Der Rundgang durch die kommende Spielzeit startet in Nordrhein-Westfalen, dem Bundesland mit der größten Zahl an Mehrspartentheatern und Schauspielhäusern. In Düsseldorf beginnt die Intendanz von Andreas Karlaganis mit einer Neuinszenierung des „Prinz Friedrich von Homburg“ von Heinrich von Kleist (Premiere am 18. September 2026) unter der Regie von Ulrich Rasche, der in der Vergangenheit mit Aufführungen von klassischen wie zeitgenössischen Stücken auf sich aufmerksam machen konnte und auch als Bühnenbildner agiert. Der gebürtige Bochumer spaltet die Kritiker, seine Inszenierungen werden begeistert angenommen und stark kritisiert; solches Polarisieren erzeugt die Spannung, die das Theater braucht.
Etwas weiter den Rhein herunter ist man unterdessen schon in der vergangenen Saison in eine neue Intendanz gestartet: Das Schauspiel Köln unter der künstlerischen Leitung von Kay Voges versteht sich als „Medienhaus“ und nimmt für sich in Anspruch „faktenbasiertes“ Theater zu bieten. Das klingt für sich genommen schon merkwürdig, lebt Kunst doch vom Spiel mit dem Schein; Köln geht aber noch weiter, arbeitet mit dem Recherchenetzwerk Correctiv zusammen und plädiert für eine enge Verzahnung von Bühne und Digitalität. Daraus resultieren Projekte, die man bei wohlwollender Betrachtung als „engagiert“ beschreiben könnte, die andererseits aber auch reizlos werden, weil Spiel und Schein dem Wunsch nach Authentizität zum Opfer fallen. Entsprechend pädagogisch tritt das Haus auf, möchte „demokratische Werte“ vermitteln und verliert das Theater aus den Augen. Bedauerlicherweise begegnet dieses Phänomen mal mehr, mal weniger ausgeprägt auf vielen Bühnen.
Therapie mit Folgen
Das Schauspielhaus Bochum feiert am 02. Oktober 2026 die Premiere einer Bühnenfassung von „A Clockwork Orange“. Das zum Kultbuch avancierte Werk des englischen Autors Anthony Burgess handelt um den hochintelligenten Jugendlichen Alex, der die Musik Beethovens liebt, andererseits aber gemeinsam mit einigen Gleichaltrigen raubend und prügelnd durch die Lande zieht, schließlich inhaftiert wird und sich einer in Erprobung befindlichen Therapie unterziehen soll – mit gravierenden Folgen.
In Frankfurt widmet man sich unterdessen zwei Klassikern des amerikanischen Dramas, welche die Spielzeit wie eine Klammer umschließen: Eugene O’Neills erst zur posthumen Veröffentlichung vorgesehenes Stück „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ wird ab dem 03. Oktober zu sehen sein. Das mit biographischen Anleihen durchsetzte Werk wird von dem jungen Regisseur Max Lindemann inszeniert, der sich in der zurückliegenden Spielzeit mit Tennessee Williams „Süßer Vogel Jugend“ schon einmal einem der wichtigsten amerikanischen Dramatiker gewidmet hat. Mit dem Ausklang der Spielzeit gibt Regisseur Adrian Figueroa sein Hausdebüt mit Arthur Millers wohl bekanntestem Stück, dem „Tod eines Handlungsreisenden“. Man darf gespannt sein, wie der Regisseur, der auch dokumentarische Ansätze verfolgt, die Geschichte um Willy Loman inszenieren wird.
Ein Stück Land in Oldenburg
Am Theater Bremen wird sich der künftige Intendant Armin Petras mit einer Neuproduktion von Tschechows „Die Möwe“ (Premiere am 30. Januar 2027) vorstellen, die er als „Fest der Kunst und des Theaters“ versteht und in der Liebe und Kunst als Hoffnungsschimmer erscheinen.
Die recht dünn besiedelte niedersächsische Theaterlandschaft verfügt mit dem Oldenburgischen Staatstheater über eine Bühne, die seit dem Amtsantritt der neuen Schauspielleitung 2024/2025 ein spannungsreiches Programm vorlegt. In der kommenden Saison wird das Haus als Auftragswerk ein neues Stück der österreichischen Dramatikerin Miriam Lesch zur Uraufführung bringen (Premiere am 26. September 2026). „Ein Stück Land“ handelt um drei Geschwister, die den elterlichen Bauernhof erben und sich fragen, wie mit dem Landbesitz umgegangen wird: Soll man den Hof weiter betreiben, ihn touristisch umbauen oder doch an Renaturierung denken? Der innerfamiliäre Konflikt nimmt gegenwärtige Debatten auf, arbeitet aber abseits davon auch mit einer zusätzlichen Ebene, kommen doch hier auch frühere Besitzergenerationen und die Tiere des Hofs zu Wort. Diese dramatische Erweiterung lässt annehmen, dass hier nicht allein politisch, sondern auch ästhetisch über die ökologischen Fragen verhandelt wird und Lesch keine eindeutige Antwort zu geben scheint. Sollte die damit aufscheinende Ambiguität eingelöst werden, dürfte es ein sehr anregender Theaterbesuch werden.
Das Deutsche Schauspielhaus Hamburg widmet sich mit Ödön von Horvaths „Glaube, Liebe, Hoffnung“ einem Stück, das von seinem Autor als „kleiner Totentanz“ beschrieben wurde. Der tragische Stoff um Elisabeth, eine junge Frau, die ob einer Geldstrafe und des damit verbundenen sozialen Abstiegs zu allem bereit ist, um ihre Existenz zu retten und sich nur immer tiefer in ihr persönliches Unglück stürzt. Die Inszenierung dieses Dramas übernimmt die erstmals in Hamburg arbeitende Slowenin Mateja Koležnik, die zuletzt am Schauspielhaus Bochum für Aufsehen sorgte. Ihre an den Schauspielern orientierte Regiehandschrift dürfte ob des personalen Bezugs des Stückes von Horvaths für eine besondere Intensität einstehen.
Bitterkomisches Panorama in Berlin
Yasmina Reza wurde berühmt mit „Der Gott des Gemetzels“, einem schwarzhumorigen Kammerstück, das in der Verfilmung mit Christoph Waltz und Kate Winslet zahlreiche Auszeichnungen gewinnen konnte. Das Berliner Ensemble wird nun die deutschsprachige Erstaufführung der Bühnenfassung ihres Romans „Glücklich die Glücklichen“ verantworten (Premiere am 11. September 2026). Das 2014 erschienene Werk widmet sich – wie es Reza immer wieder tut – der bürgerlichen Welt und ihren Eigenheiten und verspricht ein „bitterkomisches Panorama der Liebes- und Ehegeschichten“ in der besseren Pariser Gesellschaft. Regie führt der Intendant des Hauses, Oliver Reese, der sich dem Schaffen Rezas bereits in der Produktion von „Kunst“ gewidmet hat. Zu den Klassikerproduktionen des Berliner Ensembles zählt 2026/2027 auch „Hamlet“ (Premiere am 05. November 2026), der von Ersan Mondtag vor allem mit Blick auf die selbstzerstörerische Kraft des Titelprotagonisten inszeniert wird. Der Regisseur, der auch das Bühnenbild entwerfen wird, war zuletzt für den deutschen Pavillon der Kunstbiennale in Venedig tätig und konnte mit seinen bildstarken Produktionen in den vergangenen Jahren zahlreiche Auszeichnungen gewinnen.
Große Namen am Burgtheater
Das Staatstheater Stuttgart präsentiert ab dem 06. Februar 2027 mit „Die Jäger im Schnee“ von Clemens J. Setz den Abschluss einer Trilogie des Autors für die Schauspielsparte des Hauses. Der Titel ist einem Gemälde Pieter Bruegels des Älteren entlehnt und verweist auf die Profession zentralen Protagonisten Mark, der kunsthistorische Führungen für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen betreut. Als er im Rahmen seiner Arbeit des übergriffigen Verhaltens beschuldigt wird, findet er Halt in der Beziehung zu einer Frau. Setz spielt mit den Sehgewohnheiten des Publikums: Sollte sich Mark falsch verhalten haben, müssten dies doch auch die Zuschauer mitbekommen haben - oder ist alles doch ganz anders? So wie er seine Bildbeschreibungen immer ein Stück weit variiert, könnte doch auch sein eigenes Erleben aus seiner Perspektive unterschiedlich wahrgenommen werden. Das Spiel mit einem (womöglich) unzuverlässigen Erzähler führt den Autor zu der Frage nach der Kenntnis des scheinbar vertrauten Gegenübers.
An den bayrischen Theatern fällt unterdessen das Staatstheater Nürnberg mit einer Neuinszenierung von Gogols Komödie „Der Revisor“ auf (Premiere am 10. April 2027), am Mainfranken Theater in Würzburg findet mit „Kurzschluss“ von Noa Lazar-Keinan (Premiere am 15. Oktober 2026) die Premiere einer äußerst erfolgreichen israelischen Komödie statt, die mit großer Begeisterung auch auf die hiesigen Bühnen fand.
Keineswegs übersehen sollte man wieder die Höhepunkte an der Wiener Burg: Die Saisoneröffnung am 4. September 2026 mit Elfriede Jelineks „Unter Tieren" ist die Wien-Premiere, nachdem das Stück als Salzburger-Festspiele-Koproduktion dort bereits im Sommer lief. Direktor Stefan Bachmann inszeniert selbst alle drei Ubu-Stücke von Alfred Jarry mit Joachim Meyerhoff und Stefanie Reinsperger; der Dreier gilt als das prestigeträchtigste Projekt der Saison. Weiteres Highlight: Ersan Mondtags „Die Physiker“ und zum Abschluss Frank Castorf mit Doderers „Strudlhofstiege" im Monat Mai, dem 13. Dabei sind Künstler doch eigentlich abergläubisch.
Der Autor ist promovierter Musikwissenschaftler und arbeitet als Dramaturg und Kulturkritiker.
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