproduktion von Mensch und Maschine. Das zentrale Werk der Düsseldorfer Ausstellung ist ein Zeugnis eben dieser Idee: Die gemeinsam mit dem Architekturbüro sub geschaffene, aus Eschenholz und Stahlmontageplatten bestehende Klanginstallation trägt den Titel „The Ladder“ und präsentiert sich raumfüllend mit einer an modernen Sakralbau erinnernden Architektur. Titel und Aufbau wirken assoziativ und dieses Gefühl von Beziehungsreichtum steigert sich noch bei der folgenden Hörerfahrung: Chorwerke von William Byrd und Thomas Tallis erklingen neben Kompositionen von Herndon und Dryhurst und solchen, die mit Hilfe künstlicher Intelligenz entstanden.

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Es handelt sich hier um ein interaktives Projekt, die Installation ist gleichermaßen Hör- und Aufnahmeumgebung; Besucher sind dazu eingeladen, gemeinsam mit lokalen Chören an öffentlichen Gesangsaufnahmen teilzunehmen und somit an einem Datensatz mitzuarbeiten, der von den Künstlern zur Erstellung eines KI-Chors genutzt wird. Auf diese Weise versuchen die Künstler, ihren Anspruch eines Dialogs zwischen Mensch und Technik einzulösen, doch bleibt die – zum gegenwärtigen Zeitpunkt wohl noch kaum zu beantwortende – Frage bestehen, wem in diesem Prozess eigentlich künstlerische Autorschaft zukommt: Bleibt sie bei Herndon und Dryhurst, die den konzeptionellen Rahmen bestimmen? Oder verschiebt sie sich durch die Beteiligung des Chors und der KI zumindest teilweise auf diejenigen, die an der Hervorbringung des Werkes mitwirken?

Der Besucher wird ernst genommen

Was an dieser Ausstellung zumal positiv auffällt, ist der Verzicht auf vollständige Erklärung. Gewiss wird über Hintergründe der Entstehung und der verwendeten Materialien informiert, doch bleiben inhaltliche Erläuterungen aus. Das ist eine bemerkenswerte und mutige Entscheidung in einer Zeit, die fortwährend auf Vereindeutigung setzt und der Kunst immer weniger Raum für Mehrdeutigkeit lässt. Man vertraut dem Einfühlungsvermögen der Besucher und dem assoziativen Potenzial der ausgestellten Werke, die verschiedene Deutungswege erlauben. Zwar steht im Zentrum von „The Ladder“ tatsächlich eine leiterartige Konstruktion, doch erweckt diese im Kontext des an Sakralräume erinnernden Aufbaus sogleich die Erinnerung an Aufstieg, konkreter vielleicht an die Jakobsleiter der Genesis. Dazu passt es, dass das partizipative Chorprojekt ein Liederbuch anführt, das auf dem Moralitätenspiel „Ordo virtutum“ der Hildegard von Bingen basiert, einem geistlichen Spiel über den Kampf um die menschliche Seele.

Mit solchen Allusionen an spezifische Bilder und Erzählungen sperren sich Herndon und Dryhurst gegen eine allzu starke Abstraktion, die keinen strukturierten Interpretationsrahmen mehr zulässt, und andererseits gegen eine kunstfremde Eindeutigkeit. Ihr Dialog mit der Kunst der Vergangenheit ist dabei für die Interpretation der Werke besonders interessant und stärkt ihren Versuch, die Kunst nicht mittels KI neu zu beginnen, sondern anzuknüpfen an Vorgefundenes. Zweifelsohne stellt dies wiederum vor neue Fragen: Was gewinnen und was verlieren menschliche Hervorbringungen, wenn sie mit KI verbunden werden? Was geschieht mit humaner Kunst im immer technischeren Zeitalter? Die Düsseldorfer Ausstellung gewährt einen Ausblick auf eine mögliche Form der Kunst der Zukunft, in der die Vergangenheit gegenwärtig bleibt. Und das ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr.

Die Ausstellung „Starmirror“ im Düsseldorfer K21 ist bis zum 11. Oktober 2026 zu sehen.


Der Autor ist promovierter Musikwissenschaftler und Dramaturg.

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Fabian Bell Hildegard von Bingen

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