Hätte diese Kolumne, die eigentlich schon Stunden früher hätte erscheinen müssen, rechtzeitig geschrieben werden können, wenn KI-Assistenten den abgelenkten Autor rechtzeitig daran erinnert hätten? Das ist unsicher, denn wer garantiert, dass nicht auch ein menschlicher Fehler beim Stellen des KI-Weckers hätte passieren können?
Fehler am laufenden Band
Dasselbe Problem zeigt sich auch beim Traum, durch den Einsatz moderner Technologien und eines VAR („video assistant referee“) absolute Gerechtigkeit beim Fußball herzustellen. Spätestens die aktuelle WM müsste bei jedem Fußballfan die Gewissheit reifen lassen, dass dieser Traum niemals Wirklichkeit werden wird. Gleich mehrere schwere Fehlentscheidungen haben sich die Videoschiedsrichter bereits geleistet: Der erste Elfmeter Brasiliens gegen Norwegen kam beispielsweise zustande, nachdem Videoassistentin Tatiana Guzmán eingriff. In der Tat hatte der Schiedsrichter auf dem Feld ein klares Foul im Strafraum der Norweger übersehen. Aber: Ebenso unentdeckt war ein brasilianisches Foul im Mittelfeld geblieben, das überhaupt erst zur Strafraumszene führte. Die aus Nicaragua stammende Guzmán hätte nicht nur die Grätsche im Strafraum, sondern auch das Foul davor sehen und melden müssen.
Guzmán war schon beim kläglichen Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft mit einer unglücklichen Entscheidung aufgefallen: Auf ihre Intervention hin wurde das Tor von Jonathan Tah aberkannt – für einen harmlosen Körperkontakt, der in England nicht einmal für ein Wimpernzucken gesorgt hätte.
Kommt der Meta-VAR?
Das ist kein Einzelfall, sondern symptomatisch für den unauslöschbaren menschlichen Faktor beim Fußball, ja beim Sport überhaupt: Der Mensch macht Fehler, auch bei der Kontrolle der Spielregeln. Der VAR macht die Dinge nicht gerechter, sondern sorgt eher für die gefährliche Illusion von absoluter Objektivität. Auch die Schiedsrichterleistungen leiden darunter: Einige Schiedsrichter bei dieser WM machen den Eindruck, als würden sie denken: „Egal, was ich pfeife, der VAR wird’s schon richten.“
Statt eines VAR bräuchte es also einfach wieder bessere Schiedsrichter auf dem Platz. Wie man die FIFA kennt, wird sie aber eher einen Meta-VAR einsetzen, der die Videoschiedsrichter per Video überwacht, bevor sie zu den besseren alten Zeiten zurückzukehren bereit ist.
Die „Tagespost" begleitet die gesamte Fußball-Weltmeisterschaft täglich von Montag bis Freitag in ihrer WM-Kolumne. Lesen Sie alle Folgen hier.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.








