Jetzt ist der Konflikt zwischen Regierung und Kirche vollends eskaliert. In Armenien, das im Jahr 301 als erstes Reich der Welt das Christentum zur Staatsreligion erklärte, sind Regierungschef Paschinjan und der Katholikos, das Oberhaupt der Armenisch-Apostolischen Kirche, Karekin II., in einen Machtkampf verstrickt. Am Freitag standen Karekin und sechs weitere Bischöfe vor einem staatlichen Gericht; der Richter erklärte sich selbst für befangen, aber irgendwann wird der Prozess fortgesetzt. Den Bischöfen drohen bis zu zwei Jahre Haft.
Oberflächlich betrachtet geht es um die Amtsenthebung von Bischof Geworg Sarojan, der den Rücktritt des Katholikos gefordert hatte. Gegen seine Amtsenthebung durch Karekin klagte Sarojan und bekam Recht, doch statt ihn wieder ins Amt einzusetzen, entzog ihm die Kirchenleitung die Priesterwürde. Kein Einzelfall: Etwa 150 Geistliche, darunter drei Bischöfe, wurden wegen Kritik an Karekins Kurs von der Kirchenleitung suspendiert oder laisiert. Ein von der Leitung unabhängiges innerkirchliches Berufungsverfahren oder Kirchengericht gibt es nicht.
Aber rechtfertigt das bereits derartige staatliche Eingriffe in die inneren Angelegenheiten? Können Politiker und Richter darüber befinden, wer des Priester- oder Bischofsamtes würdig oder unwürdig ist? Der Katholikos selbst spricht von „illegalen und fabrizierten Anklagen“, ja von einer Verfolgung der Kirche in Armenien. Das sind schwere Geschütze, zumal die Armenisch-Apostolische Kirche quer durch alle Jahrhunderte die Hüterin der armenischen Identität war. Das einst große armenische Königreich fiel nämlich mächtigeren Nachbarn zum Opfer, während die Kirche auch unter dem osmanischen und später sowjetischen Joch das armenische Kulturgut und Identitätsbewusstsein wahrte. Nun aber sieht sie sich einer Feindseligkeit seitens der armenischen Regierung ausgesetzt, die dem Katholikos das Wort „Verfolgung“ entlockt. Tatsächlich wirft die Regierung ihm ein unmoralisches Leben, Kollaboration mit Putins Russland und einen diktatorischen Führungsstil in der Kirche vor. Mehr noch: Die Regierung will die Kirche reformieren und modernisieren, wofür sie bereits einige Bischöfe und Priester gewonnen hat. Überschreitet die Regierung da ihre Befugnisse? Zweifellos!
Es geht um das Überleben Armeniens
Ehrlicherweise muss man auch zurückfragen: Überschreitet die Kirche ihre Befugnisse, wenn Bischöfe sich an die Spitze einer Bewegung stellen, die den Sturz der Regierung fordert? Ist es klug und angemessen, dass der Katholikos und seine Vertrauten offen die Opposition stützen, der Regierung Verrat an den aus Berg-Karabach (Arzach) vertriebenen Armeniern vorwerfen und eine alternative Außenpolitik vorlegen? Vieles an diesem Konflikt erinnert an den Investiturstreit, den die mittelalterlichen Kaiser mit dem Papst austrugen. Der war kein Grundsatz-, sondern ein Grenzstreit: Wie weit im christlichen Abendland jeweils die Macht von Kaiser und Papst reicht, das war die Frage.
Das heutige Armenien ist ein weithin säkularisiertes, aus Sowjetzeiten auch geistlich verwüstetes Land. Es ist klein und zudem von hostilen Nachbarn umgeben. Ein Machtkampf von Kirche und Regierung muss hier zwangsläufig beide Seiten schwächen, ihre Autorität beschädigen und die Spaltung des Landes vertiefen. Das kann weder im Interesse Paschinjans noch der Kirche sein, weil ein schwaches und gespaltenes Armenien seinen zahlreichen Feinden wehrlos ausgeliefert wäre. Anders als im Investiturstreit geht es hier also nicht um das Ausloten einer Grenze zwischen Politik und Religion. Es geht um das Überleben des einzigen Staates, der sich die Bewahrung der gefährdeten armenischen Identität zur Aufgabe gemacht hat.
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