Ich war dabei. Und es tut mir leid. In so einer Kolumne darf man ja auch mal persönlich werden. Ich war fünfzehn und brauchte die Lacher. 1994 sang Stefan Raab ein Lied auf Berti Vogts. Es war aber keine Hymne auf den Bundestrainer, sondern ein Spottlied. Ein Beispiel: „Wer sieht hinten aus wie vorn? Wer darf in der Nase bohrn? Wer isst gerne Eis am Stiel? Und wer spielt gern mit Playmobil?“ Und auf die einzelnen Fragen folgte dann immer der Antwort-Refrain: „Böörti Vogts.“ Und der musste natürlich laut mitgegrölt werden. Ich grölte auch.
Nur für die jüngeren Leser: Ja, dieser Stefan Raab, das ist der gleiche Mann wie jener Endfünfziger, der jetzt bei RTL seine Witzchen reißt und bei dem eure Eltern ab und an hängenbleiben, wenn wirklich überhaupt nichts auf den anderen Kanälen läuft. Damals war aber dieser Stefan Raab nicht nur 32 Jahre jünger, sondern auch der größte Frechdachs im deutschen Fernsehen. Zugegeben, schwierig war das nicht. Denn im Vergleich zu heute war die Fernsehwelt von damals bieder bis zum Abwinken. Fernsehansager trugen Krawatte, der Höhepunkt des ÖRR-Humors waren Wiederholungen von Peter-Frankenfeld-Sketchen am Freitagabend, alle siezten sich und ein Trainer einer Nationalmannschaft war natürlich eine Respektsperson. Da war Raab, der beim ersten deutschen Musiksender Viva seine eigene Sendung bekommen hatte, mit seinen heute geradezu rührend wirkenden Scherzchen für viele pubertierende Deutsche schon fast ein anarchischer Provokateur.
Nur dass er sich ausgerechnet Berti Vogts ausgesucht hatte, das war ungerecht. Denn trotz der gerade skizzierten Biederkeit waren die 90er eben auch ein Jahrzehnt des Umbruchs. Alle wollten lockerer werden, vielleicht nicht gleich so wie Stefan Raab, aber lockerer eben. Auch das war schon ziemlich einfach: Zum Beispiel den obersten Knopf des Oberhemdes öffnen oder eine freche Motivkrawatte (Tom & Jerry oder Mickey Mouse) zur Jeans tragen. Und diese Masse der sich langsam Auflockernden war insgeheim froh, dass Raab hier einen aufgetan hatte, der noch steifer war als sie selbst. Neben dem verbissen wirkenden Vogts, der den Gentleman-Teamchef, Einheitsjahr-Weltmeister und Ballzauberer Franz Beckenbauer abgelöst hatte, wirkten sie alle wie verrückte bunte Hunde. Dieser Vogts schien die Reinverkörperung des deutschen Biedermanns zu sein. Dass er auch noch eine freundschaftliche Beziehung zu Helmut Kohl pflegte, das passte ins Bild – Spiegel und Co. machten sich darüber lustig, dass der Kanzler den Trainer und Parteifreund regelmäßig vor Länderspielen anrief.
Aber Verbissenheit – das ist genau das richtige Stichwort. Berti (eigentlich Hans Hubert) Vogts biss sich durch. Trotz vieler Schwierigkeiten. Seine Eltern starben, als er noch ein Kind war. Er hatte aber den Willen zum Aufstieg. Mit seinem Heimatverein Borussia Mönchengladbach, dem er stets treu blieb, stieg er an die Spitze des deutschen Fußballs auf. Günter Netzer, dieser so ganz andere Typ, der damals der Mönchengladbach-Star war, sagte später: Berti Vogts sei es gewesen, der mit seiner Zähigkeit ganz entschieden zum Erfolg beigetragen habe. Es ist eben kein Zufall, dass Vogts „Terrier“ genannt wurde.
Auch den Song damals nahm er stoisch hin. Und als er dann mit der deutschen Nationalmannschaft 1996 den EM-Titel holte, war auch vieles wieder vergessen. Auch hier hatte sich Zähigkeit ausgezahlt.
Ist das Deutschland von heute eher durch Stefan Raab geprägt oder durch Berti Vogts? Sagen wir so, heute hat man vielfach den Eindruck, alles sei so aufgelockert, dass es auseinanderzufallen droht. Es werden wieder Typen gebraucht, die die lockeren Schrauben festdrehen. Wir brauchen wieder Typen wie Berti Vogts. Im Dezember dieses Jahres wird er übrigens achtzig.
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