Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Einwurf – die „Tagespost“-WM-Kolumne

Wenn die Politik ballaballa wird

Der Fußball darf nicht zu sehr politisiert und ideologisiert werden. Aber wer das völlig verhindern wollte, würde selbst politisch agieren.
Bernd Neuendorf (Deutschland, DFB Praesident), GER, Deutschland (GER) vs Oesterreich (AUT), DFB Frauen Nationalmannschaf
Foto: IMAGO/Eibner-Pressefoto/Memmler (www.imago-images.de) | Tiefrot: DFB-Präsident Bernd Neuendorf.

Sprecher SPD-Parteivorstand, Landesvorstandssprecher NRW, dann Landesgeschäftsführer der Sozis an Rhein und Ruhr und schließlich Staatssekretär im Düsseldorfer Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport – Bernd Neuendorf hat eine astreine politische Karriere hingelegt. Als Höhepunkt seines Lebenslaufes betrachtet der gelernte Journalist aber bestimmt seinen aktuellen Posten: Präsident des DFB, seit 2022 ist er schon im Amt.

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Ist das eigentlich auch eine politische Funktion? Offiziell eigentlich nicht, aber es gibt eben auch Verbandspolitik. Da sind auch Fachleute gefragt, die Administration und Führung können. Das wird wohl jeder anerkennen, der auch nur ein wenig Einblick in die Alltagsarbeit eines solchen Riesenzusammenschlusses hat.

Aber muss das auch Politisierung bedeuten? In Neuendorfs Ägide fiel 2022 der Streit um die „One Love“-Regenbogenbinde für den Kapitän der Nationalmannschaft bei der WM in Katar. War das Ideologisierung des Sports und ein unnötiges Aufheizen des identitätspolitischen Kulturkampfes oder doch das Bekenntnis zu bürgerlichen Grundrechten?

Politisierung war auch früher schon

Wer sich – es gibt ja viele gute Gründe dafür – über diese Politisierung aufregt, sollte aber bedenken, dass es die beim DFB auch schon früher gab. Allerdings mit ganz anderen politischen Vorzeichen. Damals hieß es: Reichskriegs- statt Regenbogenflagge. Auf Initiative des damaligen DFB-Präsidenten Hermann Neuberger besuchte 1978 das Flieger-Ass des Zweiten Weltkriegs Hans-Ulrich Rudel das Trainingscamp der Nationalmannschaft in Argentinien, wo damals die WM stattfand. Rudel war nicht nur ein hochdekorierter Wehrmachtssoldat, sondern vor allem überzeugter Nationalsozialist, der einst über die berüchtigte „Rattenlinie“ wie so viele seiner Gesinnungsgenossen nach Südamerika geflüchtet war. Neuberger fand nichts dabei, schließlich stünde Rudel doch für ehrenwerte deutsche soldatische Tugenden.

Oder Gerhard Mayer-Vorfelder: Der schon zu Lebzeiten legendäre, jahrzehntelange Präsident des VfB Stuttgart, der dann schließlich auch einige Jahre an der Spitze des DFB stand. Der ehemalige Minister im Ländle war ein bekennender Rechter. Ja, im Vergleich zu ihm bestand die damals ja noch existente Stahlhelmfraktion der Union geradezu aus linksliberalen Bubis. Und aus seinen Überzeugungen hat GMV – wie er von Freund und Feind genannt wurde – auch nie einen Hehl gemacht. Es geht hier gar nicht darum, über diese vergangenen Zeiten zu richten. Nur diese Beispiele belegen: Eine Politisierung gab es schon immer.

Heute stellt sich eher grundsätzlich die Frage, aber dann natürlich in jede politische Richtung, ob angesichts der Polarisierungen in der Gesellschaft es nicht besser wäre, die Politik im Stadion ganz außen vor zu lassen? Nur: Wer so eine Entpolitisierung fordert, muss sehen, dass solche Entwicklungen immer Folgen nach sich ziehen. Auch wer für sich reklamiert, unpolitisch zu sein, hat mit seinem Verhalten ja trotzdem eine Wirkung auf die Gesellschaft. Und die ist immer politisch.

So ganz einfach ist es mit der Neutralität also nicht. Was aber ein Fortschritt wäre: einfach die Einsicht, dass wenigstens noch beim Fußball in der Regel Menschen zusammenkommen können, die im Alltag vielleicht schon gar kein Wort mehr miteinander sprechen wollen. Die Begeisterung für den Sport reicht dann tiefer als die ideologischen Gräben. Wenn politische Ideologen diesen Effekt nicht sehen wollten, dann wären sie wirklich ballaballa.

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Sebastian Sasse Einwurf – die „Tagespost“-WM-Kolumne Nationalsozialisten

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