Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Vorhang auf: Opernschau

Große Oper und kleine Kostbarkeiten 

Ein Blick in die Spielpläne 2026/2027 der Opernhäuser offenbart Vertrautes. Aber auch Unbekanntes und sogar ganz Neues bekommt eine Chance. 
Der ikonische Bau der Hamburgischen Staatsoper im Stil der 1950er-Jahre soll durch einen spektakulären Neubau an der Elbe ersetzt werden, voraussichtliche Kosten: eine Milliarde Euro.
Foto: Brinkermedia | Der ikonische Bau der Hamburgischen Staatsoper im Stil der 1950er-Jahre soll durch einen spektakulären Neubau an der Elbe ersetzt werden, voraussichtliche Kosten: eine Milliarde Euro.

Einen frühen Höhepunkt der Opernspielzeit 2026/2027 bildet ein Doppelabend an der Wiener Staatsoper: Alexander von Zemlinsky, Lehrer Arnold Schönbergs und unglücklicher Liebhaber Alma Mahlers, schuf mit seiner „Florentinischen Tragödie“ einen Einakter, der um die Themen Verständnis und Vertrauen kreist. Obgleich biografisch eng mit der musikalischen Moderne verbunden, steht Zemlinsky in der Nachfolge der späten Romantik und insbesondere von Gustav Mahler und Richard Strauss. Das 1917 uraufgeführte Stück wird durch die einzige Oper Béla Bartóks komplettiert: „Herzog Blaubarts Burg“, deutlich durch des Komponisten Begegnung mit der Musik Debussys beeinflusst, ergänzt Zemlinskys Werk auch thematisch. Hier wie dort geht es um das Unausgesprochene, die Sprachlosigkeit zwischen Liebenden, die schließlich zu Verzweiflungstaten führt. Die Regie dieser Produktion obliegt Vasily Barkhatov, der in jüngerer Zeit für eine Vielzahl großer deutscher Opernhäuser arbeitete und 2028 den Ring in Bayreuth inszenieren wird. Unter der musikalischen Leitung Alain Altinoglous wird mit Florian Boesch ein ausgewiesener Interpret der frühen Moderne den Part des Blaubart übernehmen. 

Anderswo in Wien fällt vor allem die Pflege des barocken Repertoires auf: Das Theater an der Wien spielt „La Calisto“ von Francesco Cavalli (Premiere am 16. September 2026), die musikalische Leitung der frühen Oper obliegt der Lautenistin und Dirigentin Christina Pluhar, die sich um die historische Aufführungspraxis, das Spielen auf Originalinstrumenten, verdient gemacht hat. Die barocke Spielzeiteröffnung wird durch einen barocken Saisonausklang ergänzt: Händels „Rinaldo“, die Geschichte eines Kreuzritters, fasziniert mit den vielleicht prächtigsten Arien seines Schaffens.

Wahn, überall Wahn: Siegfried, Götterdämmerung – und die Atombombe 

Die Bayerische Staatsoper widmet sich den großen Fragen: Was geschieht, wenn höhere Ordnungen zusammenbrechen, wenn „Autorität, Ideologie, Genie, Macht“ ihre Bedeutung verlieren? Im Mittelpunkt steht dabei das Musiktheater Richard Wagners, begonnen mit „Siegfried“ (Premiere am 29. Oktober 2026), dessen gedankliches Zentrum um existenzielle Fragen kreist. Beschließendes Stück dieser Spielzeit ist mit der „Götterdämmerung“ (Premiere am 27. Juni 2027) denn auch ein Werk, in dem die Möglichkeit des Vergehens absoluter Machtsysteme ein zentrales Motiv ist. In München wird Tobias Kratzer, seit der vergangenen Spielzeit Intendant der Hamburgischen Staatsoper, beide Opern inszenieren, der Bayreuth-erprobte Tenor Benjamin Bruns wird in der Partie des Siegfried zu hören sein. In die musikalische Moderne begibt sich das Haus mit „Doctor Atomic“ von John Adams (Premiere am 4. Februar 2027), einer Oper über den „Vater der Atombombe“ Robert Oppenheimer, den der Komponist als einen „amerikanischen Faust“ versteht: ein Wissenschaftler, der Kräfte freisetzt, die er selbst nicht zu kontrollieren vermag.

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„Lear“-Jet landet als Oper –  auf dem Flughafen Tempelhof 

Zu den bedeutendsten Musiktheaterkomponisten der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts zählt der 2024 verstorbene Aribert Reimann, der zahlreiche Werke der Weltliteratur vertonte und auf die Opernbühne brachte. An der Komischen Oper Berlin – genauer gesagt im Hangar 4 des Flughafens Tempelhof – wird (ab dem 16. September 2026) „Lear“ nach Shakespeare zu hören sein, 1978 in München uraufgeführt und ein Stück, dem sich das Berliner Haus nun zum dritten Mal mit einer Neuproduktion widmet: Nach Inszenierungen von Harry Kupfer und Hans Neuenfels wird nun Barrie Kosky den Stoff um den alternden König, der geliebt wird und trotzdem einsam stirbt, auf die Bühne bringen. Kosky widmet sich als Regisseur gleichermaßen Oper, Operette und Musical und arbeitet mit den Stilmitteln der Groteske und Überzeichnung. Es wird spannend zu sehen sein, wie er das ihn tief berührende, erst familiäre, dann zunehmend „kosmische“ Drama in der extrem verdichteten Fassung Reimanns inszeniert. Anderswo in Berlin herrscht hingegen das stehende Repertoire vor: Die Staatsoper Unter den Linden beschränkt sich auf das 18. und 19. Jahrhundert, spart die Moderne gänzlich aus. Das Theater wird hier zum Museum, Christian Thielemann dessen Kurator. 

Opulenter Orchesterklang von Respighi – und eine musikalische Hexenverbrennung 

Einen spannenden Spielplan bietet unterdessen einmal mehr die Oper Frankfurt, die seit vielen Jahren mit unbekannten Stücken aufwartet. In der kommenden Spielzeit fallen dabei insbesondere Respighis „La Fiamma“ und Chaussons „Le Roi Arthus“ auf, Werke, die kaum je den Weg auf die Bühne finden. Ersteres Bühnenwerk geriet dabei einst zum größten Erfolg des Komponisten, fand aber nach 1945 kaum mehr Anklang. Die Geschichte einer Hexenverbrennung im Ravenna des 7. Jahrhunderts nutzte der Komponist zu größeren Fragen über den Zwiespalt von Liebe und gesellschaftlicher Verpflichtung. Anders als sein Zeitgenosse Debussy war Ernest Chausson ein begeisterter Anhänger Richard Wagners, dem er in seiner einzigen Oper huldigte, ohne gleichsam auf eigene Wege zu verzichten. Seine Umsetzung der Arthus-Legende wendet den Blick auf das Ende einer Gemeinschaft durch den Verrat des Lancelot und den Verzicht auf jede weltliche Macht. 

Hamburgs alte Liebe: ein bunter Abend mit Liebermann 

Die Hamburgische Staatsoper übt sich in Vorbereitung auf ihren 350. Geburtstag in Selbstschau. In ihrer Reihe über ehemalige Intendanten und Dirigenten des Hauses widmet sie sich dem Komponisten Rolf Liebermann, der die Bühne ab 1959 für vierzehn Jahre und dann noch einmal zwischen 1985 und 1989 leitete. Das bewegte Leben des Künstlers, der später die Geschicke der Pariser Oper bestimmte, die Frühgeschichte des Eurovision Song Contest beeinflusste und als junger Mann für seine Geliebte Lale Andersen schrieb, setzt Regisseur David Hermann in einen Musiktheaterabend um, der die musikalische Stilvielfalt des Komponisten und Theatermenschen abbildet und in ein Leben einführt, das eine kaum vorstellbare künstlerische Produktivität offenbart. „Studio Liebermann“ wird ab dem 28. April 2027 zu sehen sein. Daneben reizt die Produktion von Humperdincks „Dornröschen“, eine der zahlreichen Märchenvertonungen des Komponisten von „Hänsel und Gretel“. Wo dieses „Kinderstubenweihfestspiel“ des Wagner-Verehrers (und Mitarbeiters) einen wahren Siegeszug auf den Opernbühnen angetreten hat, ist dessen übriges Schaffen weitgehend aus dem Blickfeld der Theater geraten. Die seltene Gelegenheit einer Begegnung mit einer Oper Humperdincks lässt darauf hoffen, dass wieder vermehrt unbekannte Stücke inszeniert werden. 

Lübecker Opernmarzipan: Poulenc melodisch-süß und liturgisch-ernst 

Und ansonsten? Viel Gewohntes. Es ist bedauerlich, wie viele Opernhäuser allein auf das stehende Repertoire setzen und vor Neuem oder Unbekanntem zurückschrecken. Bezeichnenderweise sind es dann auch oft kleinere Opernhäuser, die sich an ungehörte Werke wagen. Die Oper Bonn etwa unternimmt mit Anno Schreiers „Turing“ die Uraufführung eines Stückes über den gleichnamigen Mathematiker, der im Zweiten Weltkrieg die Codes der Enigma entschlüsselte (Premiere am 24. Januar 2027). In Hagen wird unterdessen Leoš Janáčeks „Die Sache Makropulos“ gezeigt (ab dem 22. Mai 2027), die mutige Entscheidung eines Hauses, das schon in der Vergangenheit immer wieder positiv überrascht hat. Das Theater Lübeck produziert in der kommenden Spielzeit mit Francis Poulencs Bekenntnisoper „Dialogues des Carmélites“ ein zentrales Stück der frühen Moderne in Frankreich: Melodische Süße trifft auf liturgischen Ernst (Premiere am 12. März 2027). Und in Bremen wird zu Beginn der Spielzeit (ab dem 13. September) „Innocence“ von Kaija Saariaho zu hören sein, jenes 2021 in Aix-en-Provence uraufgeführte Musiktheater der finnischen Komponistin, in deren Bühnenwerken das Mütterliche eine zentrale Bedeutung einnimmt – so auch in diesem Stück, das die 2023 verstorbene Saariaho als einen „Thriller“ beschrieb. 

Solche Spannung wünschte man sich unterdessen auch von anderen Häusern. Es bleibt zu hoffen, dass sich mancher Intendant auf eine Moderne besinnt, ohne zugleich dem Zeitgeist anheimzufallen. 


Der Autor ist promovierter Musikwissenschaftler und als Dramaturg und Kritiker tätig. 

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