Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Einwurf – die „Tagespost“-WM-Kolumne

„Gib mich die Kirsche“

Von der mangelnden Verantwortungsübernahme auf und neben dem Platz.
Julian Nagelsmann
Foto: IMAGO/Bahho Kara (www.imago-images.de) | Wat nu? Julian Nagelsmann beim letzten WM-Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Paraguay.

Das Runde muss ins Eckige. Da die Nagelsmänner diese alte Fußballerweisheit mit Ausnahme des ersten Gruppenspiels gegen WM-Neuling Curaçao nicht hinreichend beherzigten, geht die Fußball-WM in den USA, Mexiko und Kanada seit Anfang der Woche ohne die Deutschen weiter.

Lesen Sie auch:

Deutschland ist im ersten Sechzehntelfinale einer Fußball-Weltmeisterschaft ausgeschieden, aber niemand übernahm die Verantwortung dafür. Bundestrainer Julian Nagelsmann, geboren 1987, benötigte gar ein Gespräch mit den DFB-Granden in Frankfurt, in welchem ihm dem Vernehmen nach mit Rauswurf gedroht wurde, um zum Rücktritt bewogen zu werden.

Anders als etwa Ronald Koeman, geboren 1963. Der Bondscoach, ein gelernter Verteidiger, der mit mehr als 250 Toren in seiner aktiven Karriere als Spieler mehr Treffer erzielte als jeder andere Verteidiger auf der Welt, erklärte seinen Rücktritt als Nationaltrainer bereits einen Tag, nachdem sich seine Oranje im Elfmeterschießen Marokko beugen musste.

Mangel an Effizienz und Effektivität

Natürlich sind es nicht die Herren an der Seitenlinie, sondern die Männer auf dem Rasen, die die Hauptverantwortung für das frühe Ausscheiden beider Mannschaften tragen. Und eine Auswertung der Daten, die die FIFA jetzt zur Verfügung stellt, zeigt sogar ziemlich genau, wo der Hase im Pfeffer lag.

Doch zunächst zum Positiven, das es auch gab und nicht unter den Rasen gekehrt werden braucht: Kein anderes Team legte so viele Kilometer auf dem Grün zurück wie das mit dem Adler auf der Brust – nämlich 509 Kilometer. Und keine andere Elf vollführte dabei so viele Sprints (5.991). An der Laufbereitschaft der Nagelsmänner lag es also nicht. Auch bei zahlreichen anderen Werten findet man die Deutschen immerhin noch unter den bisher acht besten Mannschaften des Turniers: 56 Prozent Ballbesitz, 2.721 Pässe, bei einer Passgenauigkeit von 90 Prozent, 81 von ihnen hinter die Abwehrkette.

Was fehlte, waren Effizienz und Effektivität. Von 74 Schüssen auf das gegnerische Tor zappelten nur elf am Ende auch im Netz. Der sympathische und viel gerühmte Spielmacher Aleksandar Pavlovic, der die „Legende“ Toni Kroos vergessen machen sollte, spielte insgesamt 260 Pässe mit einer Passgenauigkeit von immerhin 92 Prozent, aber nur einen einzigen hinter die Kette und der kam nicht an. Damit nicht genug: Sämtliche Gegner der Nagelsmänner, selbst der mit 7:1 besiegte Auftaktgegner Curaçao, gewannen mehr als 50 Prozent der Zweikämpfe.

Übernahme von Verantwortung auf dem Platz sorgt für andere Werte. Dass es daran mangelte, sieht auch der ehemalige „Titan“, Oliver Kahn, so. „Talent bringt dich zur Weltmeisterschaft. Verantwortung entscheidet, wie lange du dort bleibst.“ „Eine Spitzenmannschaft“ suche beim Elfmeterschießen, so Kahn weiter, „keine Freiwilligen. Sie hat Spieler, die den Ball verlangen.“ Positiv Verrückte, wie weiland Lothar Emmerich, vulgo „Emma“, der 1966 in Wembley mit der deutschen Fußballnationalmannschaft Vizeweltmeister wurde und von seinen Mitspielern den Ball mit dem Zuruf „Gib mich die Kirsche“ zu fordern pflegte.


Die „Tagespost" begleitet die gesamte Fußball-Weltmeisterschaft täglich von Montag bis Freitag in ihrer WM-Kolumne. Lesen Sie alle Folgen hier.

Katholischen Journalismus stärken

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Stärken Sie katholischen Journalismus!

Unterstützen Sie die Tagespost Stiftung mit Ihrer Spende.
Spenden Sie direkt. Einfach den Spendenbutton anklicken und Ihre Spendenoption auswählen:

Die Tagespost Stiftung-  Spenden

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Stefan Rehder Einwurf – die „Tagespost“-WM-Kolumne

Weitere Artikel

7:1, der Weg ins Finale ist nur noch Formsache? Nun ja, Curaçao ist nicht Brasilien. Der Leistungstest wartet am Samstag.
15.06.2026, 16 Uhr
Stefan Rehder
Oder: Warum das Kabinett von Olaf Scholz wie eine Parkuhr spielt und das nächste K.O.-Spiel verlieren wird.
25.06.2024, 16 Uhr
Stefan Rehder

Kirche

Nach der Hochmesse kommen Blitz und Donner: Die Piusbrüder weihen in Écône vier neue Bischöfe. Unser Autor ist bei der Zeremonie zwischen Aprikosenplantagen und Starkstrommasten dabei.
01.07.2026, 16 Uhr
Alexander von Schönburg
Mehr Andacht, weniger Reliquienverehrung: So funktioniert die neue Zweiteilung des Kölner Doms nach der Einführung der Eintrittspreise. Ein Erfahrungsbericht.
03.07.2026, 15 Uhr
Regina Einig
Der Vatikan legt getrennte Verfahren für Priester und Laien der Piusbruderschaft vor, die in die volle Gemeinschaft mit der katholischen Kirche zurückkehren wollen.
03.07.2026, 14 Uhr
Meldung