Der Rosenkranz als schmückende Perlenschnur mit sichtbarem Kreuz; früh schon avancierte die Gebetskette zum Must-have-Accessoire bei Rappern. Deren Look und Stil prägten auch den Ost-Berliner Rapper Sido. Die religiöse Aura solcher zum Schmuck verfremdeten Sakramentalien findet in seinen Beats selbstverständlich Eingang, wie Automarken, Tattoos oder kitschige Gefühle nach Herkunft, Bestimmung oder Selbsthabe.
Auch andere Flow-Masters thematisierten die Gebetskette. „Mein Girl liegt wie ein Rosenkranz um meinen Hals“, heißt es etwa in Don Tolivers Album „Octane“, das jetzt im Januar erschien. Und Jay-Z droppt irgendwo die Zeile: „Die Diamanten an meinem Rosenkranz zeigen: Er verzieh mir.“ Rap ohne Rosenkränze wäre wie Advent ohne Marias Dornwaldlied. Lieber offensiv Rosenkranz um den Hals als bei Oma in den Schubladen.
Sag öfters mal „Schwamm drüber“
Sicher, die theologische Bezugnahme zahlreicher Rapper wirkt bei Kundigen verschwurbelt-aberwitzig. Wie ihre Beats sind auch ihre Weltbilder von der Straße geklaubt oder während der Plauderstunden im Club zusammengezimmert. Die Auswahl der Requisiten wirkt mal zufällig, mal absichtsvoll-provokant: Kanye West entwickelte sich bekanntlich von einer progressiven Kulturikone zu einem prominenten Trump-Fan und präsentierte sich 2018 mit der roten „Make-America-Great-Again“-Kappe im Oval Office an der Seite von Donald J. Trump.
Aber populäre Musik saugt auf, was im Zeitgeist herumschwirrt. Auch Irrtümer. Etwa die Liaison von Tattoo und Rosenkranz. Gerade das macht Sidos Musik so besonders: seine die Oberflächen abtastende Wahrnehmung. Die skizzenhaften Ahnungen. Die wilden Abzweigungen in den Songs.
In Sidos Song „Tausend Tattoos“ (2018) heißt es: „Überall am Start, als gäb’ es irgendetwas gratis / Hin und wieder war ich dumm, nicht besonders artig / Aber sei mal ehrlich, dis war alles nicht dramatisch / Ich mein’, du kennst mich, wenn mich etwas stört, dann sag’ ich’s / Doch ich sag’ dir viel zu selten: ‚Schön, dass du da bist!‘“ Der vor wenigen Tagen erschienene, neue Track „Issa“ greift diesen Vibe wieder auf: Nichts ist gewiss, habe viel gesehen, werde auch nicht ganz schlau daraus, aber ich sag trotzdem, ich bin da und du auch, Dicka.
Sido hält sich für den Boss
Der Track und das dazugehörige Video bilden die Vorhut zu Sidos im November erwartetem Album „Frieden“, für das er auch mit Xavier Naidoo zusammenarbeitet. Die beiden Musiker blicken auf eine lange gemeinsame Geschichte. Angesichts der Kriege in der Ukraine und in Nahost könnte einem schon etwas mulmig werden, wenn ausgerechnet die beiden den Weltfrieden besingen. Wird das ein weiterer deutscher Sonderweg? Man erinnere sich an das Lied „Ein bisschen Frieden“, mit dem die deutsche Sängerin Nicole 1982 den Eurovision Song Contest gewann. Es wurde zur Hymne der damaligen Friedensbewegung: „Ich weiß, meine Lieder, die ändern nicht viel / Ich bin nur ein Mädchen, das sagt, was es fühlt / Allein bin ich hilflos, ein Vogel im Wind / Der spürt, dass der Sturm beginnt.“
Der Clip „Issa“ allerdings kommt lässig, aber mit Ansage daher. „Sie alle nenn’n mich Legende, jeder kennt den Prala / Ich bin der beste deutsche Rapper ohne Wenn und Aber.“ Wer’s bis jetzt noch nicht gemerkt hat: Sido hält sich für den Boss. So isser halt. Wie klingt der Track? Glockengeklingel, abgedämpfte, hypnotisch wippende Bässe, eine erdige, leicht retro wirkende Instrumentierung.
Und die Betschnur? Ist ultraprominent in „Issa“. Sido tritt in einem schwarzen Longsleeve-Pullover auf und trägt darauf einen Rosenkranz. Wohl aus Roségold. Auch die übrigen Performer im Clip sind so gekleidet, während Sido singt: „Er ist ein Mann, er / ist bescheiden und zufrieden isser / Er ist krank, er ist im Rein’n und Berliner isser / Bei Verstand isser, einer zum Verlieben isser / In sei’m klein’n Paradies isser krisensicher / … / Bei Verstand isser, einer zum Verlieben isser.“ Und wer issa nun? Natürlich: „Da mach’ ich’s mir bequem, direkt neben Jesus Christus, da herrscht Frieden, Dicka.“ Der Sound tröstet auf eine seltsame Weise und passt in seinen reibenden Wiederholungen perfekt zum Rosenkranz. Oder eher einer Gebetsmühle?
Skandale, Kritik, Abschreibungen und Comebacks zeichnen den als Paul Würdig 1980 geborenen Künstler Sido aus. Von den Open-Mic-Sessions in Kreuzberg bis zum kommerziellen Musiker, der er heute ist: Sido erfand sich mit jedem Album neu. Sido gehört mit seinen Fernsehauftritten, etwa als Jury-Mitglied bei Voice of Germany oder TV total, ebenso zu den Fixsternen am deutschsprachigen Promi-Himmel wie Stefan Raab, Helene Fischer, Andreas Gabalier oder Dieter Bohlen. Das ist freilich ein zweifelhaftes Kompliment. Doch Sido prägte einen spezifisch deutschen Rap-Stil, der stark vom Punk beeinflusst ist. Etliche Auszeichnungen, vor allem aber eine kultartige Fanbase belegen seinen Einfluss auf die populäre Imagination der Gegenwart. Sido, der Sohn einer alleinerziehenden Mutter, entwickelte sich als Music Artist in einer Ära vom Tape zum Twitch-Stream. Ist nicht rostig geworden. Was sein neues Album „Frieden“ in apokalyptischen Zeiten bringen mag? Reinhören, es erscheint ohne Rosenkranz-Gimmick am 27. November.
Der deutsch-amerikanische Autor ist Theologe und Schriftsteller.










