Ein großer Wurf nach außen, ein Ort der Besinnung und der Betrachtung im Inneren: Das neue Dommuseum Paulus in Münster ist eröffnet. Der neue Standort liegt direkt hinter der Lambertikirche, wenige hundert Meter vom Paulusdom entfernt. Das Gebäude gehört der Münsteraner Familie Lohmann. 1,1 Millionen Euro betragen die Unterhaltskosten pro Jahr. Die Bauherren Heinz Lohmann und Anna Lohmann-Gerleve vermieten das moderne Haus mit seiner historisierend-urbanen Giebelfassade aus Naturstein an die Diözese. Ein ebenfalls erwogener Museumsneubau wäre für das Bistum kaum finanzierbar gewesen.
Die baulichen Anforderungen an Gebäude dieser Art sind in jeder Hinsicht besonders. Die Lohmanns bauten früher Einkaufszentren, inzwischen sind viele solcher Konsumtempel dem Wandel des Zeitgeists zum Opfer gefallen. „Es ist das erste Museum, das ich baue, und wohl auch das letzte“, bekannte Lohmann in einer Mischung aus Erschöpfung und Erleichterung angesichts des fertigen Objekts. Anders als Modehäuser und Kosmetikshops ist die Kirche auch künftig ein verlässlicher Mieter mit langfristiger Perspektive. Entsprechend nachhaltig und zukunftssicher musste das Bauwerk ausfallen.

Das Museum als Hochsicherheitsort
Vor allem die Sicherheitsvorkehrungen für den Domschatz bedurften erheblicher Anstrengungen. Auf die Frage der Tagespost nach den Standards antwortete der Münsteraner Dompropst Hans-Bernd Köppen: „Wenn hier einer in die Wand bohrt, merken wir das sofort.“ Im obersten Geschoss des Stadthauses wurde sogar eine zusätzliche Reihe Sicherheitsfenster eingebaut. „Nach dem Raub im Louvre im vergangenen Jahr haben wir noch mal nachgerüstet“, berichtete Preckel, obschon auch schon vorher modernste Sicherheitstechnik verbaut worden sei. „Und die Polizei“, schmunzelte Dompropst Köppen mit süffisanter Genugtuung, „sitzt nur fünf Häuser weiter.“
So kann sich Münsters neuer Bischof Heiner Wilmer kurz nach seinem Amtsantritt über ein besonders sicheres Schatzkästlein freuen – mit Zeugnissen einer über 1200 Jahre alten Geschichte. Nach neun Jahren der teuren Zwischenlagerung haben Teile des Münsteraner Domschatzes eine neue Heimat gefunden – in einem architektonisch anspruchsvoll ausgeführten Haus. Klimatische und bautechnische Gründe hatten die Schließung der eigentlichen Schatzkammer am Dom erzwungen.
Schuhsohle und Wanderstab
„Ich gehe – aber wohin?“: In der so betitelten Eröffnungsausstellung sind Teile des Domschatzes zu sehen. An der Spitze steht die fast 1.000 Jahre alte vergoldete Büste, die als ältestes erhaltenes christliches Büstenreliquiar Europas gilt. Im Inneren aus Eichenholz befinden sich originale Schädelknochen des Apostels Paulus, die für die Ausstellung freigelegt wurden.
Aber auch archäologische Pretiosen aus Stein beeindrucken, so der mächtige Pauluskopf vom alten Dom oder die detailreich ausgeführten Figuren des früheren Lettners, der den Kirchenraum teilte. Herausragend sind die Leihgaben: Aus Rom stellte der Vatikan den Pilgerstab des Paulus für die Ausstellung zur Verfügung. Das hölzerne Relikt ist in einen Glaszylinder mit goldenen Abschlüssen gefasst und sonst in der römischen Papstbasilika San Paolo fuori le mura untergebracht.
Ein mutmaßlicher Stein des Stephanus-Martyriums liegt zur Besichtigung aus, ebenso eine römische Sandale, deren dünne Sohle einen Eindruck davon vermittelt, wie körperlich herausfordernd die Wanderungen des Paulus durch Wüstengebiete und Gebirge gewesen sein müssen. Eine Togastatue, entstanden um die Zeitenwende, vermittelt einen Eindruck davon, wie sich Würde und Stolz eines römischen Bürgers bei Paulus auch durch die Kleidung ausgedrückt haben könnten.

Fußballtrikot als Reliquie?
Aber nicht nur die präsentierten Reliquien, Paramente, Skulpturen und Bildwerke aus früher Zeit beschäftigen sich mit Person und Wirkung des Paulus. Das neue Museum versucht in seiner ersten Ausstellung, auch zeitgenössische Kunst als Assoziationshilfe einzusetzen. Ein Dosentelefon von Beuys thematisiert die menschliche Kommunikation – und das Medium ihrer technischen Übertragung. Vom jüdisch-amerikanischen Künstler Philip Guston ist ein kleines Gemälde zu sehen, das einen blutbefleckten „Boot“-Stiefel zeigt: eine Brücke zum grausam agierenden Paulus vor seiner Bekehrung, der sogar die Steinigung des Stephanus als Werk der Gerechtigkeit einstufte.
Vom ehemaligen Bayern-Spieler Mathys Tel ist ein Trikot zu sehen: Reliquienkult unserer Tage, bei dem das Heilige auf dem Fußballfeld erlebt wird und weniger im religiösen Zusammenhang christlichen Glaubens. Selbst Beethoven und Elvis scheinen über Reliquien zu transzendieren: Ihre Locken stehen für einen aus dem Ruder gelaufenen Starkult unserer Tage. Ob allerdings die Parallele zwischen christlicher Reliquienverehrung einerseits und den Fanritualen in sport- und popkulturellen Zusammenhängen andererseits wirklich tragfähig ist, bleibt letztlich der subjektiven Einschätzung des Betrachters überlassen. Es geht dabei schlicht auch um Geschmacksfragen.

Fragen und Gewissheiten im Ausstellungsbestand
Bewusst und wohl zu Recht wird die Authentizität der Heiligenreliquien und religiösen Verehrungsstücke offengelassen. Ist das ausgestellte Kerker-Kettenglied wirklich dasjenige, das den Apostel im Gefängnis band? Es könnte sein, aber man weiß es nicht. Ganz genau wissen dagegen die Kuratorinnen, dass zur Zeit des Paulus die Frauen der Urkirche voll gleichberechtigt waren. Phöbe und Priscilla werden als feministische Kronzeuginnen einer 2.000 Jahre alten christlichen Geschlechtergerechtigkeit aufgerufen. „Gleichberechtigte Lehr- und Missionspartnerin“ ist auf der Erklärtafel zu einem Kupferstich zu lesen, der Paulus in Gesellschaft von Priscilla und ihrem Ehemann Aquila zeigt. Die Paulus-Unterstützerin hat ein spielendes Kind auf dem Schoß und sitzt am Spinnrad, die Männer dagegen mit Feder und Pergament am Schreibpult. Als diese barocke Darstellung um 1600 gestochen wurde, war es wohl schon vorbei mit der urchristlichen Geschlechtergerechtigkeit, und eine Art „Tradwife“ bestimmte das weibliche Rollenbild.
Einen Besuch im Museum sollte man auf keinen Fall versäumen: Im Auge des Betrachters entwickeln die Exponate immer wieder aufs Neue eine einzigartige Strahlkraft, einen Bedeutungsüberschuss voller Geheimnisse. Gerade diese Mehrdeutigkeit war immer schon ein wesentliches Kennzeichen von Kunst und religiösen Kultobjekten.










