Mitte der 1880er Jahre begannen einige junge Künstler in Paris, Farbe nicht mehr auf der Palette zu mischen. Stattdessen setzten sie reine Farbtöne in kleinen Punkten und Tupfen nebeneinander auf die Leinwand. Erst im Auge des Betrachters sollten sie sich zu leuchtenden Bildern verbinden. Diese Technik wurde als Pointillismus – vom französischen „point“, dem Punkt – bezeichnet. In ihrer Ausstellung „Seurat, Signac, Van Gogh. Wege des Pointillismus“ (2016/2017) übersetzte die Wiener Albertina die Bewegung treffend als „Punktekunst“. Doch sie war mehr, nämlich eine Art, neu zu denken und die Welt analytisch zu betrachten.
Bereits 1886 prägte der Kritiker Félix Fénéon in einer Rezension für die belgische Zeitschrift „L’Art Moderne“ jedoch den Begriff Neoimpressionismus („néo-impressionisme“). Er wollte damit die Malweise Georges Seurats und seiner Anhänger von jener der Impressionisten absetzen: An die Stelle spontaner Malerei traten wissenschaftliche Farbtheorien, präziser Bildaufbau und das Streben nach Harmonie. Das Musée d’Orsay brachte diesen Unterschied 2005 in der Ausstellung „Le Néo-impressionnisme, de Seurat à Paul Klee“ auf die Formel: Statt flüchtiger Eindrücke wollten die Neoimpressionisten „das Wesen einer Landschaft oder einer Persönlichkeit erfassen.“
Das Museum Barberini in Potsdam widmet seine Ausstellung „Symphonie der Farben. Paul Signac und der Neoimpressionismus“ jenem Künstler, der die Bewegung nach Seurats frühem Tod weiterentwickelte. Mit-Kuratorin Charlotte Cachin, Leiterin der Archives Signac und Ur-Ur-Enkelin des Künstlers, bezeichnete ihn als „Premierminister“ der neuen Malweise.
Eine Malweise bewegt Europa
Die Ausstellung umfasst knapp 100 Werke, mehr als ein Drittel davon von Signac. Neben Georges Seurat, Camille Pissarro, Henri-Edmond Cross und Maximilien Luce sind auch in Deutschland weniger vertraute Künstler vertreten: Théo van Rysselberghe, Alfred William Finch, Jan Toorop, Anna Boch, Lucie Cousturier und Jeanne Selmersheim-Desgrange. Der Neoimpressionismus erscheint als europäische Bewegung, eine neue Philosophie der Malerei.
Marianne Splint, Direktorin der mitveranstaltenden „Kunsthal Rotterdam“: „Der Neoimpressionismus ist zwar in Paris entstanden, hat sich aber rasch international verbreitet“. Ein Meilenstein sei die Ausstellung der Brüsseler Avantgarde-Gruppe „Les Vingt“ gewesen, an der Seurat, Signac und Pissarro teilnahmen. Künstler wie van Rysselberghe und Anna Boch hätten die neue Ausdrucksweise aufgegriffen und weiterentwickelt. Ähnliches sei in Deutschland und den Niederlanden geschehen. Kuratorin Nerina Santorius betont Signacs Bedeutung nicht nur als Maler, sondern auch als Theoretiker und Netzwerker. Cachin ergänzt, wie unterschiedlich Seurat und Signac gewesen seien: hier der zurückhaltende, fast geheimnisvolle Denker, dort der spontane, kommunikative Organisator. Gerade daraus habe sich eine produktive Beziehung ergeben.
Bei aller Begeisterung für Leuchtkraft, Harmonie und wissenschaftliche Präzision blieb der Neoimpressionismus nicht unumstritten. Anlässlich der erwähnten Albertina-Ausstellung wurde auch auf die Kehrseite der Methode verwiesen: „Die Flächigkeit und Stilisierung sowie die Bewegungs- und Teilnahmslosigkeit der dargestellten Figuren in den Werken von Seurat zeigen, dass es ihm nicht mehr um das Dargestellte, sondern um die Darstellung – also die Art der Malerei – selbst geht.“ Die realistische Sicht auf die Welt weiche einer synthetischen Wirklichkeit. Das klingt fast wie eine frühe Ahnung eines künftigen, des digitalen Zeitalters mit seiner immanenten Künstlichkeit.
Auch die optische Herausforderung kann anstrengend wirken. Weil Bildmotiv und Malverfahren gleichzeitig sichtbar bleiben, pendelt der Blick zwischen Nähe und Distanz. Durch die Dominanz der Technik besteht die Gefahr, unterschiedliche Motive einander anzugleichen.
Malerei als Technik und Methode
Die Spannung macht den Rundgang durch die Ausstellung reizvoll. Sie entfaltet die Geschichte des Neoimpressionismus in sechs Kapiteln. Am Anfang steht Signacs Weg vom Impressionismus zum Neoimpressionismus. Der aus wohlhabendem Pariser Elternhaus stammende Künstler orientierte sich zunächst an impressionistischen Vorbildern. 1884 begegnete er Seurat, dessen auf Farb- und Wahrnehmungstheorien basierende Technik ihn stark beeindruckte. Frühe Landschaften an der Seine sowie Küstenbilder aus der Bretagne und der Normandie zeigen, wie Signac sich diese Methode aneignete.
Ein zweites Kapitel widmet sich Menschenbildern und Porträts. Signac und andere Neoimpressionisten übertrugen ihre Methode auch auf Figurenbilder, doch gerade im Porträt entstand ein Spannungsverhältnis. Santorius wies darauf hin, dass die dekorative Tendenz der Malweise im Widerspruch zur klassischen Aufgabe des Porträts stand, die Individualität einer Person möglichst naturgetreu wiederzugeben. Die eigentliche Innovation lag jedoch nicht im Punkt an sich. Die Technik war „nur ein Mittel zum Zweck“, so Santorius. Ziel war es, Leuchtkraft und Harmonie zu steigern. Durch die gezielte Kombination von Komplementärfarben – etwa Orange und Blau oder Gelb und Violett – erzeugten die Künstler intensive visuelle Effekte. Sie imitierten nicht einfach die Natur, sondern simulieren den Prozess des Sehens.

Diese Verbindung von Wissenschaft und Sinnlichkeit macht nach Westheider die besondere Faszination des Neoimpressionismus aus. Die Bewegung vereine „wissenschaftliche Präzision und sinnliche Farbwirkung“. Das Zusammenspiel von Farben und Formen erzeuge, so Westheider, „eine fast musikalische Harmonie“.
Überhaupt war Musik für Signac ein wichtiger Bezugspunkt. Viele seiner Werke tragen als Titel „Opus“. Cachin betont, Signac habe die Künste miteinander verbinden wollen; insbesondere deutsche Sammler und Intellektuelle hätten diese Nähe von Malerei und Musik früh erkannt. Für Santorius steht weniger das Erzählen von Geschichten im Vordergrund als das Wecken von Emotionen.
Vision der reinen Anarchie
Ein weiteres Kapitel beleuchtet die politischen und utopischen Dimensionen des Neoimpressionismus. Viele Künstler der Bewegung teilten anarchistische Überzeugungen. Doch Signac, so Santorius, sei kein Anhänger der „Propaganda der Tat“ gewesen, also keiner Verherrlichung von Gewalt. Ihm sei es um eine positive Zukunftsvision gegangen. Maximilien Luce stellte Arbeiter dar, Henri-Edmond Cross entwarf arkadische Szenen einer künftigen freien Gemeinschaft. Laut Santorius wollte er „die glücklichen Menschen malen, die wir in ein paar Jahrhunderten sein werden, wenn die reine Anarchie herrscht“ – als friedliche Utopie.
Wichtig wurde für Signac auch das Licht des Südens. 1892 folgte er Cross an die Côte d’Azur und ließ sich in Saint-Tropez nieder. Die mediterrane Sonne eröffnete ihm neue Möglichkeiten der Farbgestaltung. Die Landschaften wurden zu Projektionsflächen einer paradiesischen Gegenwelt zum industrialisierten Paris.
Der Schluss der Ausstellung richtet den Blick auf Deutschland, wo Signac als Künstler und Theoretiker eine wichtige Rolle für die Rezeption des Neoimpressionismus spielte. Harry Graf Kessler, Julius Meier-Graefe, Henry van de Velde und der Maler Curt Herrmann gehörten zu den Vermittlern und Förderern. 1898 erschienen in der Zeitschrift „Pan“ ein Artikel und eine Lithographie Signacs; im selben Jahr wurde die erste Ausstellung der Neoimpressionisten in Deutschland organisiert. Deutsche Künstler wie Curt Herrmann und Paul Baum griffen die Technik auf und entwickelten sie weiter.
Die Kunst des Pointilismus – sie dachte die Welt voraus, nicht nur die der Kunst. Das Universum als Ansammlung unzählig vieler Punkte: In welchem Wissenschaftszweig steckt nicht ein kleiner Hauch Signac?
„Symphonie der Farben. Paul Signac und der Neoimpressionismus“. Museum Barberini, Humboldtstr. 5–6, 14467 Potsdam. Bis zum 11. Oktober.
Der Autor schreibt als Historiker über Kunst und Kultur.
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