Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Einwurf – die „Tagespost“-WM-Kolumne

Wenn das Sportliche politisch sein muss

Einfach mal nur am Fußball erfreuen? Nicht mit Björn Höcke.
Deutsche Nationalmannschaft
Foto: IMAGO/Markus Ulmer (www.imago-images.de) | Zu viel Melanin im Bild? Dieses politische Reinheitsideal hilft niemandem.

Was ist eigentlich, wenn Deutschland heute Abend gegen Paraguay aus der WM ausscheidet? Kein völlig absurder Gedanke nach der ersten Pleite im letzten Vorrundenspiel gegen Ecuador. Der Autor dieser Zeilen weilte jüngst zur Sommerfrische (es war wirklich etwas kühler als in der deutschen Rekordhitze) in Italien – die doch ruhmreiche Fußballnation hat sich bekanntlich nicht einmal für die WM qualifiziert. Und die armen Italiener gehen ganz gelassen mit der Misere um. Der ein oder andere tatsächlich Interessierte äußert sich lobend über die Leistungen des deutschen Edeljokers Undav. Verschämt platzieren spärlich besuchte Sportbars ausgebleichte Täfelchen mit der gelegentlichen Ankündigung von Liveübertragungen. Aber im Großen und Ganzen wird die WM ignoriert, ohne dass dabei eine kollektive Depression spürbar wäre. Dolce Vita funktioniert halt auch neben dem Platz.

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Gut, aber kommt auch der teutonische Hochsommer-Grillabend ohne WM aus? Eine Verabschiedung im (erstmals ausgetragenen) Sechzehntelfinale wäre definitiv peinlich. Schon möglich, dass dem gereizten Deutschland, das an graue Zukunftsaussichten ganz allgemein weniger gewöhnt ist als das schon länger latent dysfunktionale Italien, dann auch eine eher unschöne Diskussion nicht erspart bleibt, die sich gerade auf der Plattform „X“ zusammenbraut. Kernfrage: Ist die deutsche Nationalmannschaft „weiß“, ist sie „ethnisch deutsch“ genug?

Höcke löst mal wieder eine Debatte aus

Auslöser ist der thüringische AfD-Landesvorsitzende Björn Höcke. Der hatte in einer Ansprache moniert, wenn die („westlichen“) Spieler bei der WM das Trikot tauschten, „weiß man gar nicht, wer ist jetzt von welcher Mannschaft“. Aus Sicht des Rechtsaußen wahrscheinlich ein völkischer Diskurs-Elfmeter, den er einfach versenken musste. Der ehemalige „Welt“-Herausgeber Ulf Poschardt hatte das auf X als rassistisch gebrandmarkt: Wer sich nicht mit Deutschen anderer Hautfarbe identifizieren könne, sei „halt am Ende ein Rassist“. Jetzt hat er das halbe AfD-Vorfeld an der Gurgel.

Was sich derzeit noch in den Diskursnischen der sozialen Medien abspielt und auch dem ein oder anderen AfD-Politiker peinlich sein dürfte – immerhin stellen die Rechtspopulisten immer wieder stolz eigene Mitglieder mit Migrationshintergrund ins Schaufenster, und warum dürfen bestverdienende Hochleistungssportler bitte nicht als ausgesprochen angenehme Begleiterscheinung von Migration gelten? – könnte weitere Kreise ziehen, wenn die Nationalmannschaft nicht abliefert. Dann dürfte auch in den analogen Hinterhöfen wieder einmal die ein oder andere Nase gerümpft werden über vermeintlich illoyale Zuwandererkinder, die für die einzige Heimat, die sie haben, nicht alles geben würden. Es wäre, bei aller zu wünschenden Aufgeschlossenheit für klärende Identitätsdebatten, ein Diskurs, der am Ende vielfach nur Ressentiment produzieren dürfte.

Zumal eine Fußball-WM nach überstandener „One-Love“-Phase doch eigentlich ein entlastendes Ereignis sein könnte, bei dem die ideologischen Debatten mal für einen Moment draußen bleiben dürfen. Man muss kein Verehrer von Angela Merkels „Wir schaffen das“ sein, um zu hoffen, dass Paraguay auch deshalb nicht zum Stolperstein wird.


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