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Fall Lindsay Clancy: Empathie-Test Kindsmord

Sie tötete ihre drei Kinder. Trotzdem erfährt Lindsay Clancy die Solidarität vieler Frauen. Ein Fall von suizidaler Empathie?
Birgit Kelle
Foto: Kerstin Pukall | Kolumnistin Birgit Kelle.

Wie lange braucht man, um drei kleine Kinder eigenhändig und nacheinander mit Fitnessgummibändern zu Tode zu strangulieren? Und ist eine Mutter, die das planmäßig durchführt, Täterin oder schlicht schuldloses Opfer einer postnatalen Depression und einer schweren psychischen Erkrankung? Der Fall Lindsay Clancy strapaziert das Gerechtigkeitsempfinden.

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Das täglich tagende Online-Gericht einer weltweit richtenden Schwarmintelligenz hat sein Urteil bereits gefällt. Frauen solidarisieren sich in Massen mit der tötenden Mutter, die man zu einem Opfer der Ignoranz des Systems gegenüber psychisch kranken Menschen im Allgemeinen und psychisch überforderten Müttern im Speziellen erklärt. Da werden Gelder gesammelt, Plakate hochgehalten, Mahnwachen gehalten und eine Frau leidenschaftlich verteidigt, die drei Leben beendet hat. Jeder kennt jetzt in der Presse den Namen der Mutter. Kann jemand die Namen der getöteten Kinder benennen?

Der Fall in den USA verstört nicht nur durch die Tatsache, dass hier eine Mutter ihre Kinder eigenhändig tötete, um sich dann in einem fehlgeschlagenen Selbstmordversuch aus dem Fenster zu stürzen. Der Fall greift ein gesellschaftliches Selbstverständnis frontal an und stellt instinktives Verhalten in Frage. Das Muttertier wehrt Angriffe auf die Brut ab, es opfert nicht die Brut. Oder?

Wo ist die Empathie für die Opfer?

Befremdlicher noch als dieses Gewaltverbrechen an sich ist die nahezu irrationale Bereitschaft des voyeuristischen Publikums, nicht etwa die drei Kinder Cora (fünf), Dawson (drei) und Callan (acht Monate) zu bedauern, deren Leben beendet wurde, sondern vor allem die Täterin.

Gerade erst ist der Fall auch vor Gericht gestoppt, obwohl sie die Tat gestanden hat, weil sich die zwölfköpfige Jury in dem Mordprozess auch nach sieben Tagen nicht auf ein einstimmiges Urteil einigen konnte. Es heißt, ein einzelnes Jurymitglied habe alles blockiert. Und zwar der Einzige, der sie schuldig sprechen wollte, wohlgemerkt. Jetzt muss noch einmal neu verhandelt werden.

Solidarisierung und Verständnis für die Täter ist kein neues Phänomen, sondern ein Kind des Resozialisierungsgedankens und des Willens, Vergebung und Neuanfänge zu ermöglichen. Zynisch formuliert reicht also eine schwere Kindheit, das schlechte soziale Umfeld, um milde Urteile zu erhaschen. Der Täter als Opfer der bösen Umstände, des Systems und der Gesellschaft ist ein wiederkehrender Erklärungs- und Entschuldigungsversuch selbst bei Mord und Totschlag. Sitzen nicht etwa gerade zahlreiche Mörder und Attentäter alle mit der Spontandiagnose „psychisch krank“ in medizinischen Einrichtungen statt in Gefängniszellen?

Der kanadische Professor und Bestsellerautor Gad Saad subsumiert solche Phänomene unter dem Begriff „Suicidal Empathy“, wenn Menschen sich so weit mit einem Täter solidarisieren, dass sie bereit sind, lieber ihren eigenen Tod in Kauf zu nehmen, als ihre Glaubenssätze zu ändern. Eine Gesellschaft, die bedingungslose Vergebung gewährt, zeigt nicht Nächstenliebe, sondern Naivität. Wer seine Empathie auf die Täter fokussiert, lässt die Opfer unter den Tisch fallen.

Die Autorin schreibt als Publizistin zu Politik und Gesellschaft.

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Birgit Kelle

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