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Ein Spiel als Spiegel

Deutschland ist ausgeschieden. Das hat fünf Gründe. Aber nicht nur im Fußball läuft es schlecht.
Deutschland scheidet gegen Paraguay aus
Foto: IMAGO/Moritz Mueller (www.imago-images.de) | Deutschland am Boden: Auch Nick Woltemade, der in der zweiten Halbzeit eingewechselt wurde, konnte den DFB-Kickern dabei helfen, ins Achtelfinale der WM einzuziehen.

Die Weltpresse staunt – und zieht den Hut vor Paraguay. Mutig und opferbereit haben die Südamerikaner den fein eingeübten Kombinationsfußball der Deutschen zerstört. Im Elfmeterschießen konnten sie dann mit spürbarer Siegeszuversicht den Sieg erzwingen.

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Diesem starken Glauben an sich selbst (und an den lieben Gott) hatten die Deutschen wenig entgegenzusetzen. Zwei ganz verschiedene Trainerfiguren prägten das Drama als coachende Regisseure vom Seitenrand: Julian Nagelsmann, der mit unsouveräner Körpersprache und in schlechter Garderobe weder den frischen Teamleader noch den vertrauenswürdigen Fußballlehrer verkörperte.

Wie ein Rinderbaron auf der Veranda seiner Haçienda

Ganz anders der 63-jährige Gustavo Alfaro. Nur wenige wissen, dass der Argentinier einen großen Erfolg als Vereinstrainer mit Boca Juniors in seiner Heimat feierte. Dort gewann er 2019 das Pokalfinale seines Landes - im Elfmeterschießen. Als Nationaltrainer hatte er auch schon Ecuador und Costa Rica trainiert und mit Paraguay in der Qualifikation große Fußballnationen des südamerikanischen Kontinents geschlagen. Wie ein Rinderbaron auf der Veranda seiner Haçienda bewegte er sich zumeist gemessenen Schrittes in seiner Coaching-Zone, das Feuer der Begeisterung hatte er an die Spieler auf dem Platz übergeben.

Seine formelle Kleidung mit Anzug und Krawatte signalisierte Respekt vor der Aufgabe und eine autoritative Distanz zu den Spielern. Alfaro weiß: Gefolgschaft verlangt auf der anderen Seite nach äußeren und inneren Signalen eines Führungsanspruchs, der im absolutistisch verfassten Traineramt nun mal angelegt ist. Alle Fußballer im Team Paraguay spielen in guten Vereinen, eine Ausbildung nach DFB-Maßstäben hat keiner von ihnen durchlaufen. Die meisten kommen von ganz unten – vom Boden eines armen Landes mit einer sozial ungerechten Gesellschaft, die trotz relativer Stabilität ihrer Präsidialdemokratie unter Korruption und Schattenwirtschaft leidet.

Die Heimatliebe der Paraguayos – sie bleibt von den Missständen im Land unbeeindruckt. Im Gegenteil: Für die Spieler wie den draufgängerisch-sympathischen Kapitän Gustavo Gomez erwächst daraus eher eine Form besonderer Verantwortung gepaart mit Kampfbereitschaft und Leidensfähigkeit. Auch südamerikanische Spielfreude litt darunter nicht. Der gewiefte Trainer wusste, auf welche Knöpfe er drücken musste, sie liegen allesamt wie eine Perlenkette rund ums große Herz der Spieler und der Nation.

Die entscheidenden Defizite in fünf Punkten

Und die Deutschen? Es sind fünf Punkte, die sich als die entscheidenden Defizite benennen lassen: 1. Ein verunsichertes Land hat eine Mannschaft nach Amerika geschickt, die über große individuelle Qualitäten verfügte, aber als Mannschaft keine Einheit bildete, zu viele vermeintliche Leistungsträger waren wegen gerade auskurierter Verletzungen oder aus anderen Gründen nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte.

2. Nagelsmann strahlt in Habitus und Sprache nicht die erfahren-patriarchale Souveränität aus, die die Spieler bei einem Bundestrainer unbewusst erwarten. Seine Kommunikation wirkt wankelmütig, die Entscheidungen scheinen nicht immer transparent und nachvollziehbar.

3. Auf dem Platz fehlte der Anführer. Kapitän Joshua Kimmich hätte als „Sechser“ selbstverständlich die Rolle des Spielgestalters im Zentrum einnehmen müssen, ein rechter Verteidiger ist kein Regisseur, kann positionsbedingt keiner sein.

4. Die Ballbesitz-Philosophie ist, nicht nur bei Deutschland, entzaubert. Das Ergebnis zeigt eine bräsige Spielweise, aus der heraus die deutschen Angriffsspieler nur wenig Raum für Sprints und Kombinationen in die Tiefe der gegnerischen Reihen entwickeln konnten. Ballbesitz schafft Sicherheit und Berechenbarkeit – leider auch für den Gegner, der seinerzeit Räume für gefährliche Konter vorfindet.

5. Schließlich ist festzuhalten, dass auf dem Fußballplatz wie am Wirtschaftsstandort Deutschland kreative Start-up-Typen fehlen, die mit Erfindergeist und unkonventioneller Vorgehensweise das Spiel quasi immer wieder ein wenig neu erfinden. Der akademische Lehrbuchfußball mit schönen Kombinationen und taktischen Modellen, die der DFB an seinen Internaten lehrt, ist vom Erfolgsgeheimnis zum Erfolgshemmnis geworden. Lehrbuchfußball als globales Allgemeingut produziert keine Siege mehr.

Die Siege gehören denen, die es anders machen. Am Samstag spielt Frankreich gegen Paraguay.


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