Wenn Engel reisen, lacht der Himmel“, behauptet das Sprichwort. Der Himmel über Nordrhein-Westfalen ist blau wie das Strickgarn der Baumwollspinnerei Ermen und Engels. 1837 gründete Friedrich Engels senior (1796–1860) mit seinem holländischen Partner Peter Albertus Ermen in Engelskirchen eine Fabrik. In der ehemaligen Schlosserei befindet sich heute das erste Deutsche Engelmuseum. Mit über 20 000 Exponaten zeigt es die Schönheit und Vielfalt des Glaubens an die Schutzengel.
Der Grundstock der Sammlung stammt von Johann Fischer (1934–2012). Als Versicherungsvertreter im Bergischen Land setzte er auf sichere Policen. Doch Hausrat- und Haftpflichtversicherungen allein bieten eben keinen umfassenden Schutz, wenn der Himmel nicht mitspielt. Der Glaube ist die beste Lebensversicherung. Das wusste schon Friedrich Engels. Der fromme Unternehmer ließ auf seinem Firmengelände eine Kirche errichten. Sein Sohn wiederum setzte mit dem von ihm und Karl Marx verfassten „Kommunistischen Manifest“ nicht auf den Beistand der himmlischen Kräfte, sondern im Gegenteil auf die revolutionäre Kraft des Menschen.
Kein Zufall
Johann Fischer überlebte einen Verkehrsunfall. Das war für ihn im Rückblick kein Zufall. Er glaubte, sein Überleben dem Beistand seines Schutzengels zu verdanken. So wurde er zum Engelsammler. Aus der Produktion von Friedrich Engels senior stammten feine Garne mit dem Emblem eines Puttos aus Raffaels „Sixtinischer Madonna“. Mit einem strickenden Engel wurde noch in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts Werbung für die Wolle gemacht. Damals waren Mütter und Großmütter strickende Engel am heimischen Herd. In den Volksschulen wurde auch für uns Jungen das Fach „Handarbeiten“ gegeben. Deshalb kann ich noch heute stricken, sticken und Knöpfe annähen. Dann kamen – das lange Erbe von Friedrich Engels junior – rote Socken in Mode. Deshalb bekommen die Kinder heute Ergo- und Physiotherapie statt Handarbeitsunterricht. 1979 stellte die Engelskirchener Baumwollfabrik ihre Produktion ein.
„Fahre nicht schneller, als dein Schutzengel fliegen kann“, lese ich auf einem Sticker. Er klebt an der Heckscheibe des Wagens vor mir. Unser Hund Bodil und ich stehen seit einer Stunde im Stau bei Bielefeld. Ich versuche, mich in Engelsgeduld zu üben. Endlich geht es weiter. Zwei schwere Laster hatten sich verkeilt. Zum Glück kam kein Mensch zu Schaden. Bei Olpe dann der nächste Stau. Wieder eine Stunde. Verlieren Schutzengel manchmal die Geduld? Gewiss, wenn es die Menschen allzu toll treiben. Wir erreichen Engelskirchen. Hinter dem Ortseingangsschild erhebt sich der Erweiterungsbau einer Ditib-Moschee. Dann zur Rechten in den rot-weißen Farben der Türkei der „Engel-Grill“: Burger und Smash Burger halal. Was sagt Allah dazu und sein angeblicher Prophet, der nach einem Hadith aus dem Sahih al-Buchari vom Engel Gabriel berufen wurde?
Die kühle Hochzeitssuite im Wasserschloss Ehreshoven ist unsere Belohnung für das Purgatorium der Anreise. Ich lege mich kurz auf das Bett und sehe über mir an der Decke schwere Haken. Hier wurde einst das erlegte Wild aufgehängt. Also nach draußen! Bodil badet im Wasser der Agger. Unser Gastgeber Clemens Freiherr von Boeselager gehört zum Team der Ehrenamtlichen, die das Schutzengelmuseum zu einer lebendigen Stätte der Begegnung haben werden lassen. Denn Engel sind nicht museal, sondern arbeiten als Streetworker Gottes wie die Malteser-Ritter, die neben dem Schloss ein Fortbildungszentrum besitzen. Lukas Schlichtebrede, zuständig für Finanzen und Organisation des Engelmuseums, führt mich mit anderen Mitarbeitern durch das Museum.
Begleiter in allen Lebenslagen
Eine Woche zuvor hat er eine Wallfahrt der Malteser nach Lourdes begleitet. Wunder geschehen. Jeder Engel bezeugt es. Manchmal liegen sie ganz verborgen am Wegesrand, manchmal sind sie wie ein Licht aus fernen Kindheitstagen. Die Sammlung zeigt eine Praxis pietatis in Alltags- und Volksfrömmigkeit. Engel sind Begleiter in allen Lebenslagen. Daher führt die Sammlung auch zu den Amtshandlungen der Kirche: von der Taufe über die Firmung bis zu den Engeln als Begleiter der Sterbenden, wie es das Requiem bezeugt. Auf einem Sarg liegen silberne Engelflügel: Zum Paradies mögen Engel den Verstorbenen begleiten! Engel am Hausaltar, Tabernakelengel, Engel mit einem Weihwassergefäß: Sie bezeugen die Erfahrung von Führung und Geleit.
Die Ausstellungsmacher verlieren nie den Blick auf die Mitte. Liturgie ist Teilhabe am ewigen Gloria und Sanctus der Engel. Oder wie Englands großer Dichter Gerard Manley Hopkins SJ sagt: „Der Mensch ist geschaffen, Gott zu preisen.“ („Man was created to praise God.“) Wo dieser Blick auf den Himmel verloren geht, gleitet die hehre Gestalt des Engels hinab in den Kitsch. Das Engelmuseum aber führt zu himmlischen Durchblicken. Uwe Bathe, Kunsthistoriker und Kurator, hat die Decke des Museums eigenhändig ausgemalt und in die Mitte ein rundes Fenster (Oculus) gesetzt. Der Weg der Engel führt über alles Irdische hinaus zum Herrn der himmlischen Heere. Er ist, wie es das Glaubensbekenntnis bezeugt, Schöpfer der sichtbaren und der unsichtbaren Welt.
Im Engelmuseum kann man heiraten. Kann es einen schöneren Ort für die Schließung des Ehebundes geben als eine Stätte, wo man das Geheimnis der Engel kennt? Ehen werden nach dem Buch Tobit im Himmel geschlossen. Die Schutzengel eines Paares haben die Menschen zusammengeführt. Deshalb ist das Sakrament der Ehe unwiderruflich. Denn Gottes und der Engel Wort gilt.

So dämlich der Engel-Grill, so stimmig der Name der Engel-Apotheke. Denn Engel sind Apotheker Gottes. Sie kennen die Medizin des ewigen Lebens. Medizin der Unsterblichkeit (pharmakon athanasias) nannte der heilige Ignatius die Eucharistie. „Gott ist dein Arzt“ lautet der hebräische Name Raphaels, des Urbildes aller Schutzengel. Natürlich fehlt er in dem Museum so wenig wie Michael und Gabriel und natürlich Maria, die Königin der Engel. Das Bild einer Fronleichnamsprozession zeigt das „Engelbrot“ oder „Brot des Himmels“ im Leben der Kirche.
Draußen im Bioladen kaufe ich Studentenfutter für mich und einen Kauknochen für Bodil. Am Schaufenster entdecke ich eine Werbung für den ersten Christopher-Street-Day im Bergischen Land: „Queer. Proud. Bergisch. Laut“. Am Abend halte ich einen Vortrag über Rilkes Engel in jenem Raum, wo auch die standesamtlichen Hochzeiten stattfinden. Der Ort legt die Frage nahe, die sich heute bei der Praxis der Segnung und in der evangelischen Kirche sogar bei der Eheschließung gleichgeschlechtlicher Paare stellt.
Wie halten es die Engel mit der Genderproblematik? Man will es genau wissen: Haben auch Schwule und Lesben einen Schutzengel? Welche Frage! Ganz gewiss. Arbeiten sie nach dem Vorbild des Tobitbuches auch in diesem Fall zusammen? Ganz gewiss nicht. Bibel und Apokryphen kennen die „Engelehen“ zwischen gefallenen Engeln und einigen sehr schönen Frauen.
In dem Buch „The Love of the Angels“ (1823) des katholischen Schriftstellers Thomas Moore werden sie zu Chiffren der Grenzüberschreitung. Paulus hat offenbar diese gefallenen Engel vor Augen, als er die Frauen ermahnt, während der Messe doch eine Kopfbedeckung zu tragen, um der Engel willen (1. Kor 11,10). Als ich am nächsten Morgen Engelskirchen verlasse, stehen vor der Moschee verschleierte Frauen. Ob sie wissen, warum sie Haupt und Körper verhüllen?
Erstes Deutsches Engel-Museum Engelskirchen, Engels-Platz 7, 51766 Engelskirchen
https://engel-museum.de/
Der Autor ist promovierter Theologe, habilitierter Kulturwissenschaftler und Engelforscher.
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